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Eine Einordnung

Wie viele Geschlechter gibt es? Eine emotionale Debatte

Wenn ich zurück denke an meine Kindheit, war immer klar: Es gibt zwei Geschlechter, männlich und weiblich. Entweder ist man Mädchen oder ein Junge. Woher diese Einteilung kommt, stellt man als Kind meist erstmal nicht in Frage. Damals hatte ich noch nichts davon gehört, dass dieses Thema vielschichtiger ist und gar nicht so leicht zu beantworten. Denn man muss sagen: Die Debatte wird hitzig geführt und je nachdem, welche Wissenschaft man fragt, fällt die Antwort sehr unterschiedlich aus.

Wer bestimmt, wie viele Geschlechter es gibt?

Ich bin keine Soziologin oder Biologin, doch ich versuche mich einmal der Thematik aus Sicht der beiden Wissenschaften zu nähern. Vorweg sei gesagt, dass es hier gar keine einfache und eindeutige Antwort gibt. Viele würden mir hier widersprechen, weil wir gesellschaftlich gesehen in einem binären System aus zwei Geschlechtern leben: Mann und Frau.

Wenn man sich aber mal fragt, woher diese beiden Kategorien kommen, dann sind vor allem zwei Wissenschaften wichtig, die den Geschlechtsbegriff prägen und erklären: Die Biologie und die Soziologie. Beide führen einen Diskurs, wer die Deutungshoheit über den Geschlechtsbegriff hat und die Debatte wird gesellschaftlich sehr emotional geführt. Für viele Menschen mag dies im Alltag keine Rolle spielen, doch für jene, die mit dem durch ihre Geburt zugewiesenen Geschlecht oder ihrer Geschlechterrolle nicht viel anfangen können, ist das ein sehr wichtiges persönliches Thema.

Ein begriffliche Annäherung

"Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt."

Simone de Beauvoir, französische Philosophin

Dieses Zitat der französischen Philosophin Simone de Beauvoir von 1949 zeigt schon, wie alt diese Frage nach der Geschlechtsbestimmung ist. Damit ebnete sie den Weg für die frühe Frauen- und Geschlechterforschung in Philosophie und Soziologie. Dem entgegen steht die Biologie, die das Geschlecht aufgrund körperlicher Merkmale einordnet. Um zu verstehen, was wir heute mit Geschlecht meinen, hilft es sich ,erst einmal all die vielen Begriffe anzuschauen, die damit einhergehen. Dazu muss man sagen: Nicht alle Wissenschaftler*innen sehen sie als gesetzt an, es wird weiterhin über deren Deutung und Richtigkeit gestritten. Solche Definitionen können in ein paar Jahren durch den wissenschaftlichen Diskurs anders ausfallen oder widerlegt werden.

Biologisches Geschlecht

In der Biologie basiert das Geschlecht auf anatomischen und körperlichen Unterschieden, doch es gibt viele weitere Merkmale: "Sex" als Begriff für das biologische Geschlecht ist einmal das chromosomale Geschlecht basierend auf den Chromosomen XX für weiblich und XY für männlich. Daneben gibt es das gonadale Geschlecht, das aufgrund der inneren Fortpflanzungsorgane bezeichnet wird (Eierstöcke = weiblich, Hoden =männlich) und das hormonelle Geschlecht aufgrund der Hormonkonzentrationen des jeweiligen Menschen. Es gibt jedoch auch Menschen, die mit Merkmalen beider Geschlechter geboren werden. Diese nennt man intergeschlechtlich.

Dazu kommt noch das morphologische Geschlecht, das durch die Genitalien (Vagina, Brüste = weiblich, Penis = männlich) und sekundäre Geschlechtsmerkmale bestimmt ist. Es ist also auch in der Biologie gar nicht so eindeutig, sondern das biologische Geschlecht setzt sich aus vielen Faktoren zusammen. Letztlich gibt es hier die klassische Unterscheidung in gebärfähig oder eben nicht.

Gender

Um sich gegen diese rein biologische Zuschreibung abzugrenzen, definierten Soziologinnen und Feministinnen in den 60er Jahren den Begriff Gender in Abgrenzung zum biologischen "sex" für Geschlecht. Gender zielte damals auf die soziale Konstruktion des Geschlechts ab. Es ging darum zu zeigen, dass es ein soziales Geschlecht gibt, in dem wir uns gemäß geschlechtsspezifischer Rollen und Zuschreibungen bewegen.

Diese sind historisch gewachsen, ebenso die Bedeutungen, und daher heutzutage völlig anders als vor 200 Jahren. Genau dieses soziale Geschlecht ist im erwähnten Zitat von Simone de Beauvoir gemeint. Eine Frau kann sich z.B. mit vielen Rollenzuschreibungen weiblichen Verhaltens unwohl fühlen, lebt in ihrem Alltag eher männliche Rollen und fühlt sich männlichen Attributen eher zugeneigt. Das gleiche kann für einen Mann gelten.

Geschlechtsidentität

Als weitere Kategorie, die mit anatomischen Merkmalen und biologischen Bestimmungen nichts zu tun hat, gilt die geschlechtliche Identität. Eine Person, die biologisch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wird, kann sich selber vielleicht eher mit männlichen optischen Attributen wohl fühlen bzw. verhält sich eher im männlichen Rollenbild. Diese Personen, deren Geschlechtsidentität von diesem biologisch determinierten Modell abweicht, nennen sich heutzutage nicht-binär. Darunter fällt ein breites Spektrum an Geschlechtsidentitäten, die sehr individuell und auch im Laufe eines Lebens wandelbar sein können. Einige dieser Menschen bezeichnen sich als trans* oder können auch genderfluid sein.

Sexuelle Orientierung

Die sexuelle Identität eines Menschen wiederum wird nicht durch sein biologisches oder soziales Geschlecht definiert. Damit ist gemeint, zu wem wir uns sexuell hingezogen fühlen. Als welches Geschlecht wir leben und wahrgenommen werden möchten und wen wir lieben, kann sehr vielschichtig sein. Für manche Menschen ist dies klar, sie sind entweder heterosexuell, homosexuell oder auch bisexuell. Doch nicht alle queeren Menschen finden sich in diesen Zuschreibungen wieder. Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzt ist festgelegt, dass kein Mensch aufgrund seiner sexuellen oder geschlechtlichen Identität diskriminiert werden darf.

Wie viele Geschlechter gibt es?

Die Frage, wie viele Geschlechter es gibt, ist also gar nicht mit einer Zahl zu beantworten. Man könnte biologisch gesehen sagen, es gäbe zwei Geschlechter. Doch selbst hier ist die Biologie viel weiter: Der Biologe Prof. Dr. Diethard Tautz erklärt im ZDF-Interview, dass die Zweigeschlechtlichkeit ein soziales Konstrukt ist. In der Entwicklung des Embryos gebe es sozusagen bildhaft einen binären Schalter, der entscheidet, wie welche Geschlechtsmerkmale ausgeprägt werden.

Doch dann passieren noch viele Dinge danach, die bestimmten, was das Geschlecht ausmacht: "Es gibt keine klaren Kategorien männlich/weiblich, es gibt nur einen Durchschnitt. Das heißt, dass die meisten Menschen auf einer der Seiten des Durchschnitts sind, aber eben nicht exakt der Durchschnitt. Deswegen ist dieses Konstrukt Mann/Frau eigentlich ein Kultur-Konstrukt, denn die Diversität ist viel größer." Die Frage, ob bei der Geburt schon das Geschlecht festgelegt ist, hält Herr Tautz für aktuell noch ungeklärt. Daher gibt es außer dem weiblichen und männlichen noch viel mehr – das Spektrum ist groß.

Geschlechtliche Vielfalt per Gesetz

Geschlechtliche Vielfalt schlägt sich auch gesetzlich nieder: Seit 2019 kann man für sein Kind "divers" eintragen lassen, wenn nicht eindeutig klar ist, ob es männlich oder weiblich ist. Und auch Erwachsene können diesen Geburtseintrag im späteren Leben ändern lassen, wenn sie eine Bescheinigung eines Arztes oder einer Ärztin vorlegen.

Die Psychologie bestätigt ebenfalls, dass kein Mensch nur eindeutige Verhaltensweisen eines Geschlechts aufweist. Oftmals überlappen sich viele Eigenschaften. Das Gehirn wird durch bestimmte Gene festgelegt, doch es ist noch nicht bis ins letzte Detail klar, wie stark äußere Einflüsse diese geschlechtliche Identitätsfindung wirklich prägen. So gesehen gibt es so viele Geschlechter, wie ein Mensch sich vorstellen kann bzw. wie er sich fühlt und sieht. Nicht nur Mann und Frau, sondern ganz viel dazwischen.

 

"Auch wenn die primären Geschlechtsorgane männlich oder weiblich sind, kann alles was danach kommt, eine andere Verteilung haben, also Verhaltensweisen, Strategien und Bevorzugungen. Evolutionsbiologisch ist das alles sehr einfach zu erklären: Variation ist der Schlüssel zum Überleben der Art und nicht Stereotypen."

Prof. Dr. Diethard Tautz, Biologe

 

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Quellen und weiterführende Links: Interview mit Biologe Prof. Dr. Tautz, BPB: Soziologische Dimensionen von Geschlecht, Geschlechtsidentität, Sex vs. Gender bei DISW, Sexuelle Identität bei Antidiskriminierungstelle

Bildquelle: Getty Images/Angelina Bambina
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