Keine Bange vor der Zahnspange

Wann eine kieferorthopädische Behandlung wirklich notwendig ist und was Eltern dann beachten sollten.


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Wie Perlen ebenmäßig aneinandergereiht – so sollten die Zähne im Idealfall stehen und obendrein harmonisch in den Kiefer passen. Doch ganz so perfekt schaut es in den Mündern unserer Sprösslinge meist nicht aus. Statistiken zufolge sind mehr als 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland von Zahn- und Kieferfehlstellungen betroffen. Rund die Hälfte ist angeboren, andere Probleme hausgemacht.  

Warum es in Kindermündern oft kreuz und quer zugeht


Eine häufige Fehlstellung ist der sogenannte Engstand. "Hier ist im Mund zu wenig Platz für die bleibenden Zähne, entweder weil der Kiefer zu klein oder die Zähne im Verhältnis zu groß sind. Als Folge wachsen die Zweiten schief und verschachtelt", sagt Dr. Gundi Mindermann, Vorsitzende des Berufsverbandes der Deutschen Kieferorthopäden.

Ähnliches kann passieren, wenn Milchzähne aufgrund von Karies vorzeitig verloren gehen, die Nachbarzähne dann in die Lücken drängen und den Nachfolgern den Platz versperren. Viele Kinder besitzen zudem ein Bisslage-Problem: Ober- und Unterkiefer passen nicht exakt aufeinander – meist weil der Oberkiefer weiter vorragt als der Unterkiefer. Dadurch stehen die oberen Schneidezähne im "Überbiss", also deutlich vor den unteren. Ist es umgekehrt, sprechen Kieferorthopäden von einem "Vorbiss". Und auch der "offene Biss" – eine durch zu langes Schnullern oder Daumenlutschen verursachte Lücke zwischen den oberen und unteren Frontzähnen – kommt trotz besserer Aufklärung immer noch häufig vor.

Kind mit Zahnspange

In der Lieblingsfarbe und mit Glitzer wirkt die Zahnspange gleich viel cooler.


© iStock
Die gute Nachricht: Die vom Kieferorthopäden dann oft empfohlene Zahnspange hat einen gewaltigen Imagewandel durchlebt – früher als "Fressgitter" oder "Knutschbremse" verschrien, gilt sie mittlerweile als cool. "Schließlich hat mittlerweile fast jeder zweite Heranwachsende eine. In manchen Schulklassen gehören Kinder ohne Klammer sogar zur Minderheit", sagt die Kieferorthopädin aus Bremervörde.
Modernes Material und zeitgemäßes Design
Zudem haben sich Tragekomfort und Aussehen dank moderner Materialien extrem verbessert. "Früher prangten bei festen Spangen ausnahmslos Metallplättchen auf den Zähnen. Heute gibt es verschiedene technische und optische Wahlmöglichkeiten – von Minibrackets und dezenter Keramik bis hin zu farbigen Lösungen", so Dr. Mindermann.

Zahnspangen-Trends
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    Die Klassischen

    Die "einfache" feste Zahnspange besteht aus Edelstahl-Brackets, die von außen auf die Zähne geklebt und mit einem Stahlbogen verbunden werden. Zur Befestigung des Bogens an den Brackets werden rechts und links um die Flügel Ligaturen (Gummiringe, Drähte) geschlungen. Dies ist der Standard, den die gesetzlichen Kassen zahlen. Dezenter und pflegeleichter sind Minibrackets sowie selbstligierende Systeme mit hochelastischen Behandlungsbögen. Letztere werden in einen Riegel eingeklickt, auffällige Ligaturen entfallen.

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    Die Ästhetischen

    Brackets gibt es auch aus zahnfarbener Keramik oder durchsichtigem Kunststoff – ein optisches Plus. Keramikbrackets können aber leichter brechen als Metall und sind schwerer zu entfernen. Kunststoffbrackets können sich verfärben. Eine besonders unauffällige Variante der festen Spange sind Lingualsysteme. Hier werden die Brackets an der Innenseite der Zähne befestigt. Von außen sind sie kaum zu sehen, erschweren jedoch die Zahnpfl ege. Ebenfalls nahezu unsichtbar sind Zahnschienen aus transparentem Kunststoff. Diese pflegeleichten Aligner (von to align "ausrichten") können zum Essen und zur Reinigung herausgenommen werden.

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    Die Trendigen

    Wer’s peppiger mag, kann zu Fun-Brackets aus bunter Keramik greifen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sie bei Kindern oft schnell wieder out sind. Viel unkomplizierter bei Farbwunsch sind bunte Gummiringe an den Brackets, sofern mit Ligaturen gearbeitet wird. Sie werden regelmäßig gewechselt und lassen sich leicht durch dezentere ersetzen. Zudem beliebt beim Nachwuchs: Die individuelle Gestaltung herausnehmbarer Spangen – farbig, mit Glitzer, Logos oder Bildchen Korrekturhelfer


Brackets mit bunten Gummiringen gelten bei den Kids als besonders angesagt. Bei herausnehmbaren Spangen lässt sich der Kunststoffteil, der im Gaumen sitzt, farbig oder mit Motiven gestalten. "Bunte Modelle liegen im Trend. Unauffällige werden eher weniger gewählt", weiß die Expertin. Sie empfiehlt: Lassen Sie Ihr Kind bei der Optik mitentscheiden! Umso motivierter wird es bei der Behandlung mitwirken, die je nach Fehlstellung meist zwischen ein und drei Jahren dauert.
Für jede Schieflage gibt’s die passende Korrektur
Ob eine festsitzende oder eine lose Spange zum Einsatz kommt, entscheidet hingegen allein das vorliegende Problem. Während feste Brackets wirre Zahnreihen zurechtrücken sollen, dienen herausnehmbare Apparaturen primär dazu, das Kieferwachstum zu regulieren. "Oft wird auch kombiniert: Erst erhält das Kind eine lose, später eine feste Klammer. Oder wir verwenden herausnehmbare, transparente Kunststoffschienen – sogenannte Aligner", erklärt Dr. Werner Schupp von der Deutschen Gesellschaft für Aligner Orthodontie.

Zunehmend an Bedeutung gewinnt die skelettale Verankerung. Dabei genügen oft kleine Schrauben (Mini-Implantate), die minutenschnell unter lokaler Betäubung in den Kiefer eingesetzt werden. So werden unerwünschte Bewegungen an Nachbarzähnen vermieden. Ebenfalls immer wichtiger werden dreidimensionale Methoden, bei denen die Gebisssituation mit Hilfe eines Scanners digitalisiert und schon vor Beginn der Behandlung das angestrebte Ergebnis sichtbar wird. Zudem ermöglichen 3D-Druckverfahren heute individuelle Behandlungsapparturen, was auch die Anzahl der Behandlungstermine reduziert.

Ab wann kommt eine Zahnspange für Kinder in Frage?


Als günstiger Starttermin für eine kieferorthopädische Behandlung gilt das Alter von acht bis zehn Jahren – solange der Kiefer noch wächst und formbar ist. Mitunter kann aber ein früheres Einschreiten sinnvoll sein. "Damit der optimale Behandlungsbeginn nicht verpasst wird, sollte daher jedes Kind noch vor der Einschulung erstmalig von einem Kieferorthopäden untersucht werden", rät Schupp. Eine weitere Kontrolle sei mit neun Jahren angebracht, in der zweiten Phase des Zahnwechsels.

Wer übernimmt die Kosten der Zahnspange?


Konkret beziffern kann die Kostern nur der Kieferorthopäde: Je nach Diagnose, Aufwand und Behandlungsdauer liegen sie im Schnitt bei 3.000 bis 5.000 Euro, können aber auch deutlich höher bzw. niedriger sein.

Gesetzliche Krankenkassen zahlen kieferorthopädische Behandlungen nur, wenn sie vor dem 18. Lebensjahr begonnen wurden. Und auch nur, wenn die medizinische Notwendigkeit anhand eines Abstufungssystems nachgewiesen ist. Grundlage ist das kieferorthopädische  Indikationsgruppensystem (KIG) mit den Stufen 1 bis 5. Erst ab Stufe 3 wird die Behandlung bezahlt – was nicht unbedingt bedeuten muss, dass es sich bei Stufe 1 und 2 um reine "Schönheitskorrekturen" handelt.

Die Kasse übernimmt zunächst 80 Prozent der Kosten. Den Rest müssen die Eltern erst mal selbst zahlen. Ist die Behandlung erfolgreich abgeschlossen, wird er zurückerstattet. Beim zweiten Kind sinkt der Eigenanteil auf zehn Prozent. Extras nicht inbegriffen Grundsätzlich zahlt die Kasse nur, was als zweckmäßig ausreichend gilt. Für Extras (Keramik, Aligner) muss man selbst aufkommen. Große Unterschiede gibt es bei den privaten Krankenkassen. Hier gilt: Nachfragen!


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Ist eine Zahnspange wirklich nötig?


Klar ist: Nicht jede Unregelmäßigkeit muss korrigiert werden. Die Folgen unbehandelter Zahn- und Kieferfehlstellungen können jedoch erheblich sein. So lassen sich schiefe Zähne schlechter pflegen und erhöhen das Kariesrisiko. Zudem kann ein offener Biss zu Sprachfehlern wie Lispeln führen. Und wenn Kinder nicht normal zubeißen und kauen können, werden Kiefer und Kiefergelenke falsch belastet. "Dieses Ungleichgewicht kann Störungen in den absteigenden Muskeln, Nerven und Gelenken auslösen – und damit Kopf- oder Rückenschmerzen bis hin zu Konzentrationsproblemen", so Dr. Werner Schupp.

Natürlich fragen sich viele Eltern, ob die empfohlene Behandlung wirklich die richtige ist. Dr. Gundi Mindermann empfiehlt, sich umfassend vom Kieferorthopäden beraten zu lassen und im Zweifel eine Zweitmeinung einzuholen. Dann kann die Behandlung mit gutem Gefühl gestartet werden.


(von Michaela Roemkens / erschienen in der familie&co Frühling 2017)

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