Mehr als nur La Le Lu: Musiktherapie für Frühgeborene

Derzeit sind es nur wenige Kliniken mit Neonatologie in Deutschland, die gezielt auf Musiktherapie für Frühgeborene setzen. Das ist sehr schade, denn zahlreiche Studien konnten bereits beeindruckende Wirkungen therapeutisch genutzter Musik auf die Entwicklung frühgeborener Kinder aufzeigen.

Musiktherapie für Frühgeborene


Jedes neunte Baby in Deutschland ist ein so genanntes Frühchen, das heißt, es kam vor Abschluss der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) zur Welt. Dank des medizinischen Fortschritts sind die Überlebenschancen für Frühgeburten ab der 25. SSW heute relativ gut. Doch bei Kindern, die noch vor der 32. SSW geboren werden, besteht das Risiko bleibender Störungen wie geistiger und körperlicher Behinderungen. Den Kleinen fehlte aufgrund der vorzeitigen Geburt einfach die Zeit dafür, wichtige Entwicklungsschritte in Mamas Bauch abzuschließen. Und bisher können kein Mensch und keine Maschine der Welt dem unreifen Baby den Schutz und die Versorgungsleistung bieten, wie es die Gebärmutter 40 Wochen lang tut.

Das Trauma der frühen Trennung

Etwa ab der 18. SSW kann der Fötus hören. Er lernt Mamas Stimme, ihren Herzschlag, das Rauschen ihres Blutes und andere Körpergeräusche kennen und sie werden zu seinen akustischen Begleitern für den Rest der Schwangerschaft. Kommt das Baby dann um den errechneten Geburtstermin zur Welt, vermitteln die Stimme der Mutter und rhythmische Geräusche wie ihr Herzschlag eine vertraute Geborgenheit.
Babys, die jedoch zu früh auf die Welt kommen, werden abrupt aus der Geräuschkulisse in Mamas Bauch herausgerissen. Plötzlich sind sie da in der hellen, kalten und lärmenden Welt ohne die vertrauten Geräusche aus Mamas Bauch. Und statt geborgen in Mamas Armen zu liegen und die Welt langsam kennenzulernen, liegen sie isoliert und einsam im Inkubator und müssen unangenehme, zum Teil schmerzhafte medizinische Behandlungen über sich ergehen lassen.
Und auch die Eltern sind nach einer zu frühen Geburt oft traumatisiert. Sie bangen um das Leben ihres Kindes, haben Schuldgefühle und teilweise auch Berührungsängste mit dem kleinen zerbrechlichen Wesen. Dazu kommt das plötzliche Elternsein: Viele fühlen sich durch die Situation seelisch und emotional überrumpelt und haben Probleme beim Bindungsaufbau zum Kind.

Die Ziele der Musiktherapie bei Frühchen

Babys, die einige Wochen zu früh zur Welt kommen, brauchen Zeit und vor allem Kraft, um die verpassten Entwicklungsschritte aus der Fetalphase nachzuholen. Ein Störfaktor dafür ist Stress. Und Frühgeborene haben durch das Trauma der frühen Geburt eine Menge Stress. Das ist der Punkt, an dem die Musiktherapie ansetzt. Eines ihrer erklärten Ziele ist es, Stress zu reduzieren. Wie genau die Behandlung dafür aussieht, entscheidet der Therapeut je nach den Bedürfnissen des Babys und der Eltern sowie nach den Möglichkeiten in der Klinik.
Es gibt verschiedene Therapie-Ansätze. Bei einem zum Beispiel legt die Musiktherapeutin sanft die Hände an das Frühgeborene und singt oder summt langgehaltene Töne und einfache Melodien, die sie auf den Atemrhythmus des Kindes anpasst. Dabei berücksichtigt sie seine Mimik und Gestik und nimmt diese Signale in den Gesang mit auf. Das Ganze kann auch mit sanften Instrumenten wie der Harfe oder dem Monochrom begleitet werden.
Bei anderen Therapie-Ansätzen besingt die Mutter (später auch andere Familienmitglieder) ein Tonband, das dem Kind immer dann vorgespielt wird, wenn gerade keine anderen Behandlungen durchgeführt werden müssen. Die Stimme, die das Baby bereits aus der Zeit vor der Geburt kennt, kann es beruhigen und die Vertrautheit zur Mama stärken.
Die Musiktherapie befasst sich aber nicht nur mit dem Baby, sondern soll auch den Eltern über das Trauma der frühen Geburt hinweghelfen. Dafür gibt es ausführliche Gespräche und Anleitungen für die Eltern, damit sie im Umgang mit dem Baby selbstbewusster und sicherer werden. Zudem soll die Bindung zum Kind durch diese Maßnahmen gestärkt werden.

Was Musiktherapie bei Frühgeborenen leisten kann

In den letzten 20 Jahren wurde die Wirkung der Musiktherapie bei frühgeborenen Kindern vielfach untersucht. Einhellige Meinung der Wissenschaftler: Musiktherapie fördert eindeutig die gesunde Entwicklung der kleinen Patienten!
Insbesondere die Stress-reduzierende Wirkung professioneller Musiktherapie konnte in zahlreichen Studien nachgewiesen werden: Atmung und Herztöne des Frühgeborenen beruhigen sich während der Behandlung, die Sauerstoffsättigung im Blut steigt. Das fördert die körperliche Entwicklung, bei der das Kleine so viel nachzuholen hat. Zudem verbessern sich die Saug- und Schluckreflexe beim Baby, was zu einer besseren Nahrungsaufnahme und schnelleren Gewichtszunahme führt. In den Untersuchungen zeigte sich dementsprechend, dass Frühchen, die eine Musiktherapie bekommen, das Krankenhaus im Allgemeinen eher verlassen können als ihre Mitstreiter. Später zeigen sich die untersuchten Kinder motorisch und (vor)sprachlich oft besser entwickelt, als frühgeborene Kinder ohne musiktherapeutische Behandlung.
Und auch den Eltern tut die Musiktherapie nachweislich gut. Studien zufolge sind sie nach der Therapie zuversichtlicher und engagierter im Umgang mit ihrem Kind und haben eine engere und gesündere Beziehung zu ihm. Insbesondere die Mütter zeigen sich nach der Therapie emotional stabiler.

Nur wenige Kliniken können Musiktherapie anbieten

Das klingt alles so gut, dass man sich fragt, warum nicht jede Klinik mit Frühchenstation auf diese Therapieform setzt. Im Allgemeinen stehen Ärzte und Klinikpersonal der Musiktherapie offen gegenüber und sehen sie als sinnvolle Ergänzung, das zeigen Befragungen. Jedoch hapert es an der Finanzierung: Kliniken sind auf Spenden angewiesen, um ihren kleinen Patientin eine Musiktherapie bieten zu können, denn Krankenkassen zahlen für diese Maßnahme (noch) nicht.
Mehr Informationen zum Thema Musiktherapie bei Frühgeborenen lesen Sie zum Beispiel auf der Webseite der Deutschen Musiktherapeutische Gesellschaft

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