Ja, ich betreue mein Kind selbst?!

Und plötzlich bin ich die Rabenmutter, weil ich mein Kind selbst zu Hause betreue. Eine Schande für unser heutiges Familienbild. #insidemom

Verkehrte Welt? Mein Kind geht nicht in die Kita

Ich bin Mutter einer fast dreijährigen Tochter und betreue mein Kind selbst zu Hause. Das ist in unserer heutigen Leistungs- und Konsumgesellschaft wohl eine Tatsache, die man immer weniger zu hören bekommt. Dass die Reaktion der Leute auf meine Herzensangelegenheit allerdings auf Unverständnis stößt und ich dazu geleitet werde, mich rechtfertigen zu müssen, ist eine Schande für unser heutiges Familienbild! Immer wieder werde ich bei morgendlichen Einkäufen mit meiner Tochter unverschämt gefragt, warum denn mein Kind nicht in der Kita sei. Ob es die Kassiererin im Supermarkt ist, die sich mit mitleidigem Blick erkundigt, ob wir keinen Kitaplatz bekommen hätten oder die Fleischereifachverkäuferin, die nachhakt, ob mein Kind krank sei und deswegen mit zum Einkauf kommt. Ganz zu schweigen von den Müttern, die man bei mancher Freizeitaktivität am späten Nachmittag mit ihren Kindern trifft und fassungslos nach dem Grund fragen, warum ich mir um Gottes Willen den Stress antue, mich selbst um mein Kind zu kümmern. Immer wieder muss ich lang und breit erklären, wieso mein Mann und ich uns durchaus bewusst für die Betreuung Zuhause, bis zum grundsätzlich regulären Kindergarteneintritt mit drei Jahren, entschieden haben.
Das Bild der Mutter hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Früher nannte man Mütter, die ihr Kind unter drei in die Kita gegeben haben Rabenmütter. Heute bezeichnet man sie als emanzipierte, moderne Mütter. Das ist meiner Meinung nach zwar eine eher bedauerliche Entwicklung, da die Mütter heute in erster Linie nur noch als Bestandteil eines wachsenden Bruttosozialproduktes gesehen werden.
Da man nicht allerdings nicht wissen kann, welche Gründe im Einzelnen die heutigen Mütter zum frühen Wiedereintritt ins Arbeitsleben bewegen, würde ich mir ein pauschales Urteil niemals erlauben. Eine alleinerziehende Mutter, die ihre Arbeit aus finanziellen Gründen schnell wieder aufnimmt, ist nicht mit einer Mutter zu vergleichen, die ihr Kind 45 Stunden in die Kita gibt, aber nur drei Stunden an drei Tagen arbeitet und den Rest der Zeit in Beautysalons verbringt.
Grundsätzlich hat jede Mutter ihre ganz persönlichen Gründe, wie sie die Betreuung des eigenen Kindes gestaltet. Natürlich gibt es Gründe, die man mehr und andere, die man weniger nachvollziehen kann. Die oft gehörte Begründung von Müttern, die ihre Kinder unter drei Jahren von acht bis 16 Uhr in die Kita geben, weil ihr Kind das Zusammenspiel mit anderen Kindern benötige, ist meines Erachtens allerdings eine Farce. Nicht umsonst belegen unzählige Studien, dass ein sogenanntes „Zusammenspiel“ bei unter Dreijährigen allein aus entwicklungstechnischen Gründen nicht möglich ist. Es handelt sich eher um ein Parallelspiel, was in meinen Augen keine Begründung einer 45 Stunden Betreuung ist.

Ja, es gibt sie noch: Mütter alter Schule

Natürlich ist es wichtig, dass Kinder auch unter drei Jahren mit Gleichaltrigen zusammen kommen, da es die Bildung eines Sozialverhaltens fördert. Dies muss aber nicht binnen einer Vollzeit-Kitabetreuung erfolgen, sondern reicht vollkommen stundenweise während vereinzelter Treffen mit anderen Kindern in der Woche aus. Das, was Kinder in den ersten drei Lebensjahren brauchen, sind vor allem die Eltern, fort an die Mutter. Nur durch Sie kann sich das Urvertrauen des Kindes bilden, was Grundbaustein seines ganzen Lebens sein wird. Daher sollte gerade eine Entscheidung zum Wohle des Nachwuchses, nämlich die Betreuung des Kindes durch die Mutter Zuhause, nicht auf Fassungslosigkeit und fragende Blicke stoßen. Im Gegenteil. Kann es einem Kind besser gehen als bei seiner Mutter?

Leider hat sich unser heutiges Gesellschaftsdenken scheinbar so zum Nachteil entwickelt, dass die wenigen Mütter, die ihre Kinder voller Herzblut und Liebe Zuhause betreuen, für genau diese Entscheidung zur Rechenschaft gezogen werden. Wie kann das sein? Muss ich es mir bieten lassen, mich dafür zu erklären, dass ich mit meinem Kind gerne selbst die Kindergeschichten vorlesen möchte? Ist es so abstrus, dass ich die ersten, sogenannten wichtigsten Jahre im Leben eines Kindes gerne mit meiner Tochter gemeinsam erleben möchte? Nein! So absurd es sich für die heutige Müttergesellschaft wahrscheinlich anhören mag: Ja, es gibt sie noch, die Mütter, die sich gerne von morgens bis abends mit ihren Kindern beschäftigen, sich den Brei in die Haare schmieren lassen, achtundzwanzig Mal darum bitten, Erbsensuppe nicht in die Tasse mit Früchtetee zu schütten, vierzig Minuten lang ausdiskutieren, warum man nicht im Sommerkleid und Socken in den Schnee gehen darf und sich der Erziehung aus dem vollen Herzen heraus ausschließlich selbst widmen möchten. Ich bin eine von Ihnen!
Ich bin stolz eine Mutter alter Schule zu sein,
meiner Tochter das Sprechen selbst bei zu bringen, mit ihr zu toben und die Welt zu entdecken. Wenn wir gemeinsam backen und der Teig, den sie mit ihren Patschefingern einmal durch die Küche wirft, von der Decke tropft, schauen wir uns an und lachen zusammen. Wenn wir auf dem Spielplatz im Sandkasten Sandburgen bauen, langweile ich mich nicht, sondern bewundere ihre Fantasie, wenn sie mir ihren Kastanienblattkuchen mit frischen Baumästen zum Probieren anbietet. Am allerschönsten ist es, wenn wir abends im Bett liegen und im Gespräch unseren erlebten Tag Revue passieren lassen. Dabei glänzen ihre Augen voller Euphorie des neu Erlebten und ich bin überglücklich, dass ich sie begleiten darf, während sie die Welt für sich entdeckt. Daher kann ich mit Stolz sagen: Ja, ich betreue mein Kind selbst!

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insidemom: Melanie G


Hier schreibt: Melanie G.

Melanie ist 26 Jahre alt, Mutter einer fast dreijährigen Tochter und kommt aus Münster. In der Hoffnung, dass moderne Muttermodell kritischer zu durchleuchten, hat sie sich an #insidemom beteiligt. Ihr Bestreben ist es, zum Nachdenken über das heutige Gesellschaftsbild der - oft berufstätigen - Mutter anzuregen, was für die Kinder meist "Endstation Vollzeit-Kita" bedeutet.

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