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Verlust & Trauer

Sternenkinder: Erfahrungen & Hilfe von einer betroffenen Mama und Beraterin

Sternenkinder werden für immer schmerzlich vermisst
Sternenkinder werden von ihren Familien für immer schmerzlich vermisst (© iStock/ Getty Images/ PlusPandagolik)

Nina Bernhart ist Vorsitzende des Vereins “Leere Wiege” und auch durch eine private Erfahrung mit dem Thema Sternenkinder vertraut. Uns hat sie ihre persönliche Sternenkind-Geschichte erzählt und gibt Eltern von Sternenkindern Tipps im Umgang mit Trauer, Bestattung und erneutem Kinderwunsch.

Natürlich sind die Erfahrungen und Erlebnisse mit Sternenkindern sehr persönlich. Jeder Mensch geht mit Verlust und Trauer anders um. Und auch die verschiedenen Lebensumstände und Beziehungen verändert die jeweilige Situation. Deshalb kann unser Interview mit der betroffenen Sternenkind-Mama und Leiterin der Selbsthilfeinitiative "Leere Wiege" auch nur ein erster Anhaltspunkt im Umgang mit seinen eigenen Gefühlen und Möglichkeiten sein.

Am Ende des Artikels/Interviews findet ihr Infos und Links zu Hilfsangeboten für Eltern von Sternenkindern.

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Die Geschichte von Sternenkind-Mama Nina

Hallo Nina, du bist Sternenkind-Mama und Beraterin bei der Selbsthilfeinitiative "Leere Wiege" in Landau in der Pfalz.

Genau, ich bin in den zweierlei Perspektiven mit dem Thema Sternenkinder betraut. Ich bin selbst betroffene Mutter. Mein zweites Kind ist 2018 drei Tage nach seiner Geburt verstorben. Unsere Tochter hatte einen mehrfachen Herzfehler, von dem wir nichts wussten. Obwohl wir vorher gut betreut und lückenlos untersucht waren, war das vor der Geburt nicht sichtbar.

Der mehrfache Herzfehler, mit dem unsere Tochter geboren wurde, hat dann dazu geführt, dass sie am dritten Tag verstorben ist.

Und seit 2022 bin ich auch die Leiterin der Selbsthilfeinitiative  "Leere Wiege", der mir damals selbst mit meinem schlimmen Verlust geholfen hat.

Würdest du im Nachhinein sagen, dass es für dich “einfacher” gewesen wäre, wenn ihr vorher von dem Schicksal eurer Tochter gewusst hättet?

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Ich kann mich nicht entscheiden, was besser ist: Sich darauf vorbereiten zu können und gleichzeitig die ganze Schwangerschaft in Angst und Panik zu verbringen oder ruhig und freudvoll auf die Geburt zu warten und dann diesen unfassbar tiefen Fall zu erleben. Ist letztlich auch nicht wichtig, es war so wie es war. Der Schock war und ist immer noch riesengroß, auch fünf Jahre danach.

Als Sternenkinder werden verstorbene Kinder bezeichnet, die vor, während oder bald nach der Geburt versterben.

"Im engeren und ursprünglichen Sinn bezeichnet der Begriff Kinder, die aufgrund von zusätzlichen Anforderungen der Personenstandsgesetzgebung (in Deutschland mindestens 500 Gramm Körpergewicht oder bei weniger als 500 Gramm mindestens die 24. Schwangerschaftswoche erreicht) keinen Eintrag als Person im Geburtsregister / Sterberegister bekamen. Der Begriff wurde mit der Zeit für immer mehr früh verstorbene Kinder verwendet". Wikipedia

Erste Hilfe für Sternenkind-Eltern

Was war für dich in der unmittelbaren Situation am wichtigsten und was glaubst du, was betroffenen Eltern akut wirklich hilft?

Da gibt es nur eine Sache und das ist Zeit. Zeit zu kriegen vom Krankenhauspersonal, von den Ärzten zum Entscheiden und erstmal Nachfühlen, was für mich gerade gut ist, was ich brauche, was ich machen möchte, was ich auch vielleicht nicht kann.

Und das passiert meiner Erfahrung nach viel zu selten. Ich bin ja die Leiterin der Selbsthilfeinitiative “Leere Wiege” für betroffene Eltern und höre da einfach von meinen betroffenen Mamas und Papas ganz oft wirklich Horrorgeschichten aus der Klinik.

Dass sie einfach überrannt wurden in ihrer absoluten Überforderung und Hilflosigkeit. Für Ärzte und Hebammen ist es manchmal eben so, dass eine Frühgeburt oder ein Frühabort so einfach eine Geschichte ist, die passiert. Die Natur ist halt so. Aber für die Eltern ist es ein Riesending und eine ganz furchtbare Sache. Da geht ein Plan und eine Hoffnung nicht in Erfüllung.

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Sternenkinder-Geburt im Krankenhaus

Es gibt viele Möglichkeiten mit seinem verstorbenen Kind im Krankenhaus noch Zeit zu verbringen. Viele wissen aber nichts davon. Kannst du uns erzählen, welche Rituale man wahrnehmen kann?

Meine Erfahrungen durch “Leere Wiege” zeigt, dass viele Eltern oft nicht die Möglichkeit kriegen, zu sagen, was sie wollen, bzw. sich auch noch einmal umzuentscheiden. Und das ist einfach super schwierig. 

Denn Fragen wie "Möchte ich mein Kind sehen, möchte ich es halten, waschen, anziehen oder in eine Decke einschlagen?" die kann man im Schockzustand nicht klar beantworten.
Nina Bernhard

Da entscheidet man sich schon einmal um. Und vielleicht nochmal und nochmal. Dafür sollte den Eltern auf jeden Fall Raum gegeben werden, auch im stressigen und optimierten Klinikalltag.

Liegt das daran, dass die Hebammen zum Thema Sternenkinder und Kindstod vor, bei oder nach der Geburt nicht geschult sind?

Da ist ganz sicher Bedarf. Ich kann nur für Rheinland-Pfalz sprechen. Da weiß ich, dass es bis dieses Jahr nicht in der Hebammen-Ausbildung fest verankert war. Also da gab es früher einen Workshop, den Hebammen und Hebammenschülerinnen machen konnten. Aber der war freiwillig. Die Begleitung von stillen Geburten war in der Ausbildung kein Thema.

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Jetzt ist es in der Hebammen-Ausbildung fest verankert.

Was hat dir in deiner unmittelbaren Trauer, in den ersten Stunden nach der Geburt am meisten geholfen?

Ich persönlich hätte Stand damals, also ohne den Input, den ich von Ärzten, Bestatter und Co. bekommen habe, alles anders gemacht, wie ich es letztendlich gemacht habe, nachdem ich Menschen getroffen habe, die mir geholfen haben und die genau in diesem Moment da waren.

Angefangen mit dem Arzt in der Klinik, der mich genau über den Zustand meines Kindes informiert hat. Damit ging ja dann die Entscheidung einher, dass wir sagten, dass unsere Tochter gehen darf, wenn sie gehen muss. Wir hätten sie ja auch durch OPs und allen möglichen Kram zwingen können zu bleiben.

Verrückt, aber es hat mir geholfen, dass der Arzt mir da so sehr klar gezeigt hat, wo der Weg hinführt und uns dann aber auch sehr, sehr würdig und ruhig dabei begleitet hat, das zu tun, was wir eben in dieser Nacht tun mussten.

Sternenkinder und Wochenbett

Das Wochenbett ist auch für Sternenkind-Mamas relevant. Was hat deine Hebamme im Wochenbett gemacht, was dir besonders geholfen hat?

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In meinem Fall ist es ja so, dass ich 40 Wochen schwanger war und mir auch jeder das Recht gegeben hat, im Wochenbett zu sein. Frauen, die im ersten Trimester oder zweiten Trimester ihr Kind verlieren, kriegen das ja ganz oft gar nicht.

Ich kannte meine Hebamme schon vom ersten Kind und sie hat mich tatsächlich sehr, sehr gut betreut. Vor allem, indem sie mir gesagt hat, wie wichtig es ist, dass ich mich um meinen Körper kümmern muss. Ich persönlich habe durch meine Trauer und das alles, was ich da erlebt habe, überhaupt kein Gefühl gehabt für meinen Körper, gar keins.

Nichts war mir egaler als mein Körper.

Da bin ich ihr schon sehr, sehr dankbar, dass sie mir da geholfen hat, einfach gut auf den Wochenfluss zu achten, dass ich ruhen muss, dass ich liegen muss.

Was war für dich im Wochenbett besonders hart?

Ein großes Thema für mich war, wie gehe ich damit um, meine Milch auszustreichen. Das war die volle Perversion für mich persönlich, kein Kind zu haben, dem ich diese Milch geben kann. Und da bin ich hier schon sehr, sehr dankbar, dass sie mir abgeraten hat von diesen Abstillmedikamenten. Wir haben das dann auf natürliche Weise gemacht, was zwar lange gedauert hat und sehr schmerzhaft war, physisch wie emotional, aber das war was Gutes.

Sternenkinder: Erste Hilfe in den ersten Tagen & Wochen

Was war in den ersten Tagen in der Klinik besonders hilfreich?

Ich persönlich habe sehr von der Seelsorgerin profitiert, die dann in der Klinik bei uns war. Wir haben unsere Tochter nicht taufen lassen, aber sie hat so einen Segen gesprochen, mit uns gebetet und einfach geredet. Ich fand es wirklich einfach schön, so einen Moment zu haben, wo man mal aus diesem Krankenhauskontext aussteigen konnte und so ein bisschen zum Herz geht, sag ich immer. Das war schön.

Dann war es so, dass meine Schwester in dieser Nacht schon angefangen hat, alle Strippen zu ziehen, zu gucken, was gibt es, wo kann ich Hilfe finden und ist dann eben auf “Leere Wiege” gestoßen. Es ist eine Selbsthilfeinitiative, die zu diesem Zeitpunkt schon seit 20 Jahren existiert hat.

Was macht der Selbsthilfeverein “Leere Wiege” genau und wie hat er euch mit eurem Verlust geholfen?

“Leere Wiege” wurde von Helga Beisel gegründet, die damals in den 90er Jahren eines ihrer Zwillingsmädels tot geboren hat und da gab es eben überhaupt noch keine Betreuung. Sie hat das damals wirklich als eine Pionierin für Sternenkinder-Hilfe aufgebaut.

Diese Frau saß dann einen Tag später bei uns auf der Couch und hat uns viele Dinge erklärt, die mir überhaupt nicht klar gewesen waren. Ich war vollkommen hilflos und alles war nur schwarz und ich wusste überhaupt nichts. Und sie hat mir erklärt, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, noch etwas aktiv für meine Tochter zu tun.

Wie ich die Bestattung würdig gestalten kann und dass ich zum Beispiel, genau wie man für ein lebendes Baby Dankeskarten an Freunde und Verwandte verschickt, das auch für ein totes Kind machen kann. Das haben wir dann auch gemacht. Und das war so ein schönes Zeichen, diese Karten zu verteilen, weil ich damit das Gefühl hatte, damit auch mein Umfeld mit ins Boot zu holen und nicht ganz so einsam und allein war in meinem Schmerz.

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Wer oder was hat dir noch besonders geholfen in den ersten Wochen nach dem Tod deines Kindes?

Eine weitere Sache, die mir super, super wichtig war und sehr, sehr geholfen hat, war unser Bestatter, der mir erklärt hat, dass ich zum Beispiel unseren damals dreieinhalbjährigen Sohn durchaus in diesen ganzen Prozess mit integrieren kann.

Wenn mich vorher jemand gefragt hätte, willst du deine tote Tochter nochmal sehen, hätte ich gesagt, nein, das kann ich nicht. Dann habe ich es doch gemacht und diesen Moment vergisst man nicht. Er war so wichtig, um nochmal zu sehen, dass das, was ich geliebt habe an meinem Baby und dass das, was meine Tochter ausmacht, nicht mehr da ist.

Ich sehe ihren Körper und es ist ihre Hülle. Aber zu begreifen, dass sie wirklich nicht mehr lebt, das braucht man auch, um es zu verstehen. Und wenn ich das nicht gehabt hätte, weiß ich gar nicht, wo das hingeführt hätte.

Was hat dir persönlich geholfen im Umgang mit dem Verlust deines Sternenkindes? Ich meine jetzt nicht nur Hilfsvereine, sondern einfach Routinen oder Ähnliches?

Also was mir ziemlich schnell nach der Geburt für lange Zeit extrem geholfen hat, war Craniosakraltherapie, das fand ich wahnsinnig gut, weil ich das Gefühl hatte, ich kann so Druck aus meinem Kopf rauslassen, das fand ich sehr, sehr wohltutend für meinen Körper.

Und dann war für mich unglaublich wichtig, dass ich mir super viel Zeit für mich alleine nehme. Ich war das erste Jahr gefühlt nur alleine, aber weil ich das wollte. Ich bin super viel gelaufen in der Natur, ich konnte nicht gut drinnen sein.

Ich habe mir dann tatsächlich auch einen Hund zugelegt, der mich auf meinen Wanderungen begleitet hat. Denn ich hatte Sehnsucht nach einem Gefährten, aber nach einem, der nicht redet. Unsere Hündin ist deshalb die perfekte Wegbegleiterin für mich gewesen.

Aber was für mich das Allerwichtigste war, das höre ich auch in der Gruppe immer wieder, ich hatte Menschen um mich, die mir immer wieder erlaubt haben, die immer gleiche Geschichte zu erzählen und die mich und meine heftigen Gefühle ausgehalten haben. 

Menschen, die gesehen haben, wie ich in Schutt und Asche liege und die mich nicht gedrängt haben, dass es doch jetzt bitte wieder mal besser werden soll, sondern die einfach irgendwie intuitiv gewusst haben, okay, das ist jetzt so und das muss auch so sein.

Geschwister und Sternenkinder: Wie damit umgehen?

Wie war der Umgang und die Verarbeitung für das Geschwisterkind? Wie alt war das große Kind und wie seid ihr damit umgegangen?

Unser Sohn war dreieinhalb damals. Ich sage immer, das hört sich blöd an, aber er kam mir immer schon vor, wie ein kleiner Erwachsener. Und das hat dazu geführt, dass wir uns getraut haben, das so zu machen, wie es uns die Experten gesagt haben, nämlich ihn wirklich voll mit ins Boot zu nehmen.

Natürlich habe ich gefiltert und geguckt, dass ich ihm nicht zu viel zumute. Ich habe immer nach der Maxime gehandelt, so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Und das war ein guter Mittelweg. Ich habe ihm alle seine Fragen so gut beantwortet, wie ich konnte. Auch wenn es mir schwer gefallen ist, weil ich ganz, ganz oft Angst hatte, dass es zu viel für ihn ist. Ich habe mich ganz oft gefragt, was wird da mal draus, was wird aus ihm, was nimmt er davon mit, macht ihn das krank? Also das war eine große Sorge, so ein kleines Kind dermaßen mit einzubeziehen.

Er hat sie nach dem Tod nochmal gesehen und er hat mit uns gemeinsam die Grabstätte auf dem Friedhof ausgesucht. Heute kann ich sagen: Es war gut so.

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Mit der Familie und Freunden über den Verlust sprechen

Haben deine Familie und Freunde mit dir über deinen Verlust gesprochen oder musstest du es ansprechen? Wolltest du das überhaupt oder lieber nicht?

Wie du damit umgehst als Betroffene ist eine sehr individuelle Sache. Aber ich würde mal sagen, die Reaktionen des Umfeldes sind doch recht pauschal.

Das Thema Tod ist ein riesen großes Tabu. Trauernde bekommen von der Umwelt eine kurze Zeit und dann soll am besten alles wieder gut sein. Und das ist ja gar nicht böse gemeint. Aber es ist einfach schwer auszuhalten, wenn es einem Menschen nicht gut geht.

Und das macht es schwer für Trauernde. Und wenn es dann noch um ein Kind geht, was gehen musste, dann wird das Ganze für viele eine unüberbrückbare Hürde. Da ist so viel Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit, die wirklich schwer zu überwinden ist. Und viele Menschen bedienen sich in ihrer Sprachlosigkeit irgendeiner Floskel, die den betroffenen Eltern aber oft sehr weh tun. Es ist einfach super schwer, wenn du gesagt kriegst, ihr seid ja noch jung. Ihr könnt ja noch weitere Kinder haben. Die Zeit heilt alle Wunden. Das macht einen so wütend und so bitter irgendwann.

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Wie habt ihr das für euch gelöst?

Wir haben sehr schnell entschieden, ganz offensiv damit umzugehen und das anzusprechen. Auch wenn es manchmal vielleicht nicht gerne gehört wurde. Aber wir sind sehr gut damit gefahren über unsere Gefühle ganz offen zu sprechen. So war es uns dann auch möglich, überhaupt wieder rauszugehen.

Ich komme ja aus einem kleinen Dorf, 1500 Seelen. Jeder kennt jeden und jeder wusste natürlich auch, was uns passiert ist. Und das war schon krass. Ich habe erlebt, dass Leute die Straßenseite gewechselt haben, als ich gekommen bin. Und auch heute noch sehe ich in manchen Gesichtern: Oh, das ist die mit dem toten Kind. Und das ist hart, das muss man erstmal aushalten.

Aber was Freunde und Familie betrifft, so möchte ich einfach wirklich Mut machen, deutlich zu sagen, was euch belastet. Findet Bilder für eure Gefühlswelt und versucht so gut wie es geht, es zu beschreiben. Denn jemand, der das nicht erlebt hat, kann das nicht nachfüllen.

Viele Leute haben zu mir gesagt, wie furchtbar muss das sein. Das ist es, aber es ist noch 10.000 Mal anders und schlimmer, wie du es dir denkst.

Bestattung von Sternenkindern

Um was muss man sich nach dem Tod seines Sternenkindes noch alles kümmern? Wie wird ein Sternenkind beigesetzt?

Es kommt ganz drauf an, denn das ist leider Ländersache. Rheinland-Pfalz hat seit 2013 ein Gesetz, was die Kliniken verpflichtet, auch die stillgeborenen Kinder, die leichter sind als 500 Gramm zu bestatten.

Früher, und das ist eine Tatsache, die man nicht gerne hört, aber es ist ein Fakt, und es ist auch deutschlandweit so gewesen, wurden diese Kinder mit dem Klinikmüll entsorgt.

Und heute sind sie bestattungspflichtig. In der Regel werden die Sternenkinder einer Gemeinschaftsbeisetzung zugeführt, die in den meisten Fällen wirklich würdig gestaltet wird. Bei uns in Landau in der Pfalz ist zweimal im Jahr diese Gemeinschaftsbeisetzung, einmal im Juni, einmal im November. Die Kinder werden dann gemeinsam kremiert und zusammen in einer Urne bestattet. Dafür müssen die Eltern tatsächlich nichts unternehmen, das läuft automatisch an.

Wie ist die Bestattung eures Sternenkindes abgelaufen?

Ich bin dem Bestatter, wie gesagt, sehr, sehr dankbar, dass er mir da Mut gemacht hat und uns auch wirklich alle Möglichkeiten gegeben hat, bei der Bestattung mitzumachen. Wir haben unsere Tochter selbst getragen, wir haben den Sarg ins Grab abgelassen und solche Dinge. Und das war super, super schwer. Und gleichzeitig bin ich so froh, dass wir es gemacht haben, weil ich das Gefühl für mich habe, alles, was ich hätte tun können für meine Tochter, habe ich getan. Und das ist für mich persönlich wichtig gewesen. Mir wurde da nichts genommen.

Und wie läuft es ab, wenn man sein Sternenkind selbst bestatten möchte?

Wenn die Eltern entscheiden, ihr Kind individuell bestatten zu wollen, dann müssen sie einen Bestatter beauftragen und tragen die Kosten selbst dafür. Die Gemeinschaftsbeisetzung ist kostenfrei.

Regelungen für die Bestattung von Sternenkindern
Regelungen für die Bestattung von Sternenkindern (in Rheinland-Pfalz) (© Leere Wiege Helga Beisel, Fuchsbachweg 1, 67378 Zeiskam )

Mutterschutz und Elterngeld bei Sternenkindern

Wie ist das mit dem Mutterschutz und Elterngeld bei einem Sternenkind?

Elterngeld hast du zugute, wenn dein Kind lebend zur Welt kam. Man bekommt, je nachdem wie lange das Kind gelebt hat, unterschiedlich lang Elterngeld. In meinem Fall waren es drei Tage, also habe ich für diesen einen Monat Elterngeld bekommen.

Mutterschutz ist das gleiche, nach einer Lebendgeburt oder ab nach der 24. Schwangerschaftswoche, beziehungsweise ab einem gewissen Gewicht, hast du Anrecht auf Mutterschutz. Wenn man sein Kind früher verliert, fällt der Mutterschutz weg.

Sterbeurkunde und Stammbucheintrag für Sternenkinder

Bekommt man für lebendgeborene Kinder, die dann sterben, eine Geburtsurkunde?

Ja, sie sind beurkundungspflichtig. Aber da kommt es auch wieder auf eine bestimmte Gewichtsgrenze bzw. den Schwangerschaftsmonat an.

Einen Eintrag ins Geburtsregister kann man aber immer vornehmen lassen.

Weiterleben mit dem Verlust eines Sternenkindes

Wie geht ihr jetzt, fünf Jahre nach dem Verlust, mit eurem Sternenkind um in der Familie?

Unsere verstorbene Tochter ist Teil unseres Lebens und wir reden ganz viel darüber. Und sie darf da sein, auch wenn sie nicht da ist.

Natürlich ist es traurig und natürlich ist es schwer. Aber ich halte es für viel, viel ungesünder, so zu tun, als wäre nichts gewesen und das Kind, das gehen musste, kriegt keinen Platz.

Regenbogenbaby: Erneute Schwangerschaft nach einem Sternenkind

Du hattest ein Jahr später eine erneute Schwangerschaft und eure Tochter ist jetzt drei Jahre alt. Wie war die erneute Schwangerschaft für euch als Familie? Wie war das für euren Sohn?

Wir haben relativ lange gewartet, bis wir es ihm gesagt haben. Für mich war es sehr schwer, wieder schwanger zu sein. Es war auch wunderschön, aber es war schwer.

Wir haben sehr bewusst diese Entscheidung getroffen und waren dann natürlich auch überglücklich, als es so war. Und trotzdem kommen dann sofort verschiedenste Gefühle hoch. Für mich persönlich war es so, dass ich vollkommen davon überzeugt war, das wiederholt sich jetzt genau so wie damals. Das kann gar nicht anders ausgehen. Und deswegen war für mich persönlich diese Schwangerschaft wirklich, wirklich schwer. Ich habe dann auch alle möglichen feindiagnostischen Untersuchungen gemacht, die nur möglich waren. Aber ich habe das gebraucht.

Wir haben in der 19. Schwangerschaftswoche an der Uniklinik nochmal einen feindiagnostischen Ultraschall machen lassen und nachdem da rausgekommen ist, da ist alles gut und okay, haben wir unserem Sohn vom neuen Baby erzählt.

Und das war schön, weil er wirklich so richtig happy war. Er war total im Vertrauen, das habe ich gemerkt.

Wie war es dann, als eure Tochter, euer Regenbogenbaby, geboren wurde?

Als die Kleine dann auf die Welt kam, gab es wieder keinen ganz reibungslosen Start. Wir waren nochmal drei Tage in der Kinderklinik mit ihr, weil sie sich so ein bisschen schwer getan hat am Anfang. Und das war für unseren Sohn wirklich blöd. Es war zu Corona-Zeiten, er durfte nicht mit rein, er wusste nicht, was los ist. Und mein Mann musste ihm dann immer alles genau erklären.

Ich selbst habe mir gar keine so großen Sorgen gemacht. Ich habe sie gesehen und wusste, dass sie gesund ist.

Durch die anfänglichen Probleme hatten wir dann nach diesen drei Tagen ein Kind, das wirklich auf Herz und Nieren geprüft war. Und ich konnte sie mit nach Hause nehmen, wusste einfach, sie ist gesund.

Hilfsangebote für Sternenkind-Eltern

Wo finden betroffene Eltern denn Hilfe? Wo können sie sich denn hinwenden?

Ein erster Anlaufpunkt sind Diakonie und Caritas und da kann man erste Hilfen finden. Es gibt in den größeren Städten mittlerweile auch wirklich gute Selbsthilfeangebote und Vereine, die Sternenkind-Eltern betreuen, begleiten und beraten.

Wie findest du Online-Hilfsangebote und Foren für Sternenkind-Eltern?

Online ist ein guter Weg sich ein bisschen schlau zu machen, aber ich möchte auch gleichzeitig immer warnen, da ein bisschen vorsichtig zu sein. Es gibt zum Beispiel viele Foren für Sternenkind-Eltern, wo man sich mit anderen Müttern und Vätern vernetzen und sprechen kann. Das ist etwas Gutes. Aber es birgt auch die Gefahr, so sehr abzutauchen in diesem Kanal und die normale Welt gar nicht mehr wahrzunehmen. Und das kann einen Abwärts-Strudel mit sich bringen. Es gibt einfach super viele Angebote für Sternenkind-Eltern und nicht alle sind seriös.

Meine Faustregel ist: Ein gutes Trauerangebot, das seriös und den Menschen zugewandt ist, ist in der Regel kostenlos.

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Bekommen Sternenkind-Eltern eigentlich von den Ärztinnen oder von den Psychologischen Hilfe-Angeboten des Krankenhauses eine Weitervermittlung in eine psychologische Nachbetreuung?

Trauern ist eine völlig normale Reaktion auf ein schlimmes Ereignis. Und das hat nichts mit einer Krankheit zu tun. Auch wenn es sich furchtbar schwer anfühlt und man das wirklich gerne schnell wegschieben würde, Trauer ist da, weil sie da sein muss und sie muss Zeit kriegen, damit sie sich irgendwann verändern kann. Deswegen bin ich, was psychologische Hilfe angeht, immer erst mal ein bisschen vorsichtig.

Also für Menschen ist es ja super schwer, diese Gefühle zu haben. Das ist ja der Wahnsinn. Und natürlich denkt man als allererstes, ich brauche einen Psychologen. Aber auch ein Psychologe kann deine Trauer nicht wegkurieren. Anders ist es gelagert, wenn du traumatisiert bist.

Ärzte und Hebammen sollten eigentlich über ein Netzwerk verfügen, an das sie die Betroffenen weiterleiten können, zumindest mal vielleicht hilfreiche Flyer haben. Das wäre sehr, sehr wünschenswert, aber oft klappt das leider nicht.

Hinweis: Wenn ihr oder jemand den ihr kennt gefährdet ist und ihr nicht weiter wisst, steht euch das Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe zur Verfügung. Ihr erreicht es unter 0800 / 33 44 533. In Notfällen, z. B. bei drängenden und konkreten Suizidgedanken zögert nicht, euch an die nächste psychiatrische Klinik zu wenden oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112 zu rufen.

Wir recherchieren mit großer Sorgfalt und nutzen nur vertrauenswürdige Quellen. Die Ratschläge und Informationen in diesem Artikel ersetzen keine medizinische Betreuung durch entsprechendes Fachpersonal. Bitte wendet euch bei gesundheitlichen Fragen und Beschwerden an eure Ärztinnen, Hebammen oder Apotheker*innen, damit sie euch individuell weiterhelfen können.

Quellen: Leere-Wiege.com, Bundesministerium der Justiz, Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend

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