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Behutsame Trennung

Nestmodell: Kinderfreundliche (Übergangs-)Lösung nach der Scheidung

Nestmodell: Vater liest Tochter vor in Kinderzimmer-Zelt
© iStock / Getty Images Plus / monkeybusinessimages

Nach einer Trennung oder Scheidung die beste Lösung für die Kinder zu finden, wünschen sich die meisten Eltern. Eine sehr kindorientierte Möglichkeit stellt das Nestmodell dar. Wie es funktioniert, welche Regeln in puncto Unterhalt gelten und wie's aussieht, wenn ein neuer Partner oder eine neue Partnerin dazukommt. Außerdem erzählt ein betroffener Papa, welche Erfahrungen er mit dem Nestmodell derzeit macht.

So funktioniert das Nestmodell in der Familie bei einer Trennung

Wenn die Eltern sich trennen, ist das sog. Nestmodell eine Möglichkeit, das Umgangsrecht mit den Kindern zu gestalten. Dabei bildet das bisherige Zuhause der Familie das "Nest". Die Kinder bleiben dauerhaft dort, während die Elternteile abwechselnd bei ihnen leben und für sie sorgen.

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Die Kinder stehen bei diesem Modell im Mittelpunkt: Ihr "Nest" wird nicht angetastet und es ändert sich so wenig wie möglich für sie. Sie bleiben in ihrem vertrauten Umfeld, müssen nicht umziehen oder pendeln, können weiterhin ihre Schule oder ihren gewohnten Kindergarten besuchen und in der Nähe ihrer Freund*innen bleiben.

Das Wichtigste: Beim Nestmodell bleibt die Bindung zu beiden Elternteilen aufrechterhalten.

Markus L. ist von seiner Partnerin getrennt. Die beiden betreuen ihre gemeinsamen Kinder derzeit im Nestmodell. Damit es funktionieren kann, sind seiner Meinung nach "gegenseitige Verlässlichkeit und Verantwortung das Wichtigste. Und dass die Aufgaben im Haushalt und Alltag zum Wohle der Kinder erledigt werden. Die Erwartungen an den Partner oder die Partnerin müssen definitiv geringer als sonst sein, um das Konfliktpotenzial zu verringern."

Wer darf bei einer Trennung mit Kindern im Haus bleiben?

Die Frage, wer nach der Trennung bei den Kindern im Haus bleiben darf, erübrigt sich beim Nestmodell. Die Kinder wohnen immer dort, die Erwachsenen leben abwechselnd bei ihnen. So wird ein häufiger Streitpunkt bei Scheidungen recht einfach geklärt.

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Wie sieht's mit dem Unterhalt beim Nestmodell aus?

Wer beim Nestmodell wie viel Unterhalt zahlen muss, hängt davon ab, wer wie viel verdient und wie hoch die Betreuungsanteile der beiden Elternteile sind.

Kümmert sich ein Elternteil mehr um die Betreuung der Kinder, muss der andere Elternteil dies über den sog. Barunterhalt finanziell ausgleichen. Meist sind beim Nestmodell die Betreuungsanteile jedoch gleich hoch, so dass dies weniger zum Tragen kommt. Barunterhalt muss aber auch gezahlt werden, wenn ein Elternteil weniger Geld zur Verfügung hat als der andere. Die Eltern können sich darauf einigen, dass der besserverdienende Partner die (größeren) Anschaffungen für die Kinder leistet bzw. an den anderen Elternteil eine gewisse monatliche Summe zahlt.

Markus L. und seine Ex-Partnerin führen z. B. noch immer ein gemeinsames Haushaltskonto, auf das jeder gleichermaßen einzahlt, um die Versorgung der Kinder und die Grundversorgung der Eltern zu gewährleisten.

So kann ein zeitlicher Plan für euer Nestmodell aussehen

Damit das Nestmodell gut funktionieren kann, ist es wichtig, dass die Elternteile kooperieren und sich eng absprechen. Zentral ist es, einen genauen Plan zu machen, wer wann bei den Kindern lebt. Oft bietet sich hier ein wöchentlicher Wechsel an. Der Wechselrhythmus kann aber auch kürzer oder länger sein und hängt idealerweise vom Alter der Kinder ab.

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Markus L. und seine Ex-Partnerin betreuen ihre Kinder (7 und 9) zum Beispiel im 50/50-Modell und derzeit im Rhythmus 2,5-2,5-5-5. Er hat die Kinder Montag- bis Mittwochmittag, dann hat sie die Kinder Mittwoch- bis Freitagmittag, dann hat er das Wochenende Freitag- bis Mittwochmittag und sie übernimmt die nächsten 5 Tage, also Mittwoch bis Montag. So haben beide jeweils im Wechsel immer ein ganzes Wochenende mit den Kindern.

Der Kinderpsychologe Jan Piet de Han hat seine Empfehlungen für den Wechselrhythmus gemeinsam mit dem Institut Européen pour l'Intérêt de l'Enfant (Europäisches Institut für das Wohl des Kindes) in einer Tabelle veröffentlicht. Danach empfiehlt er für 3-jährige Kinder z. B. einen Wechselrhythmus von höchstens 3 Tagen, für 7-Jährige von höchstens 6 Tagen und erst ab 14 Jahren von höchstens zwei Wochen. Er begründet dies damit, dass von Kleinkindern bereits kurze Zeiträume als sehr lang empfunden werden und es für den Aufbau von Vertrauen und Bindung wichtig sei, beide Eltern sehr häufig zu sehen.

So funktioniert das Nestmodell mit einem neuen Partner

Einer der größten Vorteile des Nestmodells ist es, dass sich für die Kinder nicht so viel ändert: Sie bleiben in der gewohnten Wohnung. Die Eltern dagegen brauchen mindestens eine separate Bleibe. Manchmal nutzen sie diese gemeinsam und leben jeweils abwechselnd darin, wenn sie gerade nicht bei den Kindern sind.

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Kommt bei einem oder beiden Elternteilen ein neuer Partner oder eine neue Partnerin dazu, ist das Nestmodell davon unberührt. Erstmal müssen die Kinder auch gar nichts davon mitbekommen. Schließlich zieht dieser neue Lebensgefährte ja nicht etwa bei den Kindern ein, sondern wohnt getrennt von ihnen. Eine gute Möglichkeit ist es dann, dass der Elternteil zum neuen Partner / zur neuen Partnerin in die Wohnung zieht.

Beim Nestmodell kann die neue Partnerin oder der neue Partner ganz behutsam nach und nach ins Leben der Kinder integriert werden. Wenn er oder sie mit zu den Kindern ins Nest pendelt, sollte das allerdings gut mit dem Ex-Partner / der Ex-Partnerin abgesprochen sein, um Konflikte zu vermeiden.

Und: Spätestens wenn eine Patchworksituation entsteht, funktioniert das Nestmodell meist nicht mehr.

Vor- und Nachteile des Nestmodells

Eltern machen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Nestmodell. Was sich zunächst wie eine optimale Lösung anhört, hat nämlich sowohl Vor- als auch Nachteile:

Vorteile des Nestmodells

  • Kinder im Mittelpunkt: Für die Kinder ändert sich wenig. Sie bleiben im Familienheim, behalten ihre gewohnte Umgebung, ihr Kinderzimmer und ihre Spielsachen. Das Nestmodell sorgt für viel Stabilität.
  • Keine Neuanschaffungen für die Kinder nötig: Die Kids bleiben in ihrem Zuhause, d. h., im Gegensatz zum Wechselmodell, wo die Kinder pendeln, müssen keine Einrichtungsgegenstände für ein neues Kinderzimmer, keine zweite Matschhose, kein zweites Klavier etc. angeschafft werden.
  • Kinderfreie Zeit: Wenn die Eltern abwechselnd bei den Kindern leben, hat einer immer "kinderfrei". Wenn man die Kleinen dann nicht zu sehr vermisst, hat diese freie Me-Time natürlich ihre Vorteile. Und: Es kann gleichberechtigt für beide Zeit in die berufliche Karriere investiert werden.
  • Lösung fürs Eigenheim: Familien, die sich vor der Scheidung eine Wohnung oder ein Haus gekauft haben, müssen die Immobilie jetzt nicht verkaufen, sondern können sie weiterhin gemeinsam nutzen.

Nachteile des Nestmodells

  • Teure Zweitwohnung: Der Wohnungsmarkt in Deutschland ist echt angespannt. Da muss man erstmal eine bezahlbare Zweitwohnung, evtl. auch noch pro Elternteil eine, finden. Markus L.: "Wenn man nicht gerade reich ist und sich ein Hotel oder eine Zweitwohnung leisten kann, ist man auf die Unterstützung von Freund*innen und/oder Familie angewiesen. So herzlich das auch sein mag: Man ist in dieser Zeit eben nur Gast und nicht zu Hause." Wenn bei der neuen Partnerin mit eingezogen werden kann, entfallen die Kosten natürlich bzw. können sich mit dem neuen Lebensgefährten geteilt werden.
  • Nähe zum/zur Ex: Auch wenn die Eltern beim Nestmodell nicht mehr zusammenleben, sind ihre Leben durch das gemeinsame Familienheim doch noch sehr miteinander verknüpft. Wenn sie in der Familienwohnung nach ihrer Woche dann ein Chaos hinterlässt oder er vergessen hat, den Müll rauszustellen oder einzukaufen, birgt dies Streitpotenzial. Markus L.: "Außerdem ist die endgültige Trennung quasi on hold. Man hängt in der Warteschleife, weil man immer noch einen gemeinsamen Hausstand hat. Die Trennung und somit auch der Neuanfang kann also noch nicht vollends vollzogen werden, was kräftezehrend und belastend ist."
  • Stressiges Pendeln: Den Kleinen wird das Pendeln erspart, für die Eltern heißt es allerdings dauernd Koffer packen. Das kann an den Nerven zehren.
  • Nur noch zu Gast: Wenn die Kinder die Eltern nur noch als Gäste oder als Babysitter in der Wohnung wahrnehmen, kann es schwierig werden. Auch für die Eltern ist das natürlich kein schönes Gefühl.
  • Geht kaum mit Baby: Wenn eure Kinder noch sehr klein sind, ist das Nestmodell schwierig umzusetzen. Säuglinge und oft auch noch Kleinkinder brauchen meist eine feste Hauptbezugsperson und wenn die Mama noch stillt, ist eine räumliche Trennung vom Baby über einen längeren Zeitraum enorm kompliziert.
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Die hohen Kosten für zwei oder sogar drei Wohnungen gelten als einer der bedeutendsten Nachteile des Nestmodells. Welche Kosten ansonsten bei einer Scheidung noch auf euch zukommen, zeigt unser Video:

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Wie lange funktioniert das Nestmodell?

Das Nestmodell ist zeitlich nicht befristet, ihr könnt es praktizieren, so lange es für euch passt. In der Realität kann es aufgrund der geschilderten Nachteile allerdings eher eine Übergangslösung darstellen. Dieses Fazit zieht auch Markus L.: "Das Nestmodell ist für uns definitiv nur eine Übergangslösung. Für die Eltern ist es hart, weil man immer auf gepackten Koffern sitzt und seine Kinder zurücklassen muss. Dieses Opfer bringen wir aber für die Kinder, denn sie werden in in der gewohnten Umgebung behutsam auf das vorbereitet, was kommt: dass Mama und Papa getrennt leben und sie ein zweites neues Zuhause bekommen."

Eine gute Lösung kann das Nestmodell im Trennungsjahr darstellen. Kommen die beiden Partner während dieser Zeit doch wieder zusammen, können sie wieder gemeinsam in das bisherige Familienheim einziehen.

Welche anderen Modelle gibt es bei einer Trennung mit Kindern?

Neben dem Nestmodell sind folgende Modelle geläufig, um das Umgangsrecht mit den Kindern nach einer Trennung gemeinsam zu gestalten:

  • Wechselmodell: Während die Kinder beim Nestmodell immer in der gleichen Wohnung bleiben und die Eltern sich dort abwechselnd um sie kümmern, wechseln die Kids beim Wechselmodell ihren Wohnort: Sie leben abwechselnd in den getrennten Wohnungen der beiden Elternteile. Das Nestmodell ist eine Variante des Wechselmodells.
  • Residenzmodell: Die Kinder leben fest mit einem Elternteil zusammen. Der andere Elternteil hat Besuchskontakt zu den Kindern.

Derzeit ist das Nestmodell in Deutschland noch weitaus seltener als die anderen beiden Modelle. Seine Beliebtheit steigt aber.

Quellen: unterhalt.com, Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e. V.

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