Sozialverhalten der Kinder

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Sozialverhalten der Kinder

Manchmal verhalten sich die eigenen Kinder so ungewohnt, dass man sie kaum wieder erkennt. Wie das Sozialverhalten der Kinder funktioniert.

Kinder varriieren ihr Verhalten je nach Ort

Mehrere Mädchen auf einem Haufen – das ist äußerst interessant. Eltern können hören, wenn Mädchen gemeinsam„Familie“ spielen. Und dann hört Mama plötzlich sich selbst! Sie spricht zwar mit Kinderstimme, aber sonst stimmt alles: Ein wenig altklug, einen Tick zu genervt klingt das, aber sehr, sehr gut nachgemacht.
Die Mädchen haben gerade das Drinnen-draußen- bzw. So-und-so-Spiel entdeckt, und sie spielen es verblüffend perfekt: In der Familie verhalten wir uns ganz speziell, mit Freundinnen anders, wieder anders in der Schule oder beim gestrengen Schwimmlehrer. Kinder wissen das, viel früher, als wir glauben. Sie sind Sozial-Chamäleons und können, wegen ihrer enormen Lernfähigkeit, an allerlei Orten die Seiten ihrer Persönlichkeit, die sie zeigen möchten, fantastisch variieren. Dass Kinder das mit neun, zehn Jahren schon selbst durchschauen, wie hier im Rollenspiel („Wenn Mama dann so guckt“ - sehr passende Fratze - „dann muss ich so tun, als ob“), ist verblüffend.
Kinder verstehen genau: Für zu Hause und anderswo gibt es jeweils passende Rezepte, wie man sich gibt. Und die Kinder variieren sie virtuos.
Ein Junge mit drei kleineren Geschwister, das jüngste nicht einmal ein Jahr alt ist, kann ein Veteran im Aufmerksamkeits-Erstreiten und Großer-Bruder-Cool sein. Er weiß seine gesitteteren, womöglich imageschädigenden Talente zu verbergen. Aber er hat sie. Wenn das Kind sich höflich bei einer fremden, nicht so vertrauten Person bedankt oder zuvorkommend ist, kann das die Eltern schon wundern. Denn so kennt man das nicht von dem Knaben, daheim.

Kinder entwickeln andere Verhaltensformen je nach Situation

Das ist normal, erklärt Dr. Axel Schmidt, Sozialwissenschaftler an der Universität Basel. „In jeder Schulklasse können Sie das beobachten und sogar schon im Kindergarten. Die Kindergärtnerin macht zwar ähnliche Sachen wie die Mutter, ist aber rollengebunden: Die Situation ist eine andere. Und dann entwickeln sich andere Verhaltensformen: Man kann von der Kindergärtnerin wie von der Mutter emotionalen Zuspruch einfordern, und das Kind spürt auch, dass das in der Gruppe nicht angemessen ist, da andere Kinder dabei sind.“ Wieder anders funktioniert das soziale Rollenspiel, wo Kinder und Jugendliche unter sich sind - zunächst einmal herrscht Augenhöhe. Und dadurch bildet sich eine eigene Sprache, entwickeln sich neue Rituale, und alles funktioniert ziemlich anders als in den Lebensbereichen, in die Erwachsene hineingehören. Da gibt es Wettbewerb, nicht nur in Sport und Spiel - und oft auch große Überraschungen. Kinder, die daheim zu den Stilleren gehören und ihre Träume pflegen, werden unvermittelt zu Stars. Keiner wirft den Ball so sicher, niemand spricht so vernünftig mit dem Lehrer, keiner trifft den Ton genauer. Und das oft zur eigenen Überraschung. In Gruppen wachsen besondere Talente, und nicht selten ist sie sogar die einzige Umwelt, um sie zu entdecken: Kein echter Hip-Hop-Star hat mit Mama rappen geübt. Vielleicht Flöte, und hier und da mal ein Gedicht. Aber zugeben würde er das nie. Was er kann, gehört nach draußen.

Neu eingewöhnen ist für Kinder eine Herausforderung

Neu eingewöhnen ist für Kinder eine Herausforderung

Neben dem Anderswo-ganz-anders-Verhalten des Alltags, das notwendig und angemessen ist, gibt es eben auch das Anders-Verhalten des Übergangs. Jede Eingewöhnung in neue Verhältnisse ist eine echte Leistung, die von Kindern Anstrengung und soziale Intelligenz erfordert und uns abverlangt, ihnen den Rücken zu stärken. Selbst wenn es anfangs schwierig ist: Andere Menschen, andere Sitten, andere Gruppen kennenzulernen, ist wertvoll. Und Antennen dafür zu entwickeln, wie andere ticken und wie man sich ihnen am besten nähert, das zahlt sich ein Leben lang aus. Wo das Ganze ohne Zwang abgeht, da zeigt sich: Die Kinder finden fremde Welten spannend. Im feinen Lokal zu speisen, das ist ja eine Schauspielleistung - heute spielen wir höfische Tafel, und die jungen Prinzessinnen und Prinzen dürfen nasal französeln und die Vorzüge von Vorlegegabeln erkunden. Das klappt… Na ja, meistens. Helga Kotthoff, Professorin für Sprachwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, betont besonders die Entdeckerfähigkeiten von Kindern - quasi mit einer Suchautomatik ausgestattet, erspüren sie nach und nach immer genauer die feinsten Nuancen im sozialen Umgang, die Abstufungen von Macht und Nähe, erspüren, wo Freundschaft lockt und wo Abstand geboten ist. Als Eltern haben wir das praktisch von der Wiege an bei ihnen erleben können.

Sprache und Emotionen sind eng verknüpft

Das Sprechenlernen funktioniert nur als sozialer Prozess, weiß man inzwischen - deshalb sind dabei alle Instinkte für den sozialen Kontext und wie man sich in ihm bewegt immer mit eingeschaltet. Schon die Kleinsten lesen emotionale Schwingungen aus dem sozialen Kontakt heraus. Ich war beispielsweise zu Besuch bei einer Freundin von der Uni, und wir haben uns über einen Ex-Kommilitonen geärgert und uns in diesen Ärger richtig hineingesteigert. Bis uns auffiel, dass ihr fünf Monate alter Sohn auch völlig aufgeregt war - seine Reaktion auf den erregten Ton unseres Gesprächs. Nur wenig ältere Kinder erfassen und sortieren dann allerdings auch schon Wortlaut und Bedeutung dessen, was sie hören. Und bald darauf fangen Kinder bereits
an, miteinander eine eigene Sprache zu entwickeln. Das wiederum ist dann etwas, was uns Erwachsene so manches Mal vor Rätsel stellt. Etwa so: Der Junge kann doch Grammatik! Wieso ist die plötzlich weg, wenn er mit seinen Freunden spricht? Nur noch Gestammel und Reduziersprech!? Da müsste man doch eingreifen und den Jungs sagen, dass sie bitte Nebensätze benutzen, Höflichkeitsformen einhalten und „als“ und „wie“ unterscheiden sollen! Oder? Nein, das sollten wir nicht tun, sagt Helga Kotthoff - zum einen nämlich wäre es eine unnötige Einmischung, zum anderen genauso vergeblich, wie Jägern zu erzählen, wie merkwürdig es sei, einen Hasenschwanz „Blume“ zu nennen.

In einer „Peer Group" gelten eigene Regeln

In einer „Peer Group“ gelten eigene Regeln

Je größer die Kinder werden, desto deutlicher bemerken wir Erwachsenen den Unterschied dieser eigenen Welten zu unserer - es gelten eigene Gesetze in solch einem Rudel von Jungspunden, der „peer group“. Sie ist der Schwerpunkt von Axel Schmidts Forschungen. Zwölf Jahre hat er in einem Jugendhaus gearbeitet, Gruppen und Cliquen wurden Thema seiner Doktorarbeit. „Natürlich bemerkt jeder Außenstehende: Dort geht es ja ganz anders zu - vielleicht ist das gefährlich?
Doch Kinder müssen selber lernen, sich in solch einer Gruppe zu behaupten. In der Regel können Eltern nicht sagen: „Da gehst du nicht mehr hin“ - man kann darüber reden, was da draußen passiert, stark machen, Situationen durchspielen. Was man aber mit so einer Gruppe zum Beispiel nicht machen kann, ist, selbst hineingehen und sagen: „He, da ist ein Außenseiter! Ändert das mal.“ Schon ist er noch mehr der Außenseiter!

Eltern kennen Verhalten der Kinder am Besten

Unsere Kinder haben viele Gesichter. Und niemand kennt mehr davon als wir und kann sie besser einschätzen. Das hilft auch, wenn sich mal Missverständnisse ergeben. Vor allem dann, wenn sie sich rasch ganz in Lustigkeit auflösen lassen. So hatte zum Beispiel die dreijährige Lucy beschlossen, dass es wohl am besten wäre, in ihrer neuen Musikschule in totale Versunkenheit zu verfallen, einen Punkt in der Luft zu betrachten und zu lauschen. Das kannte man so nicht - niemand. Überall sonst galt: Lucy sabbelt wie ein Wasserfall und tut nichts, ohne es zu kommentieren - in der Musikschule jedoch: totale Innerlichkeit.
Ihre Mutter Ute wunderte sich, das Personal fragte sich sorgenvoll: Ist die Kleine schwerhörig? Unbemerkt taubstumm? Leidet sie unter Mutismus? Autismus? Erzieherin Elif, und nur sie, hatte eine andere Theorie: alles nur ein Experiment, ein Spiel, die Suche nach der sicheren Brücke in die neue Welt. Also hat Elif alle anderen beiseitegeschickt, sich Lucy gegriffen, sie in eine Ecke mitgenommen, angezwinkert und ihr zugeflüstert: „Zieh dir mal die Schuhe an.“ Knack. Eis gebrochen. Lucy nahm die Schuhe und hob an zu einem ausschweifenden Vortrag. Sie hatte ja genug gespeichert, was es nun zu erzählen galt….

Kinder müssen Flexibilität lernen

Kinder müssen Flexibilität lernen

Denn was wir lernen müssen fürs Leben, das ist in erster Linie Anpassungsvermögen, Flexibilität - „Kontextsensitivität“, wie Experten sagen. „Wer das hat, der kann einen Vortrag in geschliffener Sprache halten - aber genausogut herumblödeln und sich unglaublich reduziert ausdrücken, zum Beispiel mit dem allerbesten Freund“, sagt Kotthoff. Es spricht also nichts dagegen, dass wir zu Hause nett zueinander sind und höflich. Und wir dürfen auch sehr genau erklären, wie man sich bei Tante Frieda benehmen sollte oder in der Kirche. Und es ist natürlich richtig, dass verschiedene Welten da draußen auch verschiedene Rollen und Regeln verlangen - von uns wie von unseren Kindern. Wenn der Lehrer also einmal genervt reagiert, weil er alle fünf Sekunden unterbrochen wird, dann heißt das nicht, dass ab morgen unser großes, traditionsreiches Abendessen-Palaver für immer abgeschafft wird. Sondern nur, dass unser geliebtes Durcheinanderschwätzen eben genau nach Hause gehört und nicht in die Klasse. Machen wir etwas Besonderes daraus: Wir haben das große Privileg, vier Leute gleichzeitig verstehen zu können, wir kennen uns ja so gut. Mit 28 Kindern kann das keiner schaffen. Das vermag jeder zu verstehen, auch ein Erstklässler.

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