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Warum Doktorspiele Kindern helfen können, ihren Körper zu entdecken – und wo die Grenze ist

Warum Doktorspiele Kindern helfen können, ihren Körper zu entdecken – und wo die Grenze ist

Das bin ich!

Meine Nase, meine Ohren, mein Körper: Durch sogenannte "Doktorspiele" mit anderen Kindern entdecken Kleine ihr Selbstbild und vergleichen dieses mit anderen Kindern. Die verschiedenen Phasen, wie die Kleinsten ihren Körper entdecken und wie wir Eltern sie dabei begleiten können.

Am Anfang des Lebens erleben Kinder vor allem über ihren Körper, wer sie sind und was sie können. Sie greifen den Ball, sie befühlen ihr Kuscheltier. Kinder rollen, robben und rasseln wie die Weltmeister. Sie spüren Mamas oder Papas Haut, das Fließen des Wassers über ihren Körper. Sie frieren und genießen das Kitzeln von Grashalmen auf der Nase. Und Kinder untersuchen ihre Hände und Füße genauso selbstverständlich wie ihre Geschlechtsorgane.

Hier bin ich, da sind die anderen

Aus diesen Erfahrungen entwickelt sich nach und nach das sogenannte „Körper-Selbst“. Die Kinder nehmen ihren eigenen Körper als abgetrennte Einheit wahr: Hier bin ich. Da sind die Anderen. Wie positiv sich ihr Körpergefühl entwickelt, hängt natürlich auch von der Reaktion der Eltern ab, ob sie ihre Kinder bestärken oder eher bremsen, ob sie vielfältige Erkundungen zulassen oder eher „Pfui“ rufen.

Und alles hängt miteinander zusammen: motorische Kompetenzen, seelische Balance und geistige Leistungsfähigkeit. Vereinfacht gesagt: Wer sich viel bewegen kann, dem fällt das Denken leichter. Wer seinen eigenen Körper gut wahrnimmt, dem gelingt auch die Kontaktaufnahme mit anderen besser. Im Turnverein muss man seine Kinder deshalb nicht gleich anmelden. In den ersten Lebensjahren geht es vielmehr darum, das Körperbewusstsein der Kinder durch alltägliche Sinneserfahrungen zu fördern.

Berührung, Fingerspiele und Co.

Wenn die Eltern etwa beim Wickeln und Anziehen die verschiedenen Körperteile liebevoll berühren und benennen, nimmt das Baby seine Körperlichkeit positiv wahr: „Alles gehört zu mir. Ich bin so in Ordnung.“ Auch Babymassagen sind in den ersten Lebensmonaten etwas sehr Schönes. Durch die Berührungen werden die Nervenzellen angeregt und komplexer vernetzt.
Kinder lieben schon früh Fingerspiele, bei denen die Körperteile benannt und berührt werden. Durch diese Verknüpfung von Sprache, Bewegung und körperlichem Empfinden entwickelt das Kind im Kopf Bilder und Assoziationen von sich selbst – und das fördert natürlich die Vorstellung und das Verständnis vom eigenen Ich.

Kinder entdecken ihren Körper

Die Körpererfahrungen der Kindheit begleiten uns durch das ganze Leben. Wie wohl wir uns später in unserem Körper fühlen, wie gern wir ihn mögen, hängt auch davon ab, wie wir Körperlichkeit in der Kindheit erlebt haben. Eine gelungene Sexualerziehung beginnt entsprechend nicht erst mit dem berüchtigten „Aufklärungsgespräch“, das viele als etwas verkrampfte Angelegenheit in Erinnerung haben dürften. Kluge Sexualerziehung vermittelt Kindern vielmehr von Geburt an eine positive Einstellung zum eigenen Körper. Kuscheln, Kitzeln, Schmusen, Geborgenheit, Vertrauen und schöne sinnliche Erlebnisse - wenn Kinder all das erleben, haben sie gute Chancen, sich zu einem beziehungs- und liebesfähigen Menschen zu entwickeln.

Kinder dürfen ihren eigenen Körper erkunden

Doch ohne es zu wollen, hemmen wir manchmal das angeborene Bedürfnis unserer Kinder nach aktiven Körpererfahrungen: In der Eile nimmt man das Ärmchen und stopft es kurzerhand wortlos in die Jacke, oder klemmt sich sein Kind unter den Arm, weil einem gerade die Geduld fehlt, abzuwarten, bis es sich selbst aufgerichtet hat. Oder wir rollen entnervt mit den Augen, wenn sich unser Nachwuchs von oben bis unten mit Matsch beschmiert. Wir schnallen die Kleinen in der Karre fest, damit es nun endlich mal losgehen kann.

Es ist aber erwiesen, dass beispielsweise Kinder, die viel gefahren werden, ihre Umwelt weniger wahrnehmen und einen schlechteren Orientierungssinn entwickeln. Warum? Das Gehirn „verbucht“ nur Dinge, die der Körper selber macht. Nur wenn ein Kind selbst geht, spürt es die Kraft seiner Beine – und wie die Energie langsam nachlässt. Wie sich getrockneter Matsch auf der Wange anfühlt, kann man nur an eigener Haut erfahren. Und das befriedigende Gefühl „Ich kann etwas“, setzt erst ein, wenn der Zweijährige den Arm allein in die Jacke bekommt oder selbst den Kissenberg erklimmt.

Warum Doktorspiele für Kinder ganz natürlich sind

In einem bestimmten Alter, meist ab ca. 3 oder 4 Jahren beginnen Kinder sich auch genauer für die Körper der anderen zu interessieren. Sie zeigen sich meist ungeniert nackt anderen Kindern in der Kita, Schwimmbad oder Umkleide und stellen die Unterschiede zwischen ihren Geschlechtsorganen und denen der anderen fest. So begreifen sie sich im Gegensatz zu den anderen und was "Junge" oder "Mädchen" körperlich bedeutet.

Manche Kinder entdecken dann auch, dass es sich angenehm anfühlt, sich selbst an intimen Zonen zu berühren und experimentieren damit. Das gehört zu einer ganz natürlichen Entwicklung und sollte von Eltern nicht negativ kommentiert werden. Sonst denken die Kinder, sie hätten etwas falsch gemacht oder wären "nicht normal" und entwickeln dann vielleicht ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Geschlechtsteilen.

Wenn Kinder gegenseitig ihre Geschlechtsorgane untersuchen, schlüpfen sie meist in Rollenspiele. Das passiert meist im Alter zwischen 4 und 6 Jahren. Dann spielen sie im gern mal Arzt/Ärztin und Patient/Patientin, denn das kennen sie aus ihrem Alltag und in den Berufen untersuchen sich Menschen nun mal ganz genau. Kinder nehmen das wahr und ahmen das spielerisch nach. Dieses gegenseitige Untersuchen und Entdecken, nennen wir "Doktorspiele".

Wie Eltern angemessen reagieren sollten

Wenn eure Kinder euch davon erzählen, dass sie mit einem Freund oder Freundin so was gespielt haben, solltet ihr nicht mit Abwehr reagieren. Sonst macht ihr aus dem Ganzen ein Riesending und die Kinder beginnen sich noch viel mehr dazu zu fragen. Versucht es nicht zu tabuisieren, reagiert skeptisch oder erzählt Kindern, dass "man das nicht macht". Auch wenn ihr eure Kinder mit anderen Spielkameraden "erwischt" wie sie sich untersuchen, solltet ihr keine Panik verbreiten.

Sondern fragt, was genau sie daran faszinierend fanden bzw. was sie gesehen haben und ob es Fragen gibt, die ihr beantworten könnt. Es kann sein, dass dieses spielerische Untersuchen bei den Kindern erste Fragen zu Sexualität und Geschlecht aufgeworfen hat, die ihr dann am besten auch versucht so normal wie möglich zu erläutern. Dann merkt das Kind, dass das alles ganz natürlich ist und es mit allen Themen bezüglich eigenem und fremdem Körper sowie Sexualität immer vertrauensvoll zu euch kommen kann.

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Doktorspiele und die Grenze zum sexuellen Übergriff

Wenn Kinder mit anderen Kindern spielen, dann imitieren sie das, was sie von uns Erwachsenen beobachten. Sie spielen Vater, Mutter, Kind, halten vielleicht spielerisch Händchen und untersuchen sich in Arzt-Patient-Situationen gegenseitig. All diese Rollenspiele und Doktorspiele sind völlig in Ordnung und müssen auch nicht gestoppt werden, wenn dabei ein paar Regeln gelten:

  • Konsens: Alle beteiligten Kinder sollten freiwillig bei dem Spiel mitmachen. Sobald sich ein Kind dabei doof fühlt oder gezwungen bzw. überredet wurde, sich z.B. hinzulegen und untersuchen zu lassen, ist das natürlich gar nicht mehr okay.
  • Machtgefälle: Wenn Doktorspiele zwischen Gleichaltrigen stattfinden, ist das in Ordnung. Sobald ein Kind etwas älter und überlegener ist und schon mehr über Sexualität weiß und beim Spielen vielleicht etwas intendiert, geht das in die falsche Richtung.
  • Kindliches Erforschen: Beim gegenseitigen Entdecken geht es meist darum, den Körper des Anderen oder der Anderen kennen zu lernen und die Kinder merken, was daran anders als an ihrem Körper ist. Sobald sie anfangen, sexuelle Handlungen darzustellen, nachzuahmen oder etwa ein Kind anfängt, Geschlechtsteile zu reiben oder ähnliches, ist definitiv eine Grenze überschritten. Dann geht es nicht mehr um körperliches Entdecken, sondern ist eindeutig übergriffig.

Daher ist es auch extrem wichtig, dass ihr euren Kindern lernt, dass sie selbst bestimmen, wer sie wo anfassen darf. Das gilt für allem für intime Zonen wie die Geschlechtsregion. Sie müssen wissen, dass sie Stop! sagen müssen und ggf. einen Erwachsenen holen, wenn ein anderes Kind das nicht akzeptieren sollte. Einen Ratgeber für Eltern findet ihr dafür bei Zartbitter e.V.

Kinder sollten ungeniert ihre Körperlichkeit entdecken

"Lust ist beim Menschen von Anfang an da. Babys saugen an der Mutterbrust, sie genießen Berührungen und spüren, wie angenehm das ist. Wenn sie etwas größer sind, haben sie auch durchaus erotische Fantasien. Das drücken sie mitunter auch klar aus und wir sehen es in ihren Spielen.", weiß Diplom-Pädagogin Ingrid Löbner.

Wie Eltern damit am besten umgehen? Der Rat der pro familia-Sexualberaterin: Es bedarf keiner besonderen Aktivitäten und Gespräche - nur, wenn das Kind es wünscht. Eine liebevolle Begleitung reicht völlig aus: "Wenn Kinder ungeniert und geborgen sein können und ihre Körperlichkeit genießen dürfen, ist das die beste Basis, damit sie als Erwachsene ein sinnliches Leben mit einer erfüllten Sexualität führen.", erklärt Löbner.

Wichtig bei den Themen Sexualität und Kinder ist: Ihr solltet eine Umgebung schaffen, in der ein Kind mit all seinen Fragen und Ideen zu euch kommen kann. Es sollte erstmal kein Tabu geben, über das bei euch nicht gesprochen wird. Wenn Körperlichkeit und Nacktheit bei euch daheim normal vorgelebt wird, klären sich viele Dinge meist ganz natürlich nebenbei.

Es gibt verschiedene Arten Kinder aufzuklären, wie es auch viele unterschiedliche Erziehungsansätze gibt. Hier werden einige aufgezählt. Erkennt ihr euch darin wieder oder erzieht ihr ganz anders?

Behutsam vorgehen

Ich habe solche Themen mit meiner fast 3-Jährigen noch nicht gehabt bzw. denke, dass sie so was noch nicht gemacht hat. Ehrlicher Weise muss ich aber zugeben, dass auch ich mir Gedanken mache, wie ich dann adäquat reagiere. Ich weiß, dass ich solche Spiel in meiner Kindheit auch gespielt habe, doch mit niemandem drüber geredet habe. Bin gespannt, wie meine Tochter damit umgeht, denn wir sind was Körperliches angeht, eigentlich sehr offen miteinander. Doch irgendwo, denke ich, sind wir Eltern da alle etwas gehemmt und müssen aufpassen da entspannt und nicht zu panisch zu reagieren.

Die Themen sexueller Missbrauch oder Übergriff werden heutzutage viel mehr besprochen und wir sind da eher sensibilisiert, als ich es in meiner Kindheit erinnere. Das ist auch gut so, es erzeugt jedoch auch unterbewusst diverse Ängste vor möglichen unadäquaten Begegnungen, die dann vielleicht bei uns Eltern solche Unsicherheiten im Umgang mit Doktorspielsituationen auslösen. Ich hoffe, die Tipps im Artikel helfen euch dahingehend ein wenig und auch ich kann sie dann bei meiner Tochter anwenden, wenn es mal soweit ist.

Bildquelle: IMAGO / Cavan Images

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