Wie schlimm ist es, sein Kind anzuschreien?

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Wie schlimm ist es, sein Kind anzuschreien?

Der letzte Schrei: Wie sich Schreien und verbale Angriffe auf dein Kind auswirken und wie du aus der Schrei-Falle herauskommst.

Unsere Kinder sind in vielen Dingen Weltklasse: Im Kuscheln, im Toben, im Lachen – und leider auch darin, uns Eltern zur Weißglut zu bringen. Ob absichtlich oder ohne Hintergedanken, die Kleinen machen uns Große manchmal ganz schön wütend. Und bevor wir es überhaupt registierten, reagieren wir so, wie wir es eigentlich nie wollten: Wir schreien unsere Kinder an!

Die Nerven gehen mit uns durch und wir wissen uns einfach nicht mehr anders zu helfen – den verbale oder physische Gewalt ist immer ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Es ist wichtig zu wissen, dass weder Anschreien, noch ein gelegentlicher Klaps gut für die gesunde psychische Entwicklung unserer Kinder ist. Deshalb noch einmal klipp und klar: Anschreien ist nicht ok! Kann aber mal passieren.

Schreien ist so schlimm wie Schlagen

Dein Kind wälzt sich schreiend auf dem Boden, weil es zum Abendessen Suppe gibt und du stehst, eh schon gestresst von der Arbeit, mit dem Kochlöffeln in der Hand in der Küche und wirst zum schreienden Hausdrachen. Stress und Wut sind mit dir durchgegangen – du bist schließlich auch nur ein Mensch! Aber du merkst selbst: Das war gerade zu laut. Dein Kind sieht dich erschrocken an und du weißt sofort, dass du einen Schritt zu weit gegangen bist.

Diese oder ähnliche Situation kennen viele Eltern. Und es kommt bei den meisten nicht nur einmal vor, dass sie aus Verzweiflung oder Hilflosigkeit laut werden und ihr Kind damit verletzen. US-Psychologen der University of Pittburgh haben in einer großen Studie untersucht, was es mit Kindern macht, wenn sie von ihren Eltern angeschrien werden. Die verherende Zusammenfassung: Schreien ist im Prinzip so schlimm wie Schlagen. Kinder, die von ihren Eltern regelmäßig angeschrien, beleidigt oder herabgesetzt werden, verhalten sich auffällig. Sie neigen häufiger zu Depressionen als andere Kinder und haben diverse Probleme in der Schule. "Es ist ein Teufelskreis", fasst Ming-Te Wang, der die Studie leitete, zusammen. "Und es ist ein Aufruf an die Eltern, weil es in beide Richtungen geht: Problemverhalten von Kindern erzeugt den Wunsch, harte verbale Disziplin zu üben, aber diese Disziplin kann Jugendliche dazu bringen, dieselben problematischen Verhaltensweisen zu übernehmen.

Auch eine Studie, die in der Fachzeitschrift “Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy” erschienen ist, bescheinigt, dass emotionaler Missbrauch, also Beschimpfungen, Schreie und Beleidigungen, ähnliche Schäden wie körperlicher Missbrauch hinterlassen kann.

Schreien verletzt Kinder in ihrem Innersten. Es verletzt sie in ihrem Selbstbewusstsein und macht, dass sie sich klein und wertlos fühlen. Das Vertrauen, das zwischen Eltern und Kindern herrschen sollte, wird gebrochen. Das Gehirn von Kindern befindet sich noch mitten in der Entwicklung, weswegen sie besonders anfällig für alle Formen der Gewalt sind.

Es gibt mehr und mehr Hinweise darauf, dass auch verbale Angriffe die Art verändern, wie sich das Gehirn vernetzt. Für ihre Entwicklung brauchen Kinder Eltern, die ihnen Wertschätzung und Vertrauen entgegen bringen, nicht Eltern, die sie durch Schreie und verbale Attacken klein halten. Wird ihnen Schreien als Form der Kommunikation vorgelebt, übernehmen sie diese Verhaltensweise. Sie verankern sich unbewusst und begleiten das Kind sein Leben lang. Eine Studie des Department of Psychiatry, der Harvard Medical School in den USA hat die Gehirne von Menschen untersucht, die in ihrer Kindheit Erfahrungen mit verbalen Attacken ihrer Eltern machen mussten und diese mit den Gehirnen von Menschen ohne einen solchen Hintergrund verglichen. Die Forscher fanden deutliche physische Unterschiede in den Teilen des Gehirns, die für die Verarbeitung von Lauten und Sprache zuständig sind.

Eine weitere Studie des National Institute of Health, die Eltern-Kind-Beziehungen untersucht hat, attestiert auch, dass Schreien als Erziehungsmaßname genau den gegenteiligen Effekt erzielt: Jugendliche, die von ihren Eltern angebrüllt wurden, reagieren mit noch schlechterem Verhalten. Auch vermehrte Zuneigung der Eltern nach solchen verbalen Ausreißern schwächte die negativen Auswirkungen der Schreie auf die Teenager nicht.

Macht mich Schreien zu einer schlechten Mutter oder einem schlechten Vater?

Nein. Wenn du dein Kind im Eifer des Gefechts, das wir unser tägliches Leben nennen, einmal anschreist, wird dein Kind wahrscheinlich keinen bleibenden Schaden davontragen. Es ist normal, dass wir nicht immer perfekt reagieren können. Doch gute Eltern macht aus, dass sie es immer und immer wieder probieren. Gute Eltern wollen sich verbessern. Sie wollen verständnisvoller auf ihre Kinder reagieren. Sie haben Erwartungen an sich und ihre Kinder. Und manchmal werden diese Erwartungen eben nicht erfüllt. Trotzdem bleiben gute Eltern am Ball. Sie geben nicht auf. Schlechte Eltern dagegen versuchen es erst gar nicht.

Wir Eltern sind auch nur Menschen. Wir machen Fehler – und lernen daraus. Und genau das macht uns zu guten Menschen und am Ende auch guten Eltern. Kinder dürfen und sollen ihre Eltern ruhig als echte und emotionale Menschen erleben, doch darf ihnen auf keinen Fall vermittelt werden, dass es ihre Schuld ist, wenn ihre Eltern unwirsch oder verärgert reagieren. Tipps zum Umgang mit Stresssituationen, die sich als Mama oder Papa aus der Haut fahren lassen, findest du in unserem Artikel "Du hast dein Kind angeschrien? So solltest du dich jetzt verhalten".

 

Wie kann ich mit dem Schreien aufhören?

Schreien macht es nicht besser, sondern schlimmer … und trotzdem: Wenn wir uns nicht mehr zu helfen wissen, greifen wir oft darauf zurück, um so irgendwie wieder Herr über die Situation zu werden.

Der beste Weg, um sein Kind nicht mehr anzuschreien, ist die Prävention. Versuche gar nicht erst in Situationen zu kommen, die dich so stressen, dass du deinen Frust herausschreist. Das ist natürlich einfach gesagt, aber schwer getan. Dennoch hilft schon, sich dessen bewusst zu sein, dass Schreien nicht gut für das Kind ist und der Vorsatz, in Zukunft mögklichst gar nicht mehr mit seinem Kind zu schreien. Wertvolle Tipps findest du auch im Buch "Erziehen ohne Schmipfen" von Nicola Schmidt, erschienen im GU Verlag, ca. 17 €* und im Ratgeber "Mama, nicht schreien" von Jeanine Mik und Sandra Teml-Jetter, erschienen im Kösel Verlag, ca. 16 €* (trotz des Titels auch ein Buch für schreiende Papas).

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