Wenn Eltern unterschiedlich erziehen

Entwicklung & Beziehung

Wenn Eltern unterschiedlich erziehen

Wie weit dürfen die Erziehungsstile von Mutter und Vater voneinander abweichen bis daraus wirklich "unüberwindbare Differenzen" werden? Und: Haben Kinder davon Nachteile? Wir haben uns dazu ein paar Gedanken gemacht.

Viele Eltern sind sich in Fragen der Kindererziehung nicht einig. Der Vater reagiert oft nachgiebiger oder gelassener als die Mutter. Schadet das den Kindern? Kinder erleben in ihrem engeren wie auch im weiteren Umfeld ganz verschiedene Erziehungsstile. Eltern besitzen unterschiedliche Vorstellungen, Großeltern folgen wiederum anderen Idealen in der Erziehung als Eltern. Die Begegnung von Kindern mit ganz unterschiedlichen Ansichten über Erziehung gehört also zu ihrem Alltag.

Und genauso alltäglich ist die Erfahrung, dass sich Erziehungsbeziehungen verschieden gestalten: Der Kontakt zu Eltern ist ein anderer als der zur Erzieherin oder Lehrerin, der zu den Großeltern ein anderer als zu der Nachbarin. Das Kind erfährt unterschiedliche Erziehungsstile, indem es sie als gelebte Modelle spürt. Es lernt zu vergleichen; es erfährt, welches Modell angemessener ist.
Unterschiedliche Erziehungsstile machen Kinder realitätstüchtig, geben ihnen das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, um sich in verschiedenen Situationen des Alltags zurechtzufinden und behaupten zu können.

Erziehungsstile auf gemeinsame Grundlage stellen

Allerdings müssen bei allen Unterschieden immer zwei Grundsätze beachtet werden:
• Kinder müssen wissen, an wen bzw. woran sie sich in Situationen zu halten
haben. Besteht hier keine Einigkeit, spielen Kinder die Beteiligten
gegeneinander aus.
• Unterschiedliche Erziehungsstile dürfen von Erwachsenen nicht dazu
missbraucht werden, um sich beim Kind einzuschmeicheln: „Bei mir
darfst du aber mehr…“, oder die andere Bezugsperson gefühlsmäßig
herabzusetzen: „Ich bin netter zu dir als…“ Dies bringt Kinder in
Loyalitätskonflikte.
Verschiedene Erziehungsstile haben nichts damit zu tun, dass die einen besser, die anderen schlechter erziehen. Die Unterschiede haben vielmehr mit Nähe und Distanz zu den Kindern zu tun. Je näher man an einem Kind dran ist, je mehr man in Alltagsgeschäfte involviert ist, je mehr man mit den Kindern Normalität, ja, die Mühen der Ebene er- und durchlebt, umso häufiger erfährt man Erziehung als Stress, umso mehr kennen die Kinder die Schwachpunkte ihrer Eltern. Und umso gereizter und ungehaltener erleben Kinder, Vater und Mutter die Kindererziehung.

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Mit unterschiedlichen Erziehungsstilen umgehen

Wenn gemeinsame Grundsätze in der Erziehung eingehalten werden, sind unterschiedliche Erziehungsstile kein Problem für die Kinder.

Grundsätze in der Erziehung einhalten

Unterschiedliche Erziehungsstile schließen die gegenseitige Unterstützung nicht aus, brauchen aber nicht dazu zu führen, dass Kinder, Väter und Mütter sich gegeneinander ausspielen. Und unterschiedliche Erziehungsstile müssen auch keine Konflikte auf der partnerschaftlichen Ebene mit sich bringen, wenn alle Beteiligten ein paar Grundsätze bedenken:
➤ Zunächst einmal trifft man die Entscheidung zugunsten des Elternteils, dem die Frage wichtig ist: Ist für einen Vater das Rangeln und Raufen bedeutsam, übernimmt er die Verantwortung für dieses Ritual, und ist für eine Mutter das schnelle Aufräumen nach dem Kochen unverzichtbar, wird zu ihren Gunsten entschieden.
➤ Zu bedenken ist auch, wer die Hauptlast der Entscheidung trägt. Hat die Mutter am Morgen die Folgen daraus zu ertragen, dass die Kinder vom Vater zu spät ins Bett gebracht wurden, hat dieser sich zurückzunehmen. Sein Zubettgeh-Ritual könnte er am Wochenende durchführen, an dem es ohnehin einen anderen Zeitrhythmus gibt.
➤ Ein drittes Entscheidungskriterium kann sich aus der größeren Sachkenntnis – aber nicht: Besserwisserei oder bloß Besorgnis! – eines Elternteils ergeben. Wenn eine Mutter aus Erfahrung weiß, das eine Kind braucht ein geringeres Schlafquantum, das andere aber mehr Schlaf, dann liefert sie die Grundlage für die Entscheidung genauso wie jener Vater, der aufgrund seiner Lebenserfahrung weiß, wie wichtig die körperliche Bewegung für das Kind ist.
Unterschiedliche Erziehungsstile erfordern Gemeinsamkeit und immer wieder viele Absprachen. Sie sind für Kinder aber unverzichtbar, weil sie dadurch die ganz spezifischen Fähigkeiten ihrer Eltern kennenlernen können.

Über Grenzen und Rituale einigen

Unterschiedliche Erziehungsstile sind ok, solange Einigkeit über Grenzen und Rituale besteht. Was unerschiedliche von uneigen Erziehungstilen unterscheidet.

Einigkeit über Grenzen und Rituale schaffen

Distanz führt manchmal zu mehr Gelassenheit und Großzügigkeit. Eine distanzierte Beziehung sieht manches lockerer, während ein zu naher Kontakt oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen lässt. Und hier liegt die Chance väterlicher Beziehung zu den Kindern, sind es doch die Väter, die aufgrund des (noch immer meist den Männern/Vätern vorbehaltenen) Vollzeitjobs die eher distanzierte Beziehung zu Kindern aufweisen. Distanz meint nicht die Abwesenheit von Emotionalität und Tiefe. Aber eine distanzierte Beziehung muss gepflegt werden – sie kann in Ritualen aufgehoben sein. Der Hinweis mancher Väter, sie seien zeitlich eingebunden und könnten deshalb keine Beziehung zu ihren Kindern aufbauen, zieht nicht. Viele Kinder sehen gerade darin eine Chance: Während die Mutter häufig alles und jedes sieht, sich in Details verhakt, kann der Vater mütterliche Macht relativieren, aber nicht: infrage stellen.
Unterschiedliche Erziehungsstile zu haben, bedeutet: Man ist sich einig, dass Grenzen, Regeln, Rituale und Traditionen notwendig sind, aber auch, dass man sie unterschiedlich auslegen kann. Die Kinder müssen freilich wissen, woran sie bei Vater und Mutter, Großvater und Großmutter sind.
 

Unterschiedliche und uneinge Erziehungsstile

Von den unterschiedlichen Erziehungsstilen zu unterscheiden sind uneinige Erziehungsstile. Sie sind nicht kompatibel, haben keinen gemeinsamen Nenner. Im uneinigen Erziehungsstil geht es niemals um das Wohl des Kindes. Der uneinige Erziehungsstil zerrt vielmehr am Kind. Vater und Mutter, aber auch Eltern und Großeltern treten in ein Konkurrenzverhältnis. Jeder will dem anderen beweisen, wer der oder die Beste ist. Die Bedürfnisse des Kindes, sein Wohlergehen sind nur vorgeschoben.
Hinter uneinigen Erziehungsstilen stehen häufig ungeklärte Partnerschafts- und Beziehungskonflikte. Vater und Mutter, Eltern und Großeltern buhlen um die Gunst des Kindes, übertreffen sich in materiellen Höchstleistungen, ohne zu bemerken, dass das Kind damit in Loyalitätskonflikte getrieben wird.

Bildquelle:

iStock

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