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Christiane Paul im Interview: "Ich bin nicht immer ausgeglichen"

Christiane Paul im Interview zu Räuber Hotzenplotz
Christiane Paul im Interview (© IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

Christiane Paul spielt in der neusten Verfilmung von "Der Räuber Hotzenplotz" die Hellseherin Frau Schlotterbeck. Auch dank ihrer Hilfe kann der Räuber Hotzenplotz schließlich gefunden und verhaftet werden. Im Exklusivinterview wollten wir natürlich über den Film sprechen, aber plötzlich waren ganz andere Themen sehr viel drängender.

Bevor ihr durch das Interview noch viel tiefer in die Welt von Räuber Hotzenpltz einsteigt, schaut euch doch erstmal den Trailer zum Film an:

Der Räuber Hotzenplotz - Trailer Deutsch
Der Räuber Hotzenplotz - Trailer Deutsch

Die Frau Schlotterbeck, die sie spielen, die nutzt ihre Gabe ja nicht mehr, weil sie sich einmal verzaubert hat mit ihrem Hund, dem Wasti. Aber Fehler passieren ja. Wie lernen wir uns selbst zu verzeihen?

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Christiane Paul: Ach du meine Güte, das ist ja fast eine philosophische Frage. Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Es ist ja für Frau Schlotterbeck auch nicht so leicht. Ihr gelingt es erst bei einer äußeren Notlage. Diese erfordert, dass sie über sich hinauswächst und sich selber verzeiht. Es ist nötig, dass sie sich sagt: “Ok, gut, ich muss meine schlechte Erfahrung hinter mir lassen, das, was ich vielleicht falsch gemacht habe, um was Neues besser zu machen“.

Ich glaube, das ist das, was möglicherweise auch im Leben hilft, wenn da etwas Größeres ist, womit wir dann das Vergangene vergangen sein lassen können. Vielleicht muss man sich auf etwas anderes fokussieren und das Vergangene als Erfahrung abspeichern, um dann weiterzugehen. Aber ehrlich gesagt, finde ich das mit dem sich selbst verzeihen, wirklich nicht so leicht.

Wie verzeihen wir uns selbst?

So gehts mir auch. Es ist vielleicht auch ein Lebensthema, auf jeden Fall aber eines für Eltern. Viele Eltern glauben, sie wären schlimme Eltern, weil sie XY oder Z nicht machen. Und bei Kindern, so mein Eindruck, nimmt das auch immer mehr zu, dass sie keine Fehler mehr machen dürfen.

Ist das so?

Ich empfinde das so. Wenn ich zum Beispiel an meine Schulzeit denke, da waren Noten viel weniger relevant, als sie es jetzt sind. Und in dem Sinne dürfen Kinder, denke ich, schon nicht mehr so viele Fehler machen.

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Schule ist sowieso ein ganz eigenes Thema. Ich habe das Gefühl, da ist so viel aus dem Lot. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wo man da anfangen soll. Ich glaube, die Grundschulen, zumindest die in Berlin sind oft überfordert, sie haben viel zu wenig Personal und zu hohe Erwartungshaltungen der Eltern. Ich habe auch den Eindruck, dass das Schüler-Lehrer-Verhältnis irgendwie gestört ist. Da werden Grundverabredungen wie beispielsweise, dass man im Unterricht ruhig ist und Respekt gegenüber dem Lehrer hat, insgesamt respektvoll miteinander umgeht, nicht mehr eingehalten. So ganz banale Dinge stimmen nicht mehr. Das ist ein Punkt.

Ein anderer Punkt ist das, was Sie sagen, dass plötzlich alles ganz wichtig ist und sich der Focus gewandelt hat. In den letzten Jahren hat sich durch Pandemie, Krieg und Global Warming, wahnsinnig viel verändert und eben auch und vor allem für unsere Kinder. Es wird immer klarer, die Zukunft wird eine andere sein als gedacht und der Druck von außen wird immer größer. Das muss aber innerlich irgendwie balanciert werden.

Diese Grundverabredungen, die ich angesprochen habe und die nicht eingehalten werden, die sorgen für ein großes Chaos. Und dazu kommt das, was Sie auch empfinden: Früher habe ich stundenlang im Freibad gelegen. Heute sind die Stundenpläne total voll, die Schultage sind lang. Und es ist auch so unterschiedlich, wie die Schulen das alles gewichten. Wir haben Kinder an verschiedenen Schulen und die erleben ganz unterschiedliche Dinge. Das eine Kind schreibt ständig irgendwelche Arbeiten, das andere gar nicht. Und es sind beides staatliche Schulen. Ich habe das Gefühl, es ist so ein bisschen strukturlos und keiner weiß so richtig, wo es hingeht. Gleichzeitig erhöht sich der Druck.

Das Wichtigste ist die Liebe

Und wir sind alle nicht perfekt, wir machen Fehler und wir müssen sie machen dürfen.

Ja, genau. Ich mache natürlich auch Fehler. Aber ich merke mehr und mehr, vielleicht auch, weil meine Kinder jetzt schon älter sind, dass das, was wirklich wichtig ist, Liebe ist. Echte Liebe und Zuwendung. Das klingt wie ein Kalenderspruch, aber es ist gar nicht so leicht, wirklich da zu sein und mitzubekommen, was gerade beim eigenen Kind los ist. Da kommen wir dann auch wieder zum Thema Verzeihen zurück. Wie geht man damit um, wie bespricht man das, wenn was passiert ist? Weil ich das jetzt seit über 20 Jahren mit meinen Kindern erlebe, weiß ich auch, wie schwer das manchmal sein kann.

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Weil eben nie immer alles klappt.

Ja, auf jeden Fall. Das sage ich mir auch immer, ich bin ja keine Maschine. Ich bin nicht immer ausgeglichen, ich bin ja nicht Buddha. Es gibt natürlich Momente, wo ich wütend bin. Ich kann nicht ständig ausgeglichen und verständnisvoll sein. Das krieg ich einfach nicht hin.

Das würde aber auch auf Kinder sehr viel Druck ausüben, wenn Eltern nur noch wie Roboter agieren. Wie sollen sie denn dann lernen, dass Gefühle ok sind. Meine Kinder erleben mich mit vielen Facetten und ich glaube, das Wichtigste ist, dass über allem spürbar immer die Liebe regiert.

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Und genau diese Liebe ist total wichtig. Ich erlebe das auch immer wieder durch das Umfeld, in dem meine Kinder unterwegs sind. Liebe und Zuwendung sind gar nicht so selbstverständlich. Und das hat nichts mit sozialer Schicht zu tun, ganz im Gegenteil. Diese Grundvoraussetzung, positive Zuwendung und Liebe, ist nicht immer uneingeschränkt vorhanden.

Der gehobene finanzielle Status schützt nicht vor emotionaler Verwarhrlosung

Haben Sie das Gefühl, die Liebe und Zuwendung nimmt ab oder zu?

Das weiß ich nicht. Ich sehe nur, dass diese Zuwendung nicht abhängig ist davon, wie viel Geld in einer Familie vorhanden ist, welchen Status sie hat. Leider ist Bildung in dem System, in dem wir leben, nicht unabhängig vom sozialen Status zu sehen.. Aber wie es Kindern emotional geht, hat nichts mit dem sozialen Status zu tun. Ich glaube, es ist wichtig zu wissen, dass es da einen Unterschied gibt. Der gehobene finanzielle Status schützt nicht vor emotionaler Verwahrlosung oder vor dem Alleingelassen werden.

Ich beobachte mit Verwunderung, welche Anspruchshaltung manche Eltern der Schule gegenüber haben.

Ja, das kommt auch noch dazu. Dass Eltern hohe Ansprüche an die Lehrer haben, die damit zum Teil überfordert sind. Und von den Kindern hört man, dass es wahnsinnig wichtig ist, wie die Lehrer mit ihnen umgehen. In den übervollen Klassen ist das aber schwierig. Ich meine damit nicht, dass Zensuren leicht vergeben werden, sondern ob die Lehrer zugewandt und respektvoll mit ihren Schülern umgehen. Und natürlich sollte das auch in der Umkehrung gelten. Das steht außer Frage. Leider ist es, so nehme ich es jedenfalls wahr, nicht selbstverständlich, dass es ein aufgeschlossenes, positives Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern gibt.

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Ein liebevoller Blick auf alle

Aber das bedingt sich ja auch gegenseitig. Wenn die Klassen immer größer werden, das Anspruchsdenken der Eltern immer weiter wächst, die Anforderungen an Lehrende immer massiver werden, da bleibt dann vielleicht das Wichtigste, die Bindung zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen auf der Strecke. Und wie kommen wir jetzt zurück zum Räuber Hotzenplotz?

Ganz einfach. Denn der Film hat einen total liebevollen Blick auf alle Figuren! Das, was in der Schule eben leider oft fehlt. Dabei ist dieser liebevolle Blick total wichtig für Kinderseelen, egal ob die ganz klein sind oder schon Teenager. Das ist das Tolle an dem Film. Und es ist natürlich Otfried Preußler geschuldet, der die Figuren im Kinderbuch ja so angelegt hat.

Ich will diesen liebevollen Blick auch nicht als Lebensmaxime benennen, aber als Grundlage für das Zusammenleben mit Kindern. Und natürlich ist der Film ein Märchen, eine Fantasiewelt. Aber die ist ja total wichtig zu haben. Es muss nicht immer einen Realitätsbezug geben.

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Ich finde den Film aus der Zeit gefallen und gleichzeitig total umarmend.

Ja, das brauchen wir auch viel viel mehr.

Was ich an Kinderfilmen so wichtig finde, ist, dass der Fokus auf den Kindern liegt und nicht auf die mitguckenden Eltern. Das gelingt hier total gut.

Vielleicht könnte man denken, der Film ist ein bisschen altmodisch gemacht, aber das ist er eben ganz und gar nicht. Zum Beispiel die neue Hotzenplotz-Interpretation, die Nici Ofczarek spielt, ist aus meiner Sicht ganz modern. Dieser Hotzenplotz versucht eigentlich immer nur seinem Papa zu gefallen, er möchte von seinem Papa anerkannt und geliebt werden. Die Figuren mit ihren tollen Kostümen, das Szenebild, alles ist wahnsinnig liebevoll gemacht und konsequent aus der Perspektive der beiden Jungen Kasperl und Seppel erzählt.

Wir haben den Film auch mit meinen älteren Kindern geguckt und die mochten den Film auch. Die waren wie verzaubert.

Ich mochte auch den Zauberer Zwackelmann und habe mich durch das immer mitwandernde Auge so sehr in unserer Realität wiedergefunden. In der Realität wird mit den Smartphones auch überall draufgehalten, es hat nur stattgefunden, wenn es Fotos und Videos davon gibt. Ich bin aber der Meinung: Ich muss vieles erleben, aber ich muss nicht alles filmen.

Ich denke, das kann man seinen Kindern doch auch total gut vermitteln. Wir haben bestimmte „Regeln“ eingeführt. Bei uns gibt es zum Beispiel beim Essen kein Telefon. Das gilt übrigens auch für die Erwachsenen. Jetzt sind die Kinder natürlich schon etwas älter. Aber sie sind selbstbestimmt und selbstständig auf diesen Weg gekommen.

Ab einem gewissen Alter kann man ja nicht mehr über Verbote, sondern nur noch über Vernunft und gewisse Rituale Einfluss nehmen. Wenn wir zusammen essen, sitzt niemand am Telefon. Das haben wir so zusammen aufgebaut und da ist niemand traurig oder böse drüber, das ist einfach so. Oft ist der Weg dahin wahnsinnig anstrengend, das erst einmal zu fordern und dann auch durchzuhalten. Aber wenn man das gut begleitet, dann wird das.

Andrea Zschocher

Filmkritik zu "Räuber Hotzenplotz"

Der Film "Der Räuber Hotzenplotz" versetzt einen in eine andere Zeit. Ich hatte es ja bereits im Interview mit Christiane Paul erwähnt, ich finde ihn sehr umarmend und liebevoll. Auch für jüngere Kinder, ist er nicht zu gruselig, denn der Schauspieler Nicholas Ofczarek gibt dem Eigenbrödler soviel Gefühl mit, dass ganz schnell klar wird: Eigentlich sehnt sich der böse Räuber, wie wir alle, nach einer Familie und einem Platz in der Welt.

Ich finde es wunderbar, dass der Film Kinder im Blick hat und konsequent darauf achtet, dass sie alles verstehen, sich amüsieren und mitfiebern. Das macht ja gute Filme aus, dass wir mit den Figuren leiden, uns freuen und feiern. Beim Räuber Hotzenplotz ist wirklich jede Figur eine, die man näher kennen lernen will, auch den Hund Wasti. Ein schöner Film, der Kinder und Erwachsene in eine andere Welt abtauchen lässt.

Andrea Zschocher