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Stop Period Shaming: Wir müssen endlich ohne Scham über die Periode sprechen!

Stop Period Shaming: Wir müssen endlich ohne Scham über die Periode sprechen!

Tag der Menstruation

"Ich kann heute nicht arbeiten, weil ich meine Periode habe." Kostet es euch auch Überwindung, diesen Satz eurem Arbeitgeber genau so mitzuteilen, selbst wenn er eine Frau ist? Häufig sagen wir einfach "Ich habe starke Kopfschmerzen", um das Gegenüber nicht peinlich zu berühren. Dabei wäre es an der Zeit, dass wir alle viel offener die Dinge beim Namen nennen, um Period Shaming endlich zu beenden.

Das fordert auch Britta Wiebe, die Gründerin von Vulvani, mit der wir zum heutigen Tag der Menstruation darüber gesprochen haben, was wir alle dafür tun können, das Tabuthema Periode zu durchbrechen.

Mit „Pinky Gloves“ erhielt ein Startup jüngst bei der Investmentshow „Die Höhle der Löwen“ eine Förderung für ein eigentlich vollkommen sinnloses Periodenprodukt. Das zeigt, wie stark auch im Bereich der Vermarktung immer noch mit Period Shaming gearbeitet wird. Wie war deine Reaktion darauf und was sollten Unternehmer*innen daraus gelernt haben?

Ich war wie viele sicherlich sehr überrascht, dass das Thema überhaupt bei DHDL als Innovation gelandet ist und sogar eine Investition bekommen hat. Denn gerade bei diesem Produkt wurde mal wieder mit der Scham gespielt, um etwas zu vermarkten und zu verkaufen. Nur wenn mir als menstruierender Person vermittelt wird, dass das eklig ist, brauch ich auch einen Plastikhandschuh in Pink, der mir dabei hilft, mein eigenes Blut anzufassen.

Prinzipiell finde ich wirkliche Innovation gut und es ist super, wenn neue Periodenprodukte auf den Markt gebracht werden. Hier müsste aber eng mit der Zielgruppe zusammen gearbeitet und geschaut werden, was die Bedürfnisse von Menstruierenden sind und wie diese „Probleme“ gelöst werden könnten. Es ist aus meiner Sicht nicht richtig, Angst und Vorurteile gegenüber der Periode zu reproduzieren.

Begegnen dir als Gründerin einer Aufklärungsplattform über die Menstruation auch Ablehnung bzw. alte Vorurteile und „Berührungsängste“ seitens Kooperationspartner*innen oder Medienvertreter*innen?

In Startup-Kreisen aus dem Menstruationsbereich natürlich nicht, da freuen sich alle über neue Möglichkeiten, das Thema durch Kooperationen bekannter zu machen. Doch was die Medien angeht, sieht es anders aus: Da haben wir auch Feedback bekommen, dass das, was wir machen, zu provokant sei oder in bestimmte lokale Zeitungen nicht hineinpassen würde, weil es nicht für die breite Masse geeignet wäre. Häufig begegnen uns diese bekannten Vorurteile hier eher leider von älteren weißen Männern.

Auch im Austausch mit Schulen wurde uns gesagt, dass unsere Bilder und die Art aufzuklären zu provokant sei. Es ging da z. B. um unser Vulva-Malbuch, das der Schulleitung mit seinen Abbildungen zu provokant war. Dabei handelt es sich hier nicht um explizite Fotografien, sondern von mir gezeichnete Abbildungen verschiedener Vulven. Das ist sehr schade, denn wir finden, dass gerade so ein Malbuch eine recht niedrigschwellige Art und Weise wäre, sich dem Thema zu nähern.

Von der jüngeren Zielgruppe selbst, für die diese Materialien gedacht sind, bekommen wir viele positive Rückmeldungen. Doch im Bereich des Schulwesens ist es sehr schwer, da etwas zu verändern bzw. dem Thema Periode wird überhaupt keine Gewichtung beigemessen.

Wir leben 2021 in einer scheinbar recht aufgeklärten Zeit (Sexpodcasts, Online-Infos, Bücher, Workshops usw). Warum ist Period Shaming, wie man am Beispiel Pinky Gloves eindrucksvoll gesehen hat, dennoch so sehr präsent, obwohl inzwischen so viel Aufklärungsarbeit in verschiedenen Medien geleistet wird?

Die Menschen, die sich mit dem Thema Periode auseinandersetzen wollen, können Unmengen Informationen bekommen und nutzen sicherlich auch die verschiedenen Möglichkeiten, sich aufzuklären. Aber dadurch, dass das Thema Menstruation an sich noch dieses tief verwurzelte gesellschaftliche Tabu und die Schambehaftung hat und von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist es so schwierig, da gesellschaftlich etwas zu verändern. Obwohl es schon so viel Information gibt, wird dennoch immer nur ein kleiner Teil der Menschen erreicht.

Meiner Meinung nach sollten die Menschen auch auf vielen unterschiedlichen Ebenen erreicht werden. Der eine hört lieber einen Podcast, die andere liest lieber einen Ratgeber. Ich glaube, da ist aktuell viel in Bewegung. Aber um da eine große gesellschaftliche Veränderung zu sehen, braucht es einfach noch ein paar Jahre, weil wir diese neue Offenheit und die Enttabuisierung ja auch an die nächste Generation weitergeben.

Wir müssen das erst für uns selber erkennen und aufarbeiten, aber nicht jede*r ist da auch bereit dazu oder findet das für sich passende Medium. Da müssen wir meiner Meinung nach sehr hartnäckig und ausdauernd sein, wenn wir in diesem Bereich Aufklärungsarbeit betreiben. Erst dann kann sich in der ganzen Gesellschaft etwas verändern.

Warum wird auch in Frauenkreisen oder z. B. auf der Arbeit unter Kolleginnen noch wenig offen über die Periode gesprochen und wie könnte man das ändern? Denn für mich selbst als menstruierender Mensch ist Periode im Normalfall ja eigentlich weder eklig noch schambehaftet.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Es wird oft nicht darüber gesprochen, weil wir entweder nicht wissen, wie wir es am besten ansprechen können oder nicht wissen, wie das Gegenüber reagieren wird. Es fehlt einfach generell an offenen Austauschmöglichkeiten. Ich habe seit meiner Arbeit mit Vulvani das Gefühl, dass viele Menschen den Austausch suchen, sobald sie merken, dass ich den Raum für das Thema öffne. Viele Menschen haben einen sehr großen Redebedarf über die Periode und möchten ihre Fragen stellen, aber eine Person muss den ersten Schritt machen. Das ist leider auf der Arbeit oft nicht so einfach.

Wir alle können unseren Beitrag leisten, um die Menstruation zu normalisieren. Ein guter Anfang ist hier zum Beispiel: Menstruation in unserem eigenen Sprachgebrauch zu normalisieren: Wenn ich ins Büro gehe und erzähle, dass ich Kopfschmerzen habe und deswegen an dem Tag weniger leistungsfähig bin, ist das bisher mit weniger Scham behaftet, als wenn ich sagen würde „Ich habe meine Periode“.

Dabei ist es wichtig, dass wir endlich an den Punkt kommen, wo das ganz normal mit zu den Alltagsthemen gehört, dass wir eben auch unsere Menstruation haben. Ich finde es schön, wenn wir das einfach mit in Gespräche nebenbei einfließen lassen könnten, sodass es kein Riesending ist, sondern einfach dazugehört.

Meine Mutter hat mich Anfang der 90er nicht wirklich intensiv aufgeklärt über die Periode und es gab noch kein Internet, wo ich mir selbst Infos holen konnte. Jetzt haben Teenager deutlich mehr Möglichkeiten, sich zu informieren und aufzuklären. Wie sollten Eltern zukünftig mit ihren Kindern über die erste Periode sprechen, damit Period Shaming immer weniger ein Thema ist?

Wir haben im Online-Magazin bei Vulvani auch viele Tipps rund um die erste Periode. Die Artikel richten sich zum Beispiel an Personen, die selbst bald ihre erste Periode bekommen, aber auch an Eltern. Wir planen aktuell auch einen Online-Kurs zum Thema. Den können Kinder allein machen, aber auch gemeinsam mit den Eltern. So ein Online-Kurs ist ein sicherer Raum, der die Scham vor dem Thema nehmen kann und wir zeigen Aktivitäten, die Eltern gemeinsam mit dem Kind machen können.

Das Wichtigste, was Eltern machen können, ist offen über die Periode zu reden und z. B. Kinder das Menstruationsblut auch mal sehen lassen. Ich fände es schön, auch Kindern zu erklären, warum wir einmal im Monat bluten oder warum wir manchmal eine Wärmflasche brauchen. Das schafft eine Normalität und ist für Kinder nichts mehr Fremdes oder Ekliges. Außerdem braucht es dann vielleicht auch gar nicht mehr dieses erste große „schreckliche Gespräch“ über die erste Periode, was oft alle Beteiligten peinlich finden, sondern es wird einfach immer mal wieder darüber gesprochen und Kinder sind besser auf das Thema Menstruation vorbereitet.

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Sollten wir nicht endlich auch in der Sprache über die Periode etwas verändern, genau wie das ja auch beim Sprechen über die Vulva und die weiblichen Geschlechtsorgane passieren sollte bzw. gerade passiert? Inwiefern kann hier auch Sprache die Wirklichkeit positiv beeinflussen oder verändern?

Ich finde, wir sollten das Kind einfach beim Namen nennen: Blutung, Menstruation oder Periode. Sprache ist sehr mächtig. Wenn wir von klein auf nur Verniedlichungen der Periode hören, ist das auch wieder eine Form des Versteckens und Unsichtbarmachens der Blutung. Anscheinend ist das Wort „Menstruation“ für manche so schlimm, dass sie es nicht sagen kann?

Stattdessen werden Begriffe wie „Erdbeerwoche“ gesagt, aber das hat leider nichts mehr mit der Realität zu tun. Ich finde, wenn wir das als Scherz sagen, ist das okay. Aber es ist wichtig, dass wir selbst aufpassen, wie wir darüber sprechen und nicht ungewollt Teil dieser Scham und weiteren Tabuisierung sind.

Wie versucht ihr mit Vulvani Period Shaming in der Arbeitswelt zu enttabuisieren? Es wäre ja wünschenswert, dass es hier auch einen offeneren Umgang gäbe und Menstruierende sich nicht schämen müssen, dass sie aufgrund von Periodenschmerzen oder PMS weniger gut arbeiten können.

Wir möchten in Zukunft auch gerne Online-Kurse entwickeln, die Unternehmen machen können. Einmal für die HR-Abteilung: Wie muss ich ein Unternehmen aufbauen, damit es periodenfreundlich und gendergerechter ist? Die andere Ebene ist, wie kann jede einzelne Person im Unternehmen durch mehr Wissen über den Zyklus und den weiblichen Körper zu mehr Wohlbefinden im Alltag und mehr Produktivität im Arbeitskontext kommen.

Mein Wunsch wäre, dass wann immer möglich wir zyklusorientiert arbeiten und selbstbestimmt schauen können, wann wir am produktivsten sind. Das geht mit viel Aufklärung über den Menstruationszyklus einher und dass wir das in die Arbeitsatmosphäre einfließen lassen. Das ist aber für viele auch ein sensibles Thema und muss vorsichtig eingeführt werden, damit kein Ungleichgewicht unter menstruierenden und nicht-menstruierenden Arbeitnehmern entsteht.

Uns ist es bei Vulvani zum Beispiel auch wichtig, dass wir zyklusorientiert arbeiten und sich Praktikant*innen z. B. während der Periode frei nehmen können, wenn sie das wollen. Ich hoffe, dass wenn wir Maßnahmen, wie flexible Arbeitszeiten, Homeoffice etc. etablieren, es auf lange Sicht vielleicht nicht mehr explizit freie Arbeitstage während der Menstruation braucht. Denn wenn wir selbstbestimmt arbeiten und auf unseren Körper hören und Pausen einlegen, wenn nötig, können wir uns oft schneller wieder erholen (aka weniger Regelschmerzen).

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Britta Wiebe, Mit-Gründerin von Vulvani

Britta Wiebe ist Gründerin und Geschäftsführerin von Vulvani. Sie hat 2019 die digitale Plattform rund um Menstruation, Zyklusgesundheit und Sexualität gegründet, um über den weiblichen Körper aufzuklären. Mit Vulvani möchte sie diese Tabuthemen durch unterhaltsame und informative Inhalte durchbrechen und die verschiedensten Stimmen sichtbar werden lassen: "Jede Person sollte die Chance bekommen, mehr über den eigenen Körper zu erfahren".

Lieben Dank, Britta, für das offene und spannende Gespräch über die Periode. Hoffen wir, dass sich diesbezüglich irgendwann etwas ändert und es kein großes Ding mehr ist, darüber zu reden, wenn man seine Blutung hat.

Weniger Periodenscham wäre schön

Beim Gespräch mit Britta ist auch mir aufgefallen, dass ich selbst oft Ausreden suche, statt offen zu sagen, dass ich meine Periode habe. Dabei dachte ich, dass ich da eigentlich schon recht offen bin, weil ich viel über das Thema schreibe. Aber Britta hat mir dann noch nochmal gezeigt, dass es im Alltag eben noch lange nicht soweit ist. Drüber schreiben fällt irgendwie auch noch leichter als Face to Face drüber zu reden. Denn selbst mit Freundinnen oder Kolleginnen rede ich selten offen darüber. Da hat mir unser gemeinsamer Periodenunterwäschetest die Augen geöffnet ;)

Mit meiner Tochter geh ich da jetzt viel offener um, als meine Mutter mit mir darüber geredet hat. Daher hoffe ich, dass es für sie einfach ganz normal ist, dass Mama einmal im Monat blutet und das Thema einfach nicht so plötzlich auf sie zukommt, wie damals noch bei mir. Hoffentlich ist Period Shaming in 10 Jahren einfach etwas weniger präsent. Lasst uns alle gemeinsam etwas dafür tun, und unverkrampfter drüber sprechen!

Bildquelle: Foto von Vulvani.com

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