Nach Schulschluss allein zuhause: Schlüsselkinder

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Nach Schulschluss allein zuhause: Schlüsselkinder

Viele Kinder verbringen nach Schulschluss ein paar Stunden allein zuhause - und wenn das Ganze gut vorbereitet sowie liebevoll begleitet ist, genießen die Schlüsselkinder auch die Freiräume.

Schlüsselkind - frühestens ab 8 Jahren

Ob und wann ein Kind so weit ist, regelmäßig ohne Betreuung auszukommen, lässt sich schwer sagen. Generell gilt: „Kinder unter acht Jahren sind bei Oma, Nachbarin, Tagesmutter oder im Hort besser aufgehoben als allein in der Wohnung“, meint die Expertin Sybille Weber, „und auch Kinder unter zehn sind noch überfordert, wenn sie die ganze Woche ihre Nachmittage selbst organisieren sollen.“ Häufig seien Schüler zwar zunächst begeistert von der Vorstellung, sich den Blicken ihrer Eltern zu entziehen. „Aber sie können nicht einschätzen, was das wirklich konkret bedeutet“, warnt die Psychologin. Nur wer sein Kind behutsam und schrittweise an das Allein-verantwortlich-Sein heranführt, kann Überforderungen vermeiden. Starten Sie am besten mit wenigen Stunden pro Woche und beobachten Sie die Reaktionen Ihres Kindes. Tauschen Sie sich regelmäßig mit ihm über seine Erfahrungen und Gefühle aus. Prüfen Sie selbstkritisch, ob Sie Ihrem Kind vielleicht doch zu viel Selbstständigkeit abverlangen, weil es für Sie persönlich gar zu praktisch wäre.

Schlüsselkind: Gerne allein zuhause

Bei allem Vertrauen in die Eigenständigkeit des eigenen Kindes, sollten Eltern diverse Sicherheits-Leinen spannen, bevor sie ihr Kind in die große Freiheit entlassen. Dazu gehören: Das Kind trägt immer ein Handy bei sich. Alle Nummern der Eltern sind eingespeichert. Außerdem gibt es einen Plan B für Notfälle (der Schlüssel klemmt, das Kind fühlt sich krank), dann sollte ein Schlüsselkind zum Beispiel zu einer Nachbarin gehen können. Und zu Hause erwartet das Schlüsselkind (neben der liebevollen Begrüßungsüberraschung) eine warme Mahlzeit, die es sich ohne Probleme zubereiten kann.

Verlässliche Absprachen bei Schlüsselkindern wichtig

Es sollte zum Beispiel eine klare Regel dafür geben, wann das Kind eine Freundin mit nach Hause bringen oder sich bei anderen verabreden darf. Die Hauptsache ist, dass die Eltern immer wissen, wo ihr Kind gerade steckt und wie lang es dort ist.. Dasselbe gilt natürlich für die Eltern: Wenn Eltern mit ihrem Kind abgesprochen haben, dass sie um 15 Uhr zu Hause sind, dann sollten sie auch um 15 Uhr und nicht um 15.30 Uhr zu Hause sein. Bevor Eltern ihren Kindern den Haustürschlüssel überreichen, ist es außerdem sinnvoll, einige Testläufe zu starten, rät die Diplom-Psychologin Sybille Weber. „Lassen Sie Ihr Kind alltägliche Handlungen einüben, die normalerweise Erwachsene übernehmen.“ Zum Beispiel: Haustür aufschließen, einen Imbiss zubereiten, ein Pflaster kleben, eine Wärmflasche füllen. Bewährt haben sich auch Rollenspiele. Spielen Sie Situationen mit Ihrem Kind durch. Wie reagieren, wenn ein Fremder anruft oder es an der Tür klingelt? Geben Sie Ihrem Kind einfache Sätze vor, die es sagen kann, ohne zu verraten, dass es ganz allein ist. Etwa so: „Es passt gerade nicht, melden Sie sich später wieder.“ Klären Sie auch, wo das Kind Hilfe findet, wenn auf dem Schulweg etwas passiert. All diese Vorbereitungen erleichtern es Kindern, ihren Alltag für einige Stunden souverän zu managen. Sie geben ihm das gute Gefühl: Mir kann nichts passieren.

Interview mit Professor Bernd Ahrbeck

Interview mit Professor Bernd Ahrbeck zum Thema "Schlüsselkind"

Professor Bernd Ahrbeck ist Psychoanalytiker und Erziehungswissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin.

Sie haben Schlüsselkinder als „Helden der neuen Zeit“ bezeichnet. Wie meinen Sie das?

Prof. Ahrbeck: In früheren Zeiten haben Eltern ihre Kinder nach der Schule allein gelassen, weil sie arbeiten mussten. Sie taten es mit Bedauern und sorgten sich, weil ihre Kinder, nach damaliger Meinung, viel zu früh auf sich allein gestellt waren. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Kinder entwickeln sich schneller und erweisen sich oft als erstaunlich selbstständig. Zum Beispiel im Umgang mit Medien oder Computer. Man betrachtet Kinder darum heute mehr und mehr als Experten und traut ihnen viel zu.

Erwarten wir von unseren Kindern zu viel?

Prof. Ahrbeck: Ich denke, das neue Selbstständigkeitsideal ist nicht ungefährlich, denn es kann dazu führen, dass Eltern nur noch die selbstständige Seite ihrer Kinder wahrnehmen und sie vorzeitig als „kleine Erwachsene“ ansehen, die schon fast alles können, was sie zum Leben brauchen. Damit überschätzen und überfordern sie ihre Kinder und übersehen, wie sehr die Heranwachsenden trotz allem auf den Schutz von umsorgenden Erwachsenen angewiesen sind.

Woran erkenne ich denn, dass mein Kind noch oder noch mehr Unterstützung braucht?

Prof. Ahrbeck:Eltern, die einen engen Kontakt zu ihrem Kind haben, fällt sicher früh genug auf, ob sich ihr Kind überfordert fühlt. Es gibt aber leider keine allgemeingültigen Warnzeichen. Manche Kinder sprechen ihre Sorgen offen aus, andere leiden still. Unbedingt handeln müssen Eltern, wenn sie merken, dass ihr Kind kaum noch Freunde hat, sich lang vor dem Fernseher oder Computer vergräbt, wenn die Schulleistungen dramatisch abfallen.

Was stärkt denn die Selbstständigkeit von Kindern?

Prof. Ahrbeck:Neue Untersuchungen zeigen, dass Eltern nicht permanent für ihre Kinder da sein müssen. Kinder brauchen altersgemäße Freiräume, um sich zu beweisen und zu erproben. Entscheidend ist, dass es in der verfügbaren „Elternzeit“ zum intensiven Austausch kommt. Das gelingt zum Beispiel mit liebevollen Alltagsritualen, gemeinsamen Freizeitaktivitäten oder gemütlichen Plauderabenden.

Alternative Betreuungsangebote nach Schulschluss

Beste Lösung für Ihr Kind finden

Wenn sich Ihr Kind allein noch unsicher fühlt, klären Sie an der Schule, in der Kirchengemeinde und beim Jugendamt, welche alternativen Betreuungsangebote es vor Ort gibt. Falls es keine öffentlichen Angebote gibt, versuchen Sie, private Netzwerke zu bilden. Fragen Sie auf dem Elternabend, auf dem Spiel- oder Sportplatz andere Eltern: „Wie bekommen Sie das eigentlich hin?“ Vielleicht kann Ihr Kind mit zu einem Schulfreund gehen oder zu einer privat organisierten Nachmittagsgruppe. Feilen Sie weiter an einem persönlichen System, bis Sie die beste Lösung für Ihr Kind gefunden haben.

Alternative Betreuungsangebote zum Schlüsselkind nach Schulschluss:

Mittagsangebote: Manche Städte und Gemeinden bieten Schülern bis circa 14 Uhr einen Mittagstisch mit Spielstunde oder auch Hausaufgabenbetreuung an. Ansprechpartner sind Jugendzentren, Kirchen und örtliche Vereine. Meist wird ein kleiner Beitrag pro Mahlzeit erhoben (etwa 2 Euro).
● Horte: Die bekannteste Form der Kinderbetreuung. Meist entweder direkt auf dem Schulgelände oder Teil einer Kindertagesstätte. Die Horte bieten ein Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, altersgemäße Spielanregungen und auch eine Ferienbetreuung. Ansprechpartner sind Schulen, Kindergärten, Jugendämter oder Kirchengemeinden. Die Kosten variieren je nach gewünschter Betreuungsdauer und Bundesland. Meist zahlen Eltern mindestens 60 Euro.
● Ganztagsschulen: Noch ist das Angebot gering, besonders bei Grundschulen. Doch es wird ständig ausgebaut. Die Kinder werden in der Ganztagsschule bis 15 oder 16 Uhr kostenlos betreut. Für das Mittagessen zahlen die Eltern einen Anteil von bis zu 50 Euro.
● Tageseltern: In dieser familienähnlichen Betreuungsform betreuen freiberufliche Frauen oder auch Männer eine kleine Gruppe von Kindern in ihrer Privatwohnung. Adressen gibt es beim Jugendamt und bei Verbänden (www.tagesmut ter-bundesverband.de). Vier Stunden pro Tag kosten im Monat um die 180 Euro. Je nach Bundesland schwankt der Anteil, den die Eltern davon zu tragen haben, erheblich.
● Nachmittagsangebote: Judo, Fußballtraining, Computerclub, Musikschule - so sind Schulkinder nachmittags stundenweise betreut. Ansprechpartner sind Vereine oder Veranstalter. Vereine verlangen in der Regel äußerst moderate Jahresbeiträge, private Anbieter sind mitunter sehr teuer.

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