Kindergarten, Ängste und Loslassen

Tränenanfälle und „Ich will wieder heim!!“-Rufe: Bei der Kindergarteneingewöhnung ein nur zu bekanntes Phänomen. Den Mamas und Papas zerreißt es dabei jeden Morgen fast das Herz. Aber da muss man durch. Oder? Sandra über Kindergarteneingewöhnung, weinende Kinder und die Sache mit dem Vertrauen. #insidemom 


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Zweimal Eingewöhnung, Zweimal Frust, Tränen und Ängste


Die Eingewöhnungen meiner beiden Kinder verliefen anfangs supergut. Zu gut …
Tochter 1 fand bereits am allerersten Tag einen Spielkameraden, der noch heute zu ihren besten Freunden zählt. Blöd nur: Ihr bester Freund ist ein halbes Jahr älter als sie – und das hieß, dass er ein halbes Jahr früher in die Gruppe mit den großen Kindern wechseln musste. Ab da gab es Probleme. Jeden einzelnen Tag wollte Maxi nicht in den Kindergarten gehen, jeden Tag flossen Tränen, jeden Tag zerriss es nicht nur ihr kleines Herz, sondern auch meins. Meine Bitte, das Kind schon früher in die Gruppe mit den großen Kindern zu lassen, wurde abgelehnt mit der Begründung, man fürchte, meine Tochter würde von ihrem Freund abhängig sein und wäre nicht in der Lage, mit anderen Kindern Freundschaften zu pflegen. Damals glaubte ich den Erzieherinnen und dachte, es müsse alles so sein, schließlich hatten ja andere vor mir bestimmt auch das Problem – und wenn es für sie keine Ausnahmen gegeben hatte, konnte auch wegen meines Kindes keine Ausnahme gemacht werden.


Kindergarten Eingewöhnung

"Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde sicher nicht nur ich anders handeln, sondern auch die involvierten Erzieherinnen, denn jeder lernt bekanntlich jeden Tag dazu", sagt Sandra.


© iStock
Zwar habe ich viel über die unschöne Situation nachgedacht, mich aber dennoch zähneknirschend an das Schema gehalten, das gängig war: Brüllendes Kind abgeben, den Abschied nicht unnötig in die Länge ziehen – und um die Ecke stellen und warten. Kurz darauf registrieren, dass das Kind sich tatsächlich beruhigt, sobald ich außer Sichtweite bin.

Bei der zweiten Tochter verliefen die ersten Wochen ebenfalls problemlos, obwohl sie kein großes Interesse an den anderen Kindern zeigte. Doch irgendwann dämmerte es auch ihr: Mama war nicht dazu zu bewegen, mit im Kindergarten zu bleiben. Aber warum denn nicht? Weil sie eben arbeiten musste, was aber sehr schwer zu verstehen war, schließlich hatte die gleiche Mama ja vorher auch gearbeitet, ohne dass Mini außer Haus gehen musste.

Auch da wieder: Jeden Tag Tränen, jeden Tag der Wunsch, nicht in den Kindergarten gehen zu müssen. Und jeden Tag hörte ich von den Erzieherinnen, dass es dem Kind gut ging, dass alles in Ordnung war, dass sie sich schnell beruhigte und auch den ganzen Tag nicht nach mir fragte. 
Was geht in einem weinenden Kind vor, wenn Mama weg ist?

Was ich mich immer wieder frage: Beruhigt sich ein Kind, wenn die Bezugsperson außer Sichtweite ist, und spielt dann tatsächlich den Rest des Tages glücklich und zufrieden? Oder gibt es eine Parallele zu den Babys, die abends mit ihrem Elend und ihren Ängsten allein gelassen werden und sich nächtelang die Seele aus dem Leib schreien, bis sie irgendwann erkennen: Es bringt nichts, hier ist keine Hilfe zu erwarten. Ich kann mir meine Energie genauso gut aufsparen.

Könnte es sein, dass die Kindergartenkinder, die unter Trennungsangst leiden, genau das Gleiche durchmachen wie die Babys, die sich nach Nähe sehnen, sie aber nicht bekommen und stattdessen früh lernen müssen, alleine einzuschlafen?



„Ich würde mir wünschen, dass betroffene Eltern das Gespräch mit den Erzieherinnen suchen und sich für eine bindungsorientierte Eingewöhnung einsetzen. ...”

von Sandra Schindler

Ist es nicht unsere Pflicht als Erwachsene, zu versuchen, dieses Leid zu verhindern? Ich kenne keine Prozentzahlen, aber ich kenne genug Berichte von Müttern, laut denen es im zuständigen Kindergarten überhaupt keine Eingewöhnung gibt, kein langsames Steigern der Zeit, die das Kind „allein“ in der Gruppe zubringen muss, sondern einfach vom ersten Tag an ein Abgeben – und fertig. Ich würde mir wünschen, dass betroffene Eltern das Gespräch mit den Erzieherinnen suchen und sich für eine bindungsorientierte Eingewöhnung einsetzen. Eine ordentliche Eingewöhnung braucht natürlich Zeit, die so manche Eltern nicht aufbringen können, schließlich muss auch wieder Geld her – und das kommt erst dann rein, wenn wieder gearbeitet wird, nur:

Hektik rächt sich. Die Kinder haben feine Antennen, spüren den Stress der Eltern – und lassen sich davon anstecken. Ich kenne das von mir selbst: An den wenigen Tagen, an denen ich mal morgens einen Termin hatte, verfielen meine Kinder zu Hause in den Trödel-Modus – und im Kindergarten gab es eine Riesen-Szene bei der Abgabe, obwohl doch die Wochen davor alles bereits super gelaufen ist.
Wie klappt es mit der Eingewöhnung?

Wann und warum bei mir überhaupt der Moment kam, an dem das morgendliche Theater wegfiel?

Als ich eines Morgens aufwachte und dachte: Ich kann und will das nicht mehr. Ab da nahm ich mir so viel Zeit, wie meine Tochter brauchte, und pfiff auf die gängige Meinung, dass Abschiede kurz zu halten seien. Ich ging erst, wenn Mini mich freiwillig gehen ließ. Fertig.


Ich weiß, die Arbeit lässt bei manchen Eltern nicht zu, dass sie später kommen, aber … Vielleicht kann man ein klein wenig früher aufstehen und sich vorher die Zeit nehmen? Oder aber man findet andere Mittel, um den Abschied entspannter zu gestalten. Entspannung ist überhaupt das Stichwort. Ich schob meine Ängste beiseite und vertraute darauf, dass es meinen Kindern im Kindergarten gutgehen würde. Diese entspannte Haltung übertrug sich erfolgreich auf die Kinder. Ich nahm mir die Zeit gern, weil ich wusste, mein Kind braucht sie.

Würde ich heute noch einmal mit der Eingewöhnung starten müssen, würde sie ganz anders verlaufen: Ich würde niemals ein weinendes Kind zurücklassen, erst recht keins, das verzweifelt die Arme nach mir ausstreckt. Am Anfang tat ich genau das. Es war eben gängig. Dennoch: Es tut mir heute noch leid, dass ich es nicht besser wusste und demzufolge auch nicht besser machen konnte. 

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Loslassen ist der Schlüssel

Das, was eine Eingewöhnung meiner Erfahrung nach am häufigsten erschwert, ist, dass es für die Mütter alles andere als leicht ist loszulassen. Ja, man weiß, den Kindern geht es gut dort, sie sind abgelenkt, es gibt nun mal keine andere Möglichkeit, weil die Arbeit ruft, aber … hätten meine Kinder es nicht doch besser, wenn ich da wäre und sie trösten könnte, wenn sie sich verletzt haben oder von anderen geärgert werden?

Sicher wären die Kinder länger behütet und Ungerechtigkeiten würden abgefedert werden, aber früher oder später kommen diese Erfahrungen doch, egal, wie sehr man sich als Mutter wünscht, sie zu vermeiden. Meiner Meinung nach ist das Wichtigste für eine unproblematische Eingewöhnung neben dem Loslassen das Vertrauen:

• Das Vertrauen in sich selbst, dass man das Richtige tut, wenn man das Kind nicht mehr zu Hause lässt, sondern es in den Kindergarten bringt.

• Das Vertrauen in das Kind, dass es bereit ist, wichtige Lernerfahrungen zu machen (Du kannst es darin unterstützen, indem du mit ihm am Abend den Tag Revue passieren lassen und ihm zuhörst, wenn es dir erzählt, was es in einer bestimmten Situation empfunden hat. Dabei solltest du den Fokus auf die schönen Erlebnisse legen und gemeinsam Lösungen für die weniger schönen Erlebnisse des Tages finden.)

• Das Vertrauen in die Erzieherinnen, dass sie liebevoll und empathisch mit deinem Kind umgehen und dich einbeziehen würden, falls wirklich etwas nicht so liefe, wie es laufen sollte.

• Und nicht zuletzt das Vertrauen ins Universum, dass alles immer so kommt, wie es kommen muss. „Lieben, was ist“, so sagt es Byron Katie. Und damit wären wir wieder am Anfang dieses Abschnitts: Lass dein Kind los, lass es den ersten Schritt in die große, weite Welt machen, aber mit dem Wissen, dass es immer wieder zurückkehren kann in den sicheren, behüteten Hafen, wo es Kraft, Liebe, Verständnis – ach, einfach Mama (oder auch Papa) tanken kann, um zu einem selbstbewussten, empathischen Menschen von morgen zu werden.

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Hier schreibt: Sandra Schindler




Sandra Schindler schreibt bedürfnisorientierte Kinderbücher. Ihr neuestes Buch, „Flim Pinguin im Kindergarten“, soll Kindern, Eltern und Erzieher(inne)n die Eingewöhnung erleichtern und vorhandene Ängste lindern – besonders die Trennungsangst der Kindergartenneulinge.

Auf ihrem ➤ Blog schreibt sie über ihren Alltag als alternative, vegane Mama, stellt außergewöhnliche Kinderbücher vor und veröffentlicht Berichte zur Kindergarteneingewöhnung aus aller Welt. Sandra hat zwei Töchter (sechs und vier Jahre alt) und lebt mit ihnen, Mann und Hund mitten im Pfälzerwald bei Kaiserslautern.


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