Natur pur: Waldkindergärten im Trend

Bei Wind und Wetter draußen sein und nur mit dem spielen, was Mutter Natur hergibt: Waldkindergärten haben ein etwas anderes Betreuungskonzept.

Über 1.500 Waldkindergärten gibt es in Deutschland bereits, Tendenz steigend. Besonders in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München ist das etwas andere Betreuungskonzept zu herkömmlichen Kindergärten sehr gefragt.

Alltag im Waldkindergarten: Keine Berührungsängste mit Mutter Natur.

Alltag im Waldkindergarten: Keine Berührungsängste mit Mutter Natur.


Woher stammt die Idee der Waldkindergärten?

Das Konzept der Waldkindergärten hat seinen Ursprung in Skandinavien und blickt bereits auf eine lange Geschichte zurück. Aus einer Naturpädagogik-Bewegung für alle Altersgruppen entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts in Schweden langsam diese alternative Form der Kinderbetreuung. 1984 wurde dort der erste Waldkindergarten eröffnet. Auch im Nachbarland Dänemark begeisterte das Projekt. In den 1950er Jahren entstand im dänischen Søllerød eine Initiative interessierter Eltern, die dort den Grundstein für die erste Einrichtung dieser Art legten.

Entwicklung in Deutschland

Knapp zehn Jahre später schwappte die Idee schließlich nach Deutschland: In Wiesbaden eröffnete 1968 - damals noch ohne offizielle Genehmigung - der erste deutsche Waldkindergarten, der bis heute den Kleinen ein Leben im Einklang mit der Natur nahe bringt. Die offizielle Anerkennung ließ damals noch lange auf sich warten. Erst 1993 öffnete in Flensburg der erste staatlich anerkannte Waldkindergarten nach dänischem Vorbild seine Pforten. Von hier aus trug sich die Idee im ganzen Land schnell weiter und begeistert seitdem immer mehr Eltern.

Welches Konzept steht hinter den Waldkindergärten?

Im Gegensatz zu konventionellen Einrichtungen ist der Alltag im Waldkindergarten ganz und gar von der Natur geprägt. Frei nach dem Motto: “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“, spielt sich die das Leben in einem Waldkindergarten in der Regel immer draußen ab. Bei Wind und Wetter und zu jeder Jahreszeit spielen, erkunden, erforschen, basteln, bauen, singen und bewegen sich die Kleinen permanent an der frischen Luft. Nach deutscher Vorschrift muss es jedoch auch für Naturkindergärten eine beheizbare Unterkunft in erreichbarer Nähe zu den Freiflächen geben. In die sollen sich die Kinder aber nur in Ausnahmesituationen, wie zum Beispiel bei einem Unwetter, zurückziehen. Diese kleinen Herbergen können einfache Hütten oder ein Bauwagen sein.

Kleine Gruppen – viel Eigeninitiative

Die Gruppen in den Waldkindergärten sind überschaubar: 15 bis 20 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren werden von mindestens zwei Betreuern begleitet, die eine Zusatzausbildung zum Natur- und Waldpädagogen haben. Sie sind darauf geschult, wenig regulierend in die kindlichen Handlungs- und Lernprozesse einzugreifen. Selbstverständlich achten sie aber auf Sicherheit und Wohlbefinden, spenden Trost und geben Anregungen. Im Waldkindergarten wird auf konventionelles Spielzeug verzichtet. Zum Spielen und kreativen Gestalten wird nur das genutzt, was Mutter Natur zu bieten hat: Das sind zum Beispiel Steine, Äste, Matsch, Blätter und anderes.

Rahmenbedingungen im Waldkindergarten

Der Betreuungstag im Waldkindergarten endet in der Regel um die Mittagszeit. Aufgrund des steigenden Bedarfs werden mittlerweile jedoch auch oft Ganztagesbetreuungen angeboten. Diese geschehen nicht selten auch in Kooperation mit herkömmlichen Kindergärten, insbesondere wenn es um das Mittagessen geht.

Die Kosten für eine Betreuung im Waldkindergarten meist nicht höher, als in einem konventionellen Hort, werden aber auf Länderebene geregelt. Elternabende, jahreszeitliche Feste und bildende Ausflüge gehören genauso zum Programm der Waldkindergärten, wie bei herkömmlichen Einrichtungen.

Was sind die Vorteile von Waldkindergärten?

Die frühkindliche Bildung prägt ein Kind maßgeblich. Passiert dies in und mit der Natur, kann das nur positive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung haben.

  • Im Rhythmus der Natur erlebt das Kind sich ganz praktisch als Teil davon. Das gibt tiefes Selbstbewusstsein, im wahrsten Sinn des Wortes.
  • Das Kind erfährt auf ganz natürlichem Wege Mut und Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten, Vertrauen in seine Stärken, aber auch persönliche Grenzen.
  • Konzentrationsfähigkeit und Ausgeglichenheit werden durch den Aufenthalt in der Stille der Natur gefördert.
  • Das Kind erlangt Sicherheit und Selbständigkeit durch kreative, spielerisch selbst erarbeitete Lösungen bei alltäglichen Dingen durch die ständig wechselnden Gegebenheiten in der Natur.
  • Durch den Verzicht auf vorgegebene Spiele und konventionelles Spielzeug, stattdessen Entwicklung eigener Spielideen, werden Kreativität und Phantasie gefördert.
  • Gemeinschafts- und sozialer Sinn werden geweckt, wenn jeder einzelne nach seinen Stärken gefördert wird, sich nach seinen Talenten für alle einsetzt und gemeinsam etwas geschaffen werden kann.
  • Körperliche Kraft und Wendigkeit, aber auch das Körperbewusstsein werden durch die permanente Aktivität im Freien gestärkt.
  • Die Widerstandsfähigkeit und das Immunsystem werden durch den direkten Umgang mit Tieren, Pflanzen, Erde und den Wetterbedingungen aktiviert.
  • In die Praxis umgesetzter Sinn, Respekt, Wertschätzung und Umsichtigkeit für Tiere und Pflanzen fördern ein ökologisches Bewusstsein.
  • B esonders für Stadtkinder ist als Ausgleich in der Natur und ihrem jahreszeitlichen Zyklus erdend, stärkend und erweitert den Horizont

Welche Nachteile hat ein Waldkindergarten?

Für Natur-Fans mutet der Alltag in einem Waldkindergarten fast romantisch an. Dennoch gibt es einige Dinge zu bedenken, die auch als Nachteil gewertet werden können.

  • Begrenzte Öffnungszeiten: In der Regel ist die Betreuung der Kinder mittags zu Ende. Aufgrund des großen Bedarfs bieten jedoch immer mehr Naturkindergärten auch Ganztagesbetreuung an.
  • Verschleiß: Die Kleidung deines Kindes wird stark beansprucht und sollte deshalb robust und den Wetterverhältnissen angepasst sein. Schmutz und auch Löcher sind hier eher die Regel.
  • Empfindliche Kinder: Sensibelchen und zarte Kinder könnten anfangs Schwierigkeiten haben, sich an das  Outdoor-Leben bei jeder Wetterlage anzupassen.
  • Irgendwo im Nirgendwo: Die Anfahrtswege in die Natur können lang und umständlich sein.
  • Ansteckungsgefahr: Ein im Wald leicht erhöhtes Risiko von Zecken- und Bremsenstichen könnte eine gesundheitliche Gefahr darstellen.

Naturnahe Alternativen

Das Konzept der Waldkindergärten ist rund – aber auch relativ kompromisslos. Wenn du dich damit nicht zu 100% identifizieren kannst, ist dein Kind hier wahrscheinlich nicht gut aufgehoben. Liegt es dir dennoch am Herzen, dass dein Kind die Vielfältigkeit der Natur in seinem Alltag erlebt und integriert, dann bieten konventionelle Kindergärten, die auch Waldtage oder Waldprojekte in ihrem Programm haben, eine schöne Alternative, und das sicher auch in deiner Nähe.

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