Zytomegalie in der Schwangerschaft: Warum hören wir nie davon?

Virus unter der Lupe

Zytomegalie in der Schwangerschaft: Warum hören wir nie davon?

Zytomegalie, auch CMV genannt, ist normalerweise ein harmloser Virus: Etwa jeder Zweite trägt ihn symptomlos in sich. In der Schwangerschaft kann Zytomegalie aber schwerwiegende Folgen haben.

Zuerst die gute Nachricht: Zytomegalie in der Schwangerschaft ist sehr selten. Laut einer Übersicht des deutschen Ärzteblattes tritt sie in 0,5 bis 4 % der Schwangerschaften auf, in 30 bis 60 % der Fälle wird sie aufs Baby übertragen. Dennoch ist eine CMV-Infektion bei Weitem der häufigste Grund für körperliche und geistige Behinderungen bei Neugeborenen und kann gerade im ersten und zweiten Trimester schwere Folgen für Babys haben.

Im Vergleich: Downsyndrom und Spina bifida treten in Deutschland bei rund 0,1 % der Neugeborenen auf, eine Zytomegalie-Infektion betrifft 0,2 % bis 0,5 %, ist also doppelt bis fünfmal so häufig! Wie kommt es also, dass wir schwangeren Mamas mit Broschüren zu Nackenfaltenmessung, Feindiagnostik und Co. bombardiert werden, aber viele von uns von Zytomegalie noch nie gehört haben? Gerade, wenn es in der Frühschwangerschaft so wichtig ist, dass wir uns schützen.

Was ist Zytomegalie?

Der Zytomegalievirus ist normalerweise ein harmloser Erreger der Herpesfamilie, der bei gesunden Kindern und Erwachsenen keine Symptome verursacht. Über 50 % der Bevölkerung ist CMV-positiv und hat bereits eine Infektion durchlaufen, die meisten von uns stecken sich hier schon im Kleinkindalter zwischen zwei und vier Jahren an. Wie beim Herpesvirus auch tragen wir Zytomegalie ein Leben lang in uns, Symptome zeigen sich, wenn überhaupt, nur bei einer Erst- und Neuinfektion. Das aber genau das ist das Problem: Viele von uns kennen den Virus nicht, denn er wird kaum thematisiert.

Wie kann ich mich mit Zytomegalie infizieren?

Zytomegalie wird per Schmierinfektion, also über Körperflüssigkeiten und meist von Kleinkindern übertragen, denn mit ihren Körperflüssigkeiten kommen wir als Eltern und Betreuer besonders häufig in Kontakt. Dabei müssen unsere Kids nicht unbedingt Krankheitssymptome zeigen und können über mehrere Wochen ansteckend sein. Theoretisch ist eine Infektion auch über das Berühren von infizierten Gegenständen wie Türklinken in öffentlichen Einrichtungen etc. möglich.

Wie kann man Zytomegalie in der Schwangerschaft vorbeugen?

Wichtig ist gute Hygiene und das Vermeiden von Kontakt mit Körperflüssigkeiten. Schwangere Mamas mit Kindern wissen: Das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit! Trotzdem gibt es Wege, wie du die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung einschränken kannst.

Generell wird geraten, in der Schwangerschaft engen Kontakt mit Kleinkindern zu meiden. Für Erzieherinnen, Krankenschwestern, Kinderärzte und Co. bedeutet das laut offiziellen Empfehlungen ab Beginn der Schwangerschaft ein Beschäftigungsverbot oder eine Versetzung zur Büroarbeit, wenn sie CMV-negativ getestet wurden und mit Kindern bis drei Jahren arbeiten oder auch älteren Kindern häufig beim Toilettengang helfen, z. B. in Pflegeeinrichtungen. Für den Umgang mit den eigenen Kindern wird eine gute Hygiene empfohlen:

  • Gründliches Händewaschen nach dem Wickeln oder Helfen beim Toilettengang
  • Besteck, Geschirr, Essen und Getränke des Kindes nicht teilen
  • Schnuller nicht ablecken
  • Kind nicht auf Mund, Wangen oder Nase küssen
  • Kontakt mit Speichel vermeiden
  • Nicht ins Gesicht anhusten, anniesen oder bespucken lassen

Wenn die Liste auch bei euch abwechselnd Panik, Lachanfälle und genervtes Augenrollen auslöst: Ihr seid nicht allein. Denn im Alltag mit Kids sind diese Maßnahmen trotz bester Absichten wohl schwer realisierbar. Dennoch ist es eine gute Idee, vermehrt auf gute Hygiene, also häufiges Händewaschen, Vermeidung von Kontaminierung und häufige Reinigung gemeinsam genutzter Gegenstände zu achten. Auf keinen Fall soll das bedeuten, dass eure Kleinen auf eure Liebe oder Zuneigung verzichten müssen! Auch Nichten, Neffen und Kinder eurer Freude müsst ihr deswegen nicht meiden: Mit guter Hygiene lässt sich das Infektionsrisiko um bis zu 85 % senken.

Welche Symptome gibt es bei Zytomegalie?

Eine CMV-Infektion verläuft oft symptomlos, manchmal können auch grippeähnliche Symptome wie Fieber und Gliederschmerzen auftreten. In der Schwangerschaft wird euer Blut deshalb als Teil der Vorsorge auf eine Zytomegalie-Infektion untersucht. Auch wenn ihr Kleinkinder habt, die nach einem Verdacht auf CMV positiv bei einer Blutuntersuchung testeten, ist es wichtig, es eurem Arzt zu melden, sodass er einen Zytomegalie-Test bei euch durchführen kann.

Was bedeutet eine Zytomegalie-Infektion für mein Baby?

Auch wenn es schwerfällt, nicht in Panik zu geraten: Eine CMV-Infektion muss keine Folgen für das Ungeborene haben. Statistisch gesehen ist sie aber bei Weitem der häufigste Auslöser für körperliche und geistige Behinderungen bei Neugeborenen. Dabei ist es besonders kritisch, wenn die Infektion im ersten oder zweiten Trimester auftritt, weil sie hier in die Entwicklung von Organen und Gehirn eingreifen kann. Die häufigsten Folgen sind Hörstörungen, die bei bis zu 15 % der infizierten Babys auftreten. Selten kann es aber auch zu Lähmung, geistiger Beeinträchtigung, Sehstörungen oder Epilepsie kommen.

Wie kann man Zytomegalie in der Schwangerschaft behandeln?

Bei einem positiven Zytomegalie-Test wird dein Arzt dich und die Versorgung deines Babys sehr eng überwachen. Laut dem Berufsverband der Frauenärzte wird Zytomegalie in Deutschland auch in der Schwangerschaft meist nicht mit Medikamenten behandelt. Antivirale Medikamente sind zwar verfügbar, aber in der Schwangerschaft noch nicht ausreichend untersucht. Die Behandlung wird auch bei Neugeborenen nur bei starken Symptomen durchgeführt. Nach umfassender Beratung könnt ihr euch aber in beiden Situationen für eine Behandlung mit Medikamenten entscheiden.

Quellen:
Zytomegalievirus-Primärinfektion in der Schwangerschaft
Frauenärzte im Netz
Move Over Zika, We Need To Talk About CMV

Jennifer Kober
Das sagtJennifer Kober:

Mein Fazit

Ich bin niemand, der schnell in Panik verfällt, allerdings hat mich ein US-Blogeintrag ziemlich verunsichert: Eine Mama beschrieb den langen Weg aus ihrer Zytomegalie-Infektion in ihrer zweiten Schwangerschaft. Vielen von uns ist gar nicht klar, dass wir besonders, wenn wir schon ein oder mehr Kids haben, in der Schwangerschaft zusätzlichen Risiken ausgesetzt sind. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mit manchen Viren (Ringelröteln, CMV) anstecken, ist um ein Vielfaches erhöht (um genauer zu sein, um die gesamte Kita-Population und Spielkameraden unserer Kleinen).

Natürlich kann man sich da Erstens sich nicht verrückt machen lassen: 99 % aller Kinder kommen gesund zur Welt. Zweitens kann man, neben normaler Hygiene und Ausschau nach Kita-Aushängen sowieso nichts dagegen tun, denn der Familienalltag geht weiter.

Aber dass ich mein ungeborenes Baby gefährden kann, weil ich mein gesundes Kind auf die Wange oder seine Tränen weg küsse, das hat mir bisher auch in der zweiten Schwangerschaft keine Broschüre und kein Ratgeber verraten. Mein Frauenarzt informierte mich auf Nachfrage im vierten Monat nach meinem negativen Zytomegalie Test. Ich finde es wichtig, dass wir auch schon vor der Schwangerschaft alle Fakten haben, wenn gerade in der Frühschwangerschaft ein hohes Risiko der Infektion für jede Zweite von uns besteht.

Bildquelle: Getty Images/Liderina

Galerien

Lies auch

Teste dich