Wenn Paare auf Kinder verzichten – der Umwelt zuliebe

Birthstrike

Wenn Paare auf Kinder verzichten – der Umwelt zuliebe

“Birthstrike” nennt sich eine Gruppe von Klimaaktivisten, die aus Umweltschutzgründen keine Kinder zur Welt bringen möchten. Ein Blick auf ihre Argumentation und unsere Meinung.

Auf Kinder verzichten? Für Aktivisten der "Birthstrike"-Bewegung die einzig wahre Möglichkeit, das Klima zu schonen.

Lehrerin Verena Brunschweiger möchte keine Kinder kriegen. Zwar werden Frauen, die klar äußern, dass sie keinen Kinderwunsch haben auch heutzutage manchmal noch schief angesehen und müssen sich kritischen Fragen stellen, jedoch ist die weibliche Selbstbestimmung mittlerweile zum Glück an dem Punkt angekommen, an dem Kinderlosigkeit akzeptiert wird. So mag es auf den ersten Blick überraschen, dass Verena Brunschweiger Anfang 2019 nach der Veröffentlichung ihres Buches “Kinderfrei statt kinderlos – Ein Manifest” einen wahren Medien-Hype auf sich zog. Der richtete sich jedoch weniger auf ihren nicht vorhandenen Kinderwunsch, als auf ihre Begrünung: Kinderlosigkeit als Umweltschutz

Die größte Umweltverschmutzung? Der Mensch

Die Lehrerin polarisierte mit ihrem Buch, in welchem sie sich dafür ausspricht, aus Umweltschutzgründen keine Kinder in die Welt zu setzen. In einem Interview mit dem Focus äußerte sie, man könne 58,6 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen, wenn man nur ein Kind weniger in die Welt setzen würde. Anstelle eines eigenen Babys plädiert sie, Kinder zu adoptieren und so einer möglichen drohenden Überbevölkerung der Welt entgegenzuwirken. Die ökologische Aktivistin und Feministin sagte, sie trage zum Klimaschutz bei, indem sie nicht noch einen weiteren atmenden und ressourcenverbrauchenden Menschen in die Welt setze.

Wie Brunschweiger tritt unter anderem auch die britische Sängerin Blythe Pepino in den Gebärstreik. Bei einem Fernsehauftritt bei der BBC, verkündete sie, sie mache sich solche Sorgen um den Planeten, dass sie beschlossen habe, keine Kinder zu kriegen. Da sie viel Zuspruch für ihre Äußerungen erhielt, gründete sie daher die Gruppe Birthstrike, in der sich Frauen und einige Männer zusammenschlossen, die aufgrund der drohenden Klimakatastrophe ihren Kinderwunsch aufgegeben haben.

Klimaschutz dank Kinderlosigkeit: Ist da was dran?

Die recht hart klingenden Aussagen der beiden Aktivistinnen regen im ersten Moment vielleicht zum Kopfschütteln an. Tatsächlich haben ihre Bedenken aber einen ernst zu nehmenden Hintergrund. Schließlich gehen Kinder und Jugendliche weltweit bei ihren Fridays for Future Demos nicht aus Jux und Tollerei auf die Straße, sondern, weil sie enorme Angst vor großen Klimakatastrophen haben. Die Prognosen der Klimaforscher sind absolut besorgniserregend.

Pepino, Brunschweiger und die anderen Gebärstreikenden berufen sich bei ihrer Argumentation gegen das Kinderkriegen auf eine Studie zweier Forschenden aus Schweden und Kanada Kimberly Nicholas und Seth Wynes. Sie prüften, wie jeder Einzelne am effektivsten etwas zum Klimaschutz beitragen kann. Dafür schauten sie sich 39 Einzelstudien an und untersuchten 148 Szenarios in 10 Industrieländern und kamen zum Ergebnis, dass es sinnvoll ist, das Auto abzugeben, nicht zu fliegen und auf Fleisch zu verzichten. An erster Stelle ihrer Ergebnisse steht aber: Keine Kinder in die Welt setzen.

Allerdings müssen die Ergebnisse der Studie kritisch betrachtet werden: Wie das Wissenschaftsmagazin Quarks feststellte, sind die 58,6 Tonnen CO2, die angeblich pro Kind weniger eingespart werden können, viel zu hoch angesetzt, unter anderem weil vor allem große Industrienationen wie die USA, Russland oder Japan als Grundlage betrachtet wurden. Der CO2-Fußabdruck eines Menschen in Deutschland hat das Bundesumweltamt mit durchschnittlich etwa 11,6 Tonnen pro Jahr berechnet. Natürlich ist dieser Wert bei der jetzigen Umweltsituation zu hoch, aber bei weitem nicht so hoch, wie in der Studie behauptet.

Kleine Klimaschützer statt keine Klimaschützer

Auch wenn die Wissenschaft belegt, dass der Mensch die größte Bedrohung für die Umwelt darstellt, so kann es unserer Meinung nach nicht die Lösung sein, auf Familienleben – der Lebensmittelpunkt der meisten Menschen – zu verzichten. Und überlegen wir mal: Diejenigen, die sich aus Klimagründen gegen Kinder entscheiden, sind doch diejenigen, die ein hohes Umweltbewusstsein haben und ihren potenziellen Nachwuchs zu einer neuen Generation Klimaschützer aufziehen könnten. Und das erscheint doch wesentlich sinnvoller: Lieber kleine Klimaschützer erziehen als keine Klimaschützer mehr nachkommen zu lassen. Außerdem muss nicht davon ausgegangen werden, dass der ökologische Fußabdruck zukünftiger Erdenbürger so hoch ist wie unser aktueller: Die Klimademonstrationen zeigen, dass unsere Nachkömmlinge ein starkes Klimabewusstsein haben und alles dafür geben, unsere Erde zu schützen. Letztlich muss aber natürlich jeder selbst entscheiden, welchen Beitrag er für den Klimaschutz leisten möchte – ob Flug- oder Babyverzicht.

Bildquelle: Getty Images

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