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Warum die neue Kaiserschnittleitlinie mehrfach überrascht!

Gute Veränderung

Warum die neue Kaiserschnittleitlinie mehrfach überrascht!

Seit Kurzem gibt es erstmals eine Leitlinie für Frauenärzte und -ärztinnen, die festlegt, wann ein Kaiserschnitt empfehlenswert ist. Sie soll helfen, unnötige Eingriffe zu verhindern.

Das, was vielleicht am meisten verwundert, ist die Tatsache, dass es bisher überhaupt gar keine Leitlinie für Kaiserschnitte gab! Das fällt natürlich im Normalfall auch nicht auf. Wenn es Mutter und Kind nach dem Kaiserschnitt gut geht, dann werden die wenigsten nachfragen, welche Richtlinie für die Entscheidung für die Bauchgeburt eigentlich eine Rolle gespielt hat.

Leitlinie weist auf Probleme hin

Aber, dass die neue Leitlinie, die von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe herausgegeben wurde, wichtig ist, jetzt, wo sie das ist, das ist unbestritten. „Sie spiegelt das wieder, was wir seit Jahren für Probleme in den Kliniken sehen", sagt Katharina Desery, Vorstandsmitglied bei Mother Hood e.V.  „Jede Klinik macht es so, wie sie es für richtig hält, deswegen gibt es auch diese unterschiedlichen Kaiserschnittraten".

Ist-Zustand bei Kaiserschnitten

Der Ist-Zustand in den Krankenhäusern sieht im Moment folgendermaßen aus: In manchen Kliniken liegt die Kaiserschnittrate sehr niedrig, bei 10 %, in manchen ist sie mit über 60 % sehr hoch. Frauen, die gern vaginal spontan gebären möchten, sollten deswegen immer auf die Kaiserschnittrate des Wahlkrankenhauses schauen. Viele Häuser veröffentlichen sie auf ihrer Website. Gleiches gilt natürlich für Frauen, die ihr Baby gern per Wunschkaiserschnitt auf die Welt bringen möchten. Sie können sich im Normalfall darauf verlassen, dass eine Klinik mit hoher Kaiserschnittrate ihrem Wunsch offener gegenüber steht.

Endlich was in der Hand

Die neue Leitlinie gibt nun zum ersten Mal allen an einer Geburt beteiligten etwas in die Hand. Es handelt sich um eine S3-Leitlinie, die hat, so Katharina Desery, einen hohen Wert, weil genau geguckt wurde, was wissenschaftlich erwiesen ist. Mother Hood ist froh, dass mit der Neuerung auch Ärzte und Ärztinnen, die nicht auf Druck der Klinikleitung einen unnötigen Kaiserschnitt durchführen möchten, etwas Rüstzeug bekommen haben.

Es ist durchaus umstritten, wann ein Kaiserschnitt angebracht ist. Bei einer medizinischen Notwendigkeit kann er Leben retten. Wird er aus Zeitnot durchgeführt, nur, weil die Geburt länger als der Durchschnitt dauert, so kann das eine Frau belasten.

Kaiserschnitt ist nicht immer nötig

Da eine Geburt immer auch ein mentaler Kraftakt ist, verlassen sich viele Frauen auf die Einschätzung von Gynäkolog*innen. Wird zum Kaiserschnitt geraten, dann folgen viele dieser Empfehlung natürlich, wer möchte schließlich das Leben des Ungeborenen riskieren. Wirklich notwendig, das zeigen Statistiken, ist ein Kaiserschnitt aber nur in 10 % aller Fälle. Die Diskrepanz zu den Kaiserschnittraten in vielen Kliniken ist frappierend und durch wirtschaftliche Zwänge, OP- Auslastungen und mangelnde Hebammenversorgung zu erklären.

Datenbasierte Informationen für Schwangere

„Das Herausragende an der Leitlinie ist, dass Schwangere datenbasierte Informationen angeboten bekommen. Das heißt, es ist explizit anerkannt, dass die Frau ein Entscheidungsrecht hat", freut sich Desery. Und sie sagt auch: „Ein Plus in dieser Leitlinie ist, dass Frauen hier wirklich mitentscheiden sollen. Das gilt übrigens auch für einen Wunschkaiserschnitt." Denn der ist weiterhin eine Option, für alle Frauen, die sich das wünschen. Es wird nur zukünftig immer über beide "Geburtsmodi" aufgeklärt, über den Kaiserschnitt und die vaginale Geburt.

Keine Ausschlusskriterien für vaginale Geburten

Was auch in der Kaiserschnittleitlinie steht: Einige bisher gern angeführte sichere Ausschlusskriterien für eine vaginale Geburt gelten nicht mehr. Oft hören Frauen, dass eine Beckenendlage des Kindes oder Mehrlingsgeburten automatisch ein Grund für einen Kaiserschnitt sind. Dem ist nicht so. Zukünftig sollen die Mediziner*innen in solchen Fällen in eine andere Klinik überweisen, die mit solchen komplizierteren Geburten bereits viel Erfahrung hat.

Die in vielen Häusern praktizierte Regel „Einmal Kaiserschnitt immer Kaiserschnitt" gilt laut der neuen Leitlinie ebenfalls nicht mehr. „Frauen soll nicht mehr automatisch ein Kaiserschnitt angeboten werden", und das ist eine gute Sache, befindet der Verein Mother Hood e.V.

Kaiserschnittleitlinie stärkt Frauen

Ganz generell lässt sich, laut Katharina Desery festhalten, dass "die S3-Leitlinie in der Hinterhand die Position der Frauen stärkt". Natürlich ist diese Stärkung nicht von heute auf morgen in allen Kreißsälen überall in Deutschland zu spüren. Aber ein schleichender Prozess hat begonnen. Und die kleinen Veränderungen, die das Geburtserlebnis vieler Frauen positiv beeinflussen, die sind es wert, wahrgenommen zu werden. Die neue Kaiserschnittleitlinie ist ein großer Schritt auf diesem Weg.

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Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Meine Meinung

Alles, was Frauenrechte stärkt, finde ich gut. Manchmal bin ich vielleicht auch zu ungeduldig. Ich weiß von vielen Frauen, die mit einem Kaiserschnitt sehr glücklich sind und nie damit gehadert haben. Und ich kenne einige, die damit noch immer zu kämpfen haben. Ich finde, dem muss mehr Raum gegeben werden. Jede Frau erlebt eine Geburt anders, weil jede Geburt anders ist. Gebärende haben eine Stimme und diese Leitlinie hilft ihnen und den Gynäkolog*innen an ihrer Seite dabei, ein Stück mehr darauf zu hören und danach zu handeln.

Bildquelle: getty images / becon

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