Wann und wie man ein Kleinkind fördern sollte

Ab wann Kleinkind-Förderung Sinn macht und wie sich dabei dauerhafter Erfolg einstellt.


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Versonnen sitzt Julian im Sandkasten und schaufelt sein Sieb voll. Mama Sandra schaut von der Bank aus dem vertieften Spiel ihres Vierjährigen zu. Dann gesellt sich Freundin Regina zu ihr. „Wir waren gerade zum ersten Mal bei der musikalischen Frühförderung. Das ist echt klasse, wie die Kleinen da an Instrumente und Musik herangeführt werden.“ Regina ist ganz begeistert, und ihrer Tochter Nele (4 Jahre) hat’s offenbar auch gefallen. „Und Musik soll sich ja auf die ganze Entwicklung auswirken - in Sachen Sozialverhalten, Konzentration, Gedächtnis.“ Davon hat Sandra Möller auch schon gehört, und nicht zum ersten Mal beschleicht sie das ungute Gefühl, dass ihr Sohn seine Zeit besser nutzen könnte, als im Sandkasten zu sitzen. Sollte sie ihn gezielter fördern?

Sinnvolle Kleinkind-Förderung


© Thinkstock
Wer auf die Anforderungen der heutigen Gesellschaft schaut, dem kann durchaus angst und bange vor der Zukunft werden, die unsere Kleinen vor sich haben. Nur die Besten scheinen noch gute Chancen für das spätere Berufsleben zu haben. Dabei wächst der Lehrstoff in den Schulen ständig, während die Qualität der Vermittlung abnimmt, wie die PISA-Studien zeigten. Kein Wunder, wenn viele Eltern verunsichert sind und ihren Kindern möglichst früh möglichst viel mit auf den Weg geben wollen.

Kleinkinder lernen leichter


Seit die Hirnforschung gezeigt hat, wie sagenhaft aufnahmefähig ein Kleinkind ist, ist Frühförderung zum großen Thema geworden. Die Ergebnisse sind verblüffend: Bei Säuglingen entstehen in einer Sekunde bis zu zwei Millionen neuer Nervenzellen-Verbindungen im Gehirn. Jeder neue Eindruck, jede Erfahrung, jede Anregung führt zum weiteren Aufbau dieses Netzwerks. Und je dichter die Vernetzung, desto besser kann das Gehirn arbeiten.

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Besonders leicht fällt den Knirpsen das Erlernen einer Fähigkeit, wenn sie in das dazugehörige „Zeitfenster“ fällt. So erwerben Kinder zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr beispielsweise relativ mühelos eine zweite Sprache. Viele Eltern folgen bereits den Erkenntnissen der Wissenschaft:  Kurse wie „Englisch für Vorschüler“, musikalische Früherziehung und kreatives Werken für Kindergarten-Kinder boomen. Noch früher setzen Angebote für die ganz Kleinen an - vom Babyschwimmen bis zum „Prager-Eltern-Kind-Programm“. Hinter allem steckt der Wunsch der Eltern, den Nachwuchs fit fürs Leben zu machen und ihm die Chance zu geben, sich Fähigkeiten ohne mühsames Pauken und Trainieren anzueignen.
Nachhaltigen Erfolg bringt nur dauerhafte Förderung
Je mehr Stimulation, desto klüger das Kind? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn nur, was das Gehirn dauerhaft nutzt, bleibt auch erhalten. Etwa mit dem 6. Lebensjahr hört der Ausbau der Vernetzung auf und ein Reifungsprozess setzt ein: Stark genutzte Nervenbahnen verstärken sich, schwach genutzte verkümmern. Das heißt: Lernt ein Kleinkind zum Beispiel Englisch, weil seine Eltern zwei, drei Jahre im Ausland leben, und spricht es nach seiner Rückkehr wieder ausschließlich Deutsch, wird es die englischen Vokabeln zum Großteil vergessen - wenn sie nicht weiter trainiert werden. Kein Vorteil für die Schule und fürs Leben.

Einen ähnlichen Effekt haben US-amerikanische Studien bei Kindern festgestellt, die bereits vor der Schule lesen und rechnen konnten. Spätestens im Alter von elf Jahren hat sich ein solches Können relativiert und sie haben keinen Vorsprung mehr vor ihren Klassenkameraden. Im Gegenteil: Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass die so trainierten Kinder sich im Schulunterricht langweilen und den Spaß am weiteren Lernen verlieren. 
Nachteile, wenn Kinder schon früh gefördert werden
„Theoretisch kann man bereits einem Dreijährigen Lesen oder Computerlernspiele beibringen, die Frage ist nur, wie sinnvoll das ist“, gibt der renommierte Neurobiologe Professor Dr. Gerald  Hüther von der Universität Göttingen zu bedenken. In seinem Ratgeber stellt er Eltern darum eine Grundsatzfrage: „Was wollen Sie Ihrem Kind unbedingt auf den Weg in sein späteres Leben mitgeben?“ Rechenkünste? Englischkenntnisse? Tennisregeln? Oder die Fähigkeit, optimistisch in die Zukunft zu blicken, die Anforderungen des Lebens zu meistern, sozial mit Menschen umzugehen und zur eigenen Meinung zu stehen, selbstbewusst und couragiert?



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