Schau, was ich schon kann!

Entwicklung & Beziehung

Schau, was ich schon kann!

Immer selbstständiger zu werden, ist für die kindliche Entwicklung von überragender Bedeutung. Wie Eltern sie auf dem Weg zu mehr Autonomie begleiten können.

Kinder streben nach Selbstständigkeit, sie machen sich auf den Weg, wollen weg vom Erreichten – können diese Reise aber nur antreten, wenn sie um den Hafen wissen, den sie nlaufen können, wenn die Stürme des Lebens toben. Dieser Gedanke ist nirgends anschaulicher dargestellt als im Lied vom kleinen Hänschen. Es ist die Hymne vom Auszug in die Welt, das Lied über die Selbstständigkeit. Dort heißt es: „Hänschen klein, ging allein …“ Hänschen macht sich zu Fuß auf den Weg (wird also nicht mit dem Auto von Termin zu Termin chauffiert). Und weiter: „… in die weite Welt hinein, Stock und Hut steh’n ihm gut, ist gar wohlgemut.“ Hänschen braucht den Stock, der Halt gibt und Geborgenheit vermittelt, wenn man sich auf den Weg in die Eigenständigkeit macht.

Ein Kind zur Selbstständigkeit erziehen heißt, es eigene Erfahrungen machen zu lassen.

Der Auszug in die Welt erfordert Mut, aber eben auch Ermutigung. Jedes Kind, egal welchen Alters, braucht den Hut, benötigt Behütung und eine sichere Bindung. Behütende Sprüche hören sich so an: „Mach’s gut! Du schaffst es!“ Nicht aber: „Sei bloß vorsichtig!“ Oder: „Soll ich nicht doch mitkommen?“ Kinder sind Helden, die sich auf die Reise machen, die spüren: Nur in der Fremde reift man zu einer selbstbewussten, autonomen Persönlichkeit. Um diese Reise erfolgreich zu bestehen, braucht es die aufmunternden Wünsche von Eltern oder auch Großeltern, die diese Reise (hoffentlich) schon erfolgreich hinter sich gebracht haben.

Manche Eltern schießen vor lauter Sorge um ihr Kind weit übers Ziel hinaus

Die fünfjährige Anna hat Eltern, die bei ihrer Erziehung ununterbrochen im Einsatz sind. Anna war als Dreijährige ein quirlig-aufgewecktes Kind, sehr fordernd, zupackend. Kein Wunder, wenn ihr manches im ersten Zugriff misslang – ob beim Basteln, beim Bauen, beim Aufräumen oder beim Spielen. Wer Anna jetzt erlebt, hat ein weinerliches Kind vor sich, das sich nichts zutraut. Ständig umgeben von besorgten Helfern, die Annas Missgeschicke in wehleidiger Tonlage kommentieren: „Ach, Anna, Schätzchen, das tut mir leid!“ – „Ach, Annaschätzchen – dafür bist du noch zu klein!“
Anna hat Eltern, die Nähe und Bindung geben möchten, ihre Tochter damit aber unterdrücken, besser: bedrücken. Anna braucht eigenständige Erfahrungen; nur durch eigenes Tun, das immer wieder auch Frustrationen und Misserfolge mit sich bringt, kann sie wachsen.

Mit Misserfolg umgehen zu lernen, gehört zwingend zur Selbstständigkeitserziehung

Simon, sechs Jahre, will mit dem Messer ein Muster in die Rinde seines Stocks schnitzen. Er rutscht ab, verletzt sich, aus einer kleinen Wunde rinnt Blut. Aufgeregt rennt er zu seiner Mutter. Die sieht sich das Dilemma an und holt ein Pflaster: „Siehst du, ist doch gar nicht so schlimm!“ Simon kriegt einen freundlichen Klapps auf die Schultern und werkelt weiter. Als sein Vater nach Hause kommt und sieht, was passiert ist, greift er selbst zum Schnitzmesser, um die noch fehlenden Muster in die Rinde des Stocks zu ritzen. „Fertig“, sagt er zufrieden und tröstet seinen Sohn: „Mach dir nichts draus, sowas passiert auch erfahrenen Handwerkern.“
Was Kindern in solchen Situationen nicht hilft, ist das Herunterspielen bzw. die Nicht-Annahme ihrer Gefühle. Für Simon ist es eine schmerzhafte Erfahrung, sich geschnitten zu haben – körperlich und seelisch. Schließlich ist es frustrierend, sich wegen einer Unachtsamkeit so zu verletzen. Und Simon hilft man nicht, indem man, wie es der Vater tut, das Werkstück selbst fertigstellt und dann darauf hinweist, dass so etwas auch anderen passiert. Mit Reaktionen wie dieser fördert man nicht die Selbstständigkeit und den Mut, sich neuen Aufgaben zu stellen. Stattdessen wären aufmunternde Worte und ein Gespräch darüber, wie man das Messer geschickter führen kann, hilfreicher gewesen. Dann würde sich Simon mit neuem Selbstvertrauen an einen weiteren Versuch wagen.

Kritik und Entmutigungen hinterlassen in der Psyche des Kindes tiefe Spuren

Maria, knapp sechs Jahre, will beim Abräumen des Tisches helfen. Ihre Mutter ist zwiegespalten: „Lass mal, Maria. Das ist noch zu schwer für dich.“ – „Aber ich will“, insistiert Maria. „Meike hilft doch auch!“ – „Aber die ist viel größer. Irgendwann kannst du auch helfen.“ Als die Mutter in der Küche ist, greift Maria zwei Tassen, will sie wegbringen. In diesem Moment kommt die Mutter zurück, sieht die Tochter, unsicheren Schrittes, beide Tassen in der Hand. „Pass auf!“, entfährt es ihr unwillkürlich. Maria schaut auf, kommt ins Stolpern, die Tassen schwanken, eine fällt zu Boden und zerbricht. „Siehst du, was hab ich dir gesagt?“ Die Stimme der Mutter klingt ärgerlich. Maria fängt an zu weinen. „Nun, komm! Ist ja nicht so schlimm.“ Als Maria kurze Zeit später die Scherben zusammenkehrt, tritt ihre Mutter ins Zimmer: „Was machst du denn da?“ – „Ich räum auf!“, sagt Maria energisch. Darauf die Mutter: „Aber dann bitte richtig!“
Marias Mutter verlässt den Raum. Als sie nach einiger Zeit zurückkommt, meint sie: „Ich würde den Besen anders anfassen“ – und greift danach. „So, nun lass mal, den Rest mach ich!“

Manchmal kommt es einfach auf die richtige Formulierung an... lesen Sie mehr dazu, auf der nächsten Seite.

Kinder zur Selbstständigkeit erziehen

Wie Sie mit den richtigen Worten Ihrem Kind Selbstvertrauen schenken und es auf dem Weg zur Selbstständigkeit untersützen können.

Zweifellos ist es wichtig, Misserfolge mit dem Kind zu besprechen. Aber Formulierungen wie „Was habe ich dir gesagt!“ bauen – wie in unserem Beispiel – Maria nicht auf, stellen sie vielmehr als Versagerin bzw. als unfertiges kleines Wesen hin. Der Erwachsene ist dagegen der Besserwisser. Statt verdeckter Ratschläge oder heimlicher Befehle hätte sich die Mutter in Marias Enttäuschung einfühlen können. Der Satz „Ist ja nicht so schlimm“ zeigt jedoch: Sie nimmt die Gefühle ihrer Tochter genauso wenig ernst wie deren Bemühungen, die missliche Lage zu bereinigen.

Manchmal kommt es einfach darauf an, die richtige Formulierung zu finden

Die Mutter meint es zwar gut mit ihrem Kind, indem sie versucht, dessen Probleme zu lösen. Aber: Kinder wollen mit schwierigen Situationen und Problemen umgehen lernen. Nur durch eigenes Begreifen können sie sich von einer Sache auch einen Begriff machen, und nur im Tun können sie sich ihrer Fähigkeiten versichern. Nur wenn das Kind selbst handelt, erprobt es seine Möglichkeiten und Kräfte, erfährt es sich als eigenständiges, autonomes und lernfähiges Wesen.
Dazu gehört natürlich, Frustration und Misserfolg auszuhalten. Dies gelingt Kindern umso eher, je mehr sie sich angenommen fühlen – gerade dann, wenn sie enttäuscht sind. Ein Satz wie: „Das schaffst du doch nicht!“ entmutigt ebenso wie übermäßiges Beschützen – „Dazu bist du noch zu klein!“

"Lass es uns zusammen machen, dann kannst du es beim nächsten Mal schon allein."

Zweifellos ist es wichtig, Misserfolge mit dem Kind zu besprechen. Aber Formulierungen wie „Was habe ich dir gesagt!“ bauen – wie in unserem Beispiel – Maria nicht auf, stellen sie vielmehr als Versagerin bzw. als unfertiges kleines Wesen hin. Der Erwachsene ist dagegen der Besserwisser. Statt verdeckter Ratschläge oder heimlicher Befehle hätte sich die Mutter in Marias Enttäuschung einfühlen können. Der Satz „Ist ja nicht so schlimm“ zeigt jedoch: Sie nimmt die Gefühle ihrer Tochter genauso wenig ernst wie deren Bemühungen, die missliche Lage zu bereinigen.

Es geht darum, Potenziale zu entwickeln und Fertigkeiten neu zu definieren

Andererseits: Maria braucht bei der Suche nach einer Problemlösung die elterliche Mithilfe und Unterstützung. So erfährt sie, dass der erlebte Misserfolg kein subjektives Versagen, sondern nur einen augenblicklichen Mangel an Fertigkeiten darstellt, der durch beharrliches Üben beseitigt werden kann. Will Maria mit dem Zusammenkehren ihre Eigenständigkeit und ihr Können beweisen, so erlebt sie stattdessen eine weitere Entmutigung: Die Mutter entreißt ihr den Besen, anstatt mit ihrer Tochter zu überlegen, wie es anders gemacht werden könnte.
Wie eine konstruktive Lösung aussehen kann, zeigt Björns Umgang mit dem Milchreis: Der Junge, acht Jahre, möchte zum ersten Mal Milchreis kochen. Das Rezept hat er von einer Projektwoche in der Schule mitgebracht. Björn hantiert in der Küche, nimmt die entsprechenden Zutaten, gießt Milch in den Topf, lässt sie aufkochen. Während er den Rezeptzettel nochmals genau studiert, klingelt das Telefon. Er vergisst die Milch, die hochquillt und sich über die Herdplatte ergießt. Björn läuft zurück in die Küche, stellt die Platte niedriger, kann aber nicht verhindern, dass es überall nach angebrannter Milch riecht.
Die Mutter kommt in die Küche, sieht ihren Sohn mit hochrotem Kopf, Tränen in den Augen: „In der Schule hat’s geklappt“, meint Björn traurig. Sie nimmt ihn tröstend in den Arm: „Schöner Mist, nicht?“ Björn reißt sich los: „Nur wegen dem blöden Telefon!“ Beide stehen da, schauen auf den Herd. Die Mutter bückt sich, holt aus einem Schrank Lappen und Putzmittel: „Ich zeige dir jetzt mal, wie ich den Herd saubermache. Sowas ist mir auch schon öfter passiert.“ Sie schaut ihren Sohn an: „Und du hilfst mir, okay?“ Beide machen sich, ohne viel zu reden, ans Saubermachen. Schließlich sagt die Mutter: „Ich koche die Milch auf Stufe 2 und rührte sie dabei immer um. Dann nehme ich den Topf von der Platte und schütte das Milchreispulver rein“, sagt sie – und verlässt die Küche.
Björn versucht es nochmals. Und diesmal klappt es. Mit den Worten „Komm runter, es gibt Milchreis!“ ruft er seine Mutter zum Essen. Als beide am Tisch sitzen, sagt er grinsend: „Manchmal hast du wirklich gute Tipps!“
An dieser Alltagssituation lassen sich einige Handlungsmuster aufzeigen, mit denen Björns Mutter ihren Sohn ermutigt, das Experiment zu wiederholen.
Indem sie seine Enttäuschung annimmt und nicht geringschätzt, lässt sie sich auf ihn ein, zeigt ihm, dass sie ihn ernst nimmt.
• Nicht auf Vollkommenheit achtet die Mutter, sie legt ihr Augenmerk darauf, Björns Fähigkeiten allmählich aufzubauen.
• Sein „Unglück“ begreift sie als willkommene Gelegenheit, seine Fertigkeiten neu zu definieren und zu entdecken.
• Sie ermutigt ihn zur Selbstständigkeit – weil sie weiß, dass Kinder aus Fehlern lernen, wenn man sie dabei unterstützt.

Ganz wichtig: Fehler machen lassen und Mut zusprechen

Björn wirkt nicht hilflos und abhängig, er ist selbstbewusst genug, aus dem Noch-nicht-Können seine persönlichen Konsequenzen zu ziehen. Anders ausgedrückt: Kinder zu ermutigen heißt, ihnen Erfahrungsräume bereitzustellen, um so Kompetenzen und Geschicklichkeit zu fördern. Und Kinder zu achten bedeutet, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen.
Eltern können manchmal nur schwer mit den Unvollkommenheiten ihrer Kinder umgehen. Je verunsicherter und ängstlicher sich ein Kind zeigt, umso mehr fühlen sie sich häufig gedrängt, es zu unterstützen.
Indes: Wer zu Selbstständigkeit und Autonomie anleiten will, sollte die Courage aufbringen, Kinder „zu lassen“ und „loszulassen“, sollte ihnen Mut zusprechen und sie Fehler machen lassen. Dass dies nicht ohne Blessuren und Schrammen geht, versteht sich von selbst.
(von Dr. Jan-Uwe Rogge* / erschienen in der familie&co Frühling 2017)
* Zum Autor: Dr. Jan-Uwe Rogge ist Familien- und Kommunikationsberater, Autor von Bestsellern wie „Kinder brauchen Grenzen“ und „Ängste machen Kinder stark“

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