Wie Kinder Gefühle leben lernen

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Wie Kinder Gefühle leben lernen

Wut und Trauer gehören zum Leben - Wie Kinder diese Gefühle leben lernen und warum schon kleine Probleme ein Chaos der Gefühle bei Kindern anrichten.

Warum kleine Probleme bei Kindern ein Chaos der Gefühle anrichten

Tatsächlich werden Kinder von der Macht ihrer Gefühle überwältigt. Ärger, Traurigkeit, Enttäuschung, Wut oder Angst brechen ebenso über sie herein wie Begeisterung, Freude und Liebe - ungefiltert und ungebremst. Kein Wunder: Jedes Gefühl, in all seinen Schattierungen, ist für Kinder noch neu und unerforscht. „Fühlen und Gefühle ausdrücken, das müssen Kinder ebenso lernen wie alles andere“, stellt der Diplom-Pädagoge und Heilpraktiker Udo Baer fest. „Doch um zu lernen, mit Gefühlen umzugehen, müssen Kinder auch alle erleben dürfen - sowohl die positiven als auch die negativen.“ Da wir Erwachsene gelernt haben, Gefühle zu beherrschen und zu kontrollieren, können Eltern mit der Wucht der Gefühle von Kindern nur schwer umgehen. Nicht nur, weil niemand sein Kind gern weinen sieht. Oft können wir auch den Grund gar nicht erkennen, warum unsere Kinder still werden, traurig oder wütend. Das kommt daher, dass Dinge, die für Erwachsene nur wenig dramatisch sind, für Kinder richtige Probleme darstellen können. „Es ist ganz egal, ob der geliebte Goldfisch gestorben ist oder, wie heute, der Schiedsrichter eine Fehlentscheidung getroffen hat: Beim kleinsten Anlass geht für Roman die Welt unter“, sagt Kirsten Wendt. „Es ist immer ein Riesendrama.“ Das ist ganz schön anstrengend, findet die vierfache Mutter. „Und es nützt nichts, wenn ich ihm sage, dass die Welt morgen schon wieder ganz anders aussieht.“ Das liegt unter anderem daran, dass Kinder ganz und gar in der Gegenwart leben. Wenn morgen und übermorgen weit weg scheinen, ist es verständlich, dass ein Problem, das sich nicht sofort lösen lässt, schnell ganz groß werden kann - ohne dass ein Ende in Sicht ist. „Wir Großen haben gelernt, dass sich Probleme oft von selbst erledigen und so ein Gefühlssturm wieder abflaut“, sagt die Diplom-Psychologin Dr. Angelika Faas. „Aber woher soll ein Kind das wissen, wenn es das noch nicht oft erlebt hat?“

Experteninterview: Wie Kinder Gefühle leben lernen

Experteninterview: Wie Kinder Gefühle leben lernen

Familie&Co: Wie können Eltern lernen, die Gefühle ihrer Kinder richtig zu deuten?

Dr. Angelika Faas: Indem sie zuhören. Manche Kinder erzählen Flunkergeschichten über Dinge, die sie nicht erlebt haben. Hier sollten Eltern nicht den Wahrheitsgehalt prüfen, sondern darauf achten, welche Wirkung die Geschichte bei ihnen hat. Das ist das Gefühl, das das Kind vermitteln möchte. Über Gespräche kann man dann herausfinden, was wirklich los ist. Quengeln und Wutausbrüche können auch Reaktionen auf Spannungen in der Familie sein. Kinder haben sehr gute Antennen.

Und was ist, wenn das Kind nicht reden möchte?

Kinder drücken viel durch die Körperhaltung aus. Manche sind ganz „geknickt“, wenn sie etwas traurig macht, andere übertrieben fröhlich. Es kann helfen, Bilder zu malen. Über die Farben und Motive kommt der Kummer zum Vorschein. Lässt sich der Grund relativ sicher erraten, ist es gut, wenn Vater oder Mutter von sich erzählen.

Eltern sollen von sich selbst erzählen?

Ja. Damit helfen sie dem Kind, das eigene Gefühl aus einer anderen Perspektive zu sehen. Die Eltern schildern, wie es ist, wenn sie Angst haben oder wütend werden. Dann fragen sie das Kind: „Was hättest du gemacht?“ Natürlich müssen es kindgerechte Situationen sein und nicht die Ehekrise.

Wie Eltern auf die Gefühle ihrer Kinder auf keinen Fall reagieren sollten

Wie Eltern auf die Gefühle ihrer Kinder auf keinen Fall reagieren sollten

Meist reagieren Eltern auf die Gefühle ihrer Kinder, indem sie versuchen, sie abzuschwächen. Traurige Kinder werden mit einem „Ist doch nicht so schlimm!“ beschwichtigt und abgelenkt. Wütende Kinder werden eingebremst, und kleine Angsthasen bekommen zu hören: „Du hast gar keinen Grund, Angst zu haben!“ Dazu sagt Faas: „Das sind die Phrasen, die unsere Eltern für uns parat hatten, deswegen denken wir uns nichts Böses dabei“, sagt Faas. „Doch indem wir ihre Gefühle für unwichtig, unartig oder gar unnötig erklären, bringen wir unseren Kindern - ohne es zu wollen - bei, dass bestimmte Gefühle nicht erwünscht sind. Und später wundern wir uns, dass sie nicht mit der Sprache herausrücken, wenn etwas sie bedrückt.“ Denn Kinder lernen schnell aus der Reaktion ihrer Eltern, welche Gefühle „okay“ sind und welche nicht, so die Familie&Co-Expertin. „Lachen sie, freuen sich die Eltern und sind stolz. Weinen sie aber, reagieren die Eltern traurig oder werden sogar ärgerlich. Je älter Kinder werden, desto mehr versuchen sie so zu sein, dass es die Eltern glücklich macht.“ Also: mutig, selbstbewusst und fröhlich und eben nicht traurig, wütend oder ängstlich. Eine weitere Schwierigkeit sei, dass viele Eltern die Gefühle ihrer Kinder als Reaktion auf die eigene Erziehung missverstehen, so Faas. „Sind die Kinder fröhlich, glauben die Eltern, sie seien erfolgreich; sind die Kinder traurig oder ängstlich, denken sie, sie hätten versagt. Dabei kann kein Mensch immer nur fröhlich sein!“

So reagieren Eltern richtig auf die Gefühle von Kindern

So reagieren Eltern richtig auf die Gefühle von Kindern

Kinder haben ein Recht auf ihre Gefühle. Auf alle, auch die unbequemen. Wenn Eltern sofort Ablenkungsmanöver starten, nur damit ihre Kinder wieder lachen, lassen sie sie in Wirklichkeit mit ihren großen Emotionen allein. Dabei ist besonders Weinen und Wüten wichtig, weil es hilft, Erlebtes zu verarbeiten. Diese Gefühlsausbrüche reinigen die Seele und helfen, Stress abzubauen. Das haben unter anderem die Studien der US-Entwicklungspsychologin Aletha Solter ergeben. Und ein Biochemiker der Universität von Minnesota hat herausgefunden, dass Tränen das Stresshormon ACTH enthalten und so dem Körper helfen, in Stresssituationen einen Überschuss dieses Hormons abzubauen. Deswegen fühlen sich auch viele Menschen so entspannt, wenn sie im Kino so richtig schön heulen durften.

Tränen sind gut für's Selbstbewusstsein

Und, so paradox es klingt, Tränen und Zorn sind auch gut für das Selbstbewusstsein. „Ohne die Fähigkeit, Trauer, Ärger, Zorn, Wut zu fühlen und auszudrücken, gibt es auch kein Selbstbewusstsein und kein Durchsetzungsvermögen“, sagt der Heilpraktiker Baer. Beides seien Kehrseiten ein und derselben Medaille. Das heißt nicht, dass Eltern ihre Kinder weinen lassen müssen, damit sie ein robustes Selbstbewusstsein entwickeln. Es bedeutet vielmehr, dass Eltern die Gefühle ihrer Kinder zulassen und aushalten sollten. Angelika Faas: „Wenn Kinder sich zum Beispiel fürchten, sollten Erwachsene diese Angst nicht wegwischen oder kleinzureden versuchen. Weit hilfreicher wäre es, Kinder in den Arm zu nehmen und zu sagen: ,Ja, ich verstehe, dass du Angst hast', und erst danach zu versuchen, ihm zu helfen, seine Angst zu überwinden.“

Kinder müssen Gefühle erst lernen

Da Kinder Gefühle noch lernen, brauchen sie Vorbilder, die offen mit ihren Gefühlen umgehen, mit ihren Kindern darüber sprechen und ihnen zuhören. Eltern mit einer perfekten Fassade taugen dafür wenig. „Kinder lernen von Erwachsenen, ob es richtig und möglich ist, zu zeigen, dass man sich hilflos fühlt oder ärgerlich ist“, sagt Udo Baer. „Dazu müssen Eltern ihre Ecken und Kanten zeigen.“ Und der Nachwuchs braucht eine ehrliche Resonanz auf sein Verhalten. „Wenn ein Vater seinem Sohn mit ruhiger, leiser Stimme mitteilt: ,Ich bin jetzt richtig wütend auf dich!', passen Ton und Botschaft nicht zusammen, und das Kind kann mit dieser Information nichts anfangen“, sagt Faas. Kinder dürfen merken, wenn ihre Eltern wütend sind oder traurig. „Unausgesprochene Spannungen spüren sie sowieso.“
Wenn Eltern merken, dass etwas ihr Kind beschäftigt, sollten sie sich nicht sofort daranmachen, das Problem zu lösen oder das Kind zu trösten. Denn die Kleinen lernen nur, mit ihren Gefühlen umzugehen, wenn sie die Chance bekommen, ihre Probleme selbst zu lösen oder es zumindest zu versuchen. „Eltern sollten für ihre Kinder da sein, aber nicht versuchen, ihnen bestimmte Gefühle zu ersparen, etwa die Trauer über Omas Tod“, sagt Angelika Faas. „Eltern können beraten und unterstützen, aber ihren Kindern die Gefühle nicht abnehmen. „Manchmal muss man einfach traurig oder wütend sein dürfen. Irgendwann ist es vorbei - und dann geht es ganz bestimmt wieder besser.“

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