Paracetamol in der Schwangerschaft - gefährlich oder nicht?

Schmerzmittel

Paracetamol in der Schwangerschaft - gefährlich oder nicht?

Wenn schon Schmerzmittel in der Schwangerschaft, dann Paracetamol: Jahrzehntelang wurde dieser „Glaubenssatz“ auch von Ärzten verbreitet. Doch mehrere Studien in den vergangenen Jahren liefern teils erschreckende Ergebnisse. Warum sich ein kritischer Blick darauf lohnt.

Auch eine erst kürzlich veröffentlichte Studie von Forschern der Universität Bristol kommt zu dem Schluss: Die Auswirkungen von Paracetamol auf das Ungeborene können gravierend sein. Die Untersuchungen zur sogenannten ALSPAC-Studie hatte Wissenschaftlerin Jean Golding bereits in den 1990ern gestartet, 14.000 Schwangere, die Paracetamol mehr oder weniger regelmäßig schluckten, nahmen teil. Deren Kinder wurden dann später auf Erinnerungsfähigkeit, Intelligenz und Entwicklung getestet.

Paracetamol in der Schwangerschaft ist umstritten

 

Das Ergebnis: Besonders im Sozialverhalten zeigten sich viele Auffälligkeiten. Die Kinder   verhielten sich beispielsweise unkonzentriert oder hyperaktiv. Auch eine Häufung von Asthma konnten die Forscher feststellen. Besonders in den Schwangerschaftswochen 18 bis 32 sei Vorsicht geboten: 44 Prozent der schwangeren Studienteilnehmerinnen hatten angegeben, in der 32. Schwangerschaftswoche Paracetamol eingenommen zu haben.

 

Auffälligkeiten als Folge der Krankheit selbst?

Doch jetzt kommt das große Aber: Die Forscher können nicht ausschließen, dass die Krankheiten, zu deren Behandlung die Frauen Paracetamol einnahmen, dazu führten, dass die Kinder diese Symptome haben. Deshalb rät Studienautorin Prof. Jean Golding  werdenden Müttern auch nicht grundsätzlich von der Einnahme ab. Man solle eine Medikation allerdings immer genau abwägen und sich von einem Arzt beraten lassen.

Auch frühere Studien waren bereits zu dem Resultat gekommen, dass Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol geschluckt haben, häufiger wegen Hyperaktivität auffallen. Die norwegische Mutter-Kind-Studie (Brandlistuen, 2013) geht außerdem davon aus, dass diese Kinder sich langsamer motorisch entwickeln würden – vorausgesetzt, das Schmerzmedikament wurde an mehr als 28 Tagen eingenommen.

ADHS, Entwicklungs- und Sprachstörungen

Ähnlich sind Ergebnisse der dänischen Forscher (Liew, 2014): Das Risiko an ADHS zu erkranken, sei deutlich erhöht, wenn Mütter Paracetamol in der Schwangerschaft einnehmen. Auch eine Studie aus dem Jahr 2016 setzt die Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft mit späteren Entwicklungsstörungen der Kinder in Zusammenhang. Und eine schwedische Studie von 2018 gibt Hinweise darauf, dass die Sprachentwicklung des Kindes beeinträchtigt sein könnte – jedoch nur bei Mädchen.

Ist Paracetamol also ein echtes Teufelszeug, um das man als Schwangere einen großen Bogen machen sollte? Verständlich, dass die Verunsicherung bei werdenden Müttern angesichts solcher Studien groß ist.

Berliner Zentrum für Embyronaltoxikologie spricht von „unnötiger Verunsicherung“

Doch es gibt auch Stimmen aus der Wissenschaft, die beruhigen: Laut dem Berliner Zentrum für Embyronaltoxikologie (Embryotox) werden Schwangere unnötig verunsichert. Denn auf den zweiten Blick hätten die viel diskutierten Studien nicht unerhebliche methodische Schwächen: Es wurde weder die Dosierung der Schmerzmittel, noch die tatsächliche Einnahmedauer erhoben.

Auch die Diagnose ADHS basierte teilweise nicht auf ärztlichen Berichten, sondern lediglich auf Gesprächen mit den Eltern der betroffenen Kinder. Plus: Dass Krankheiten wie ADHS immer mehrere auslösende Ursachen haben, wurde nicht berücksichtigt. Genetische und familiäre Faktoren wurden außer Acht gelassen.

Weiterhin Empfehlung von Paracetamol als Schmerzmittel der Wahl in der Schwangerschaft

Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Einnahme von Paracetamol und Entwicklungsstörungen ist also längst nicht bewiesen, so wie die Studien es glauben lassen. Die Ergebnisse seien lediglich ein „interessantes Signal“, auf deren Basis weiter geforscht werden solle.

Keineswegs seien sie ausreichend, die Empfehlung von Paracetamol in der Schwangerschaft als Schmerzmittel der Wahl zu beschränken oder gar aufzuheben, betonen die Embryotox-Forscher. Die gelte weiterhin für die gesamte Schwangerschaft.

Auch Ibuprofen ist – mit Einschränkungen – erlaubt

Ibuprofen, ein weiteres Schmerzmittel, das für werdende Mütter grundsätzlich erlaubt ist, sollte nur im ersten und zweiten Trimester eingenommen werden. Ab Schwangerschaftswoche 29 kann es dadurch nämlich zu einem vorzeitigen Verschluss eines Gefäßes in Herznähe kommen und Nierenschäden verursacht werden.

Von Acetylsailcylsäure rät man bei Embryotox, das unabhängig vom Einfluss von Arzneimittelfirmen oder anderen Interessengruppen forscht, dagegen ganz ab. Sie steigere die Gefahr für Blutungen und kann ebenso den Verschluss des Gefäßes in Herznähe begünstigen. Ausnahme: Eine sogenannte "Low-dose-Behandlung" zur Vorbeugung wiederholter Fehlgeburten und Präeklampsie.

Fazit: So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Grundsätzlich gilt: Wer so wenig wie möglich Schmerzmittel schluckt, der muss sich keine Sorgen machen. Falls andauernde Schmerzen oder Fieber eine regelmäßige Einnahme nötig machen, sollte man das unbedingt mit einem Arzt abklären.

Darf ich das? Verbote und Gebote in der Schwangerschaft

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*Das Berliner Zentrum für Embyronaltoxikologie (Embryotox) der Berliner Charitéist ein unabhängiges Institut, das Empfehlungen zum Einsatz von Medikamenten bei Schwangeren und Stillenden abgibt.

Bildquelle: iStock

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