Reif für die Insel

Eltern

Reif für die Insel

Wer kilometerlange Traumstrände für sich und seine Kinder sucht, wird auf Fisch- land-Darß-Zingst in Vorpommern seelig.

Wer kilometerlange Traumstrände für sich und seine Kinder sucht, wird auf Fischland-Darß-Zingst in Vorpommern seelig. Unser Glück hat einen Namen; nein, eigentlich ist es eher eine Buch- staben-Zahlen-Kombination. Sie heißt „KB 490“. Ein Code, der für meinen Mann und mich für absolute Entspannung steht. „KB 490“, das ist das Kennzeichen unseres blau-weiß gestreiften Strandkorbs. Hinter uns der Deich, vor uns strahlend-weißer Sand und das blaue Meer; in der Mitte kann ich mich gemütlich räkeln und in aller Ruhe die warme Sommer-Sonne am Zingster Strand genießen. So wie mein Mann, der ganz in die Lektüre seines heiß geliebten Oldtimer-Magazins vertieft ist.
„Hier komm' ich endlich mal zum Lesen!“, strahlt er und blättert weiter. „Papaaa, guck maaal!“, ruft es da allerdings schon zweistimmig aus den sanft rollenden Ostseewellen herüber. Zu früh gefreut. „Wir sind Delfine. Spielst du mit, Papa?“
Unsere Kinder Mayline (11) und Lennert (9) lassen sich einträchtig immer wieder an den feinen, weißen Strand spülen. Sollte man die Einladung ablehnen? Ein erfrischendes Bad ist nie verkehrt, auch wenn es nicht mehr so heiß ist wie am Mittag, als das Thermometer 30 Grad anzeigte. Und so wird die Zeitschrift mit den Knatterkisten sandsicher verstaut, und Vater verwandelt sich - schaurig, schaurig - vor meinen Augen in einen gefährlichen Killerwal.
Wie gut nur, dass unsere beiden Delfine so geübte Schwimmer sind. Da hat das väterliche Ungetüm wenig Chancen - und ich kann das muntere Treiben weiter ganz entspannt von unserem Strandkorb aus beobachten. Ein paar Möwen am Himmel schauen ebenfalls interessiert zu.

Die besten Plätze

Die besten Plätze

Ein perfektes Strandvergnügen zu vorgerückter Stunde; wir sind nämlich erst kurz vor 18 Uhr losgezogen. Tagsüber ist es uns in diesem Super-Sommer zu heiß und zu belebt. Denn die Halbinsel mit dem etwas sperrigen Namen Fischland-Darß-Zingst in Mecklenburg-Vorpommern hat sich längst von einem Geheimtipp zu einem beliebten Urlaubsziel bei Familien und Naturfreunden gemausert.
Trotzdem findet hier immer noch jeder ein Plätzchen für seine Liegematte oder sein Handtuch, sogar zur Hauptsaison an den Hauptstränden der Ostseebäder. Wer dagegen einsame Strände bevorzugt, braucht nur ein Stückchen weiterziehen; der herrliche Strand zwischen Dierhagen, Darß und der „Hohen Düne“ nahe Pramort ist sage und schreibe 50 Kilometer lang.
Das optimale Vehikel, um dorthin zu gelangen, ist das Fahrrad. Eine unserer Lieblingstouren führt vom Ostseebad Zingst nach Westen, immer auf dem Deich entlang. Die rund acht Kilometer bis nach Prerow schaffen auch kleine Pedalritter problemlos. Und wer zurück nicht mehr radeln mag, steigt einfach in den Linienbus 210. Und stellt sein Rad in den Extra-Fahrradanhänger. Wie praktisch!
Als wir den Hafen von Prerow erreichen, ist Zeit für eine Pause. „Boah, schaut mal. Wie bei Tom Sawyer!“, staunt unsere Elfjährige nicht schlecht. Stimmt. Direkt vor uns legt gerade die „River Star“ ab, ein echter Schaufelrad-Dampfer. Da wird der Prerow-Strom, der die Ostseeküste mit den Boddengewässern vor dem Festland verbindet, zum Mississippi. „Können wir da mal mitfahren?“, fragt Lennert ganz aufgeregt. „Klar“, antworte ich. Aber nicht jetzt sofort.
Schließlich haben wir noch etwas anderes vor: Wir wollen zum Leuchtturm am Natureum Darßer Ort. Das ist eine Außenstelle des bekannten Stralsunder Meeresmuseums, die sehr anschaulich über die heimische Flora und Fauna informiert. Dorthin geht es nur zu Fuß, per Rad oder per Pferdekutsche, fünf Kilometer durch den schattigen Darßer Wald. Und so hat dieser Platz seinen ganz besonderen Reiz.
35 Meter hoch reckt sich der über 150 Jahre alte Leuchtturm in den Himmel. „Da will ich rauf“, ist Lennert vom Fleck weg begeistert und hopst - Mayline im Schlepptau - wieselflink die 134 Stufen hinauf. Sein Vater und ich keuchen hinterher.
Die Mühe wird belohnt: Wer hier oben die Blicke schweifen lässt, weiß, warum der Darßer Ort als einer der schönsten Plätze an der Ostsee gehandelt wird. Richtung Norden wächst er durch Sandablagerungen Stück für Stück immer weiter in die See hinein, im Süden berühren die Bäume am wilden Weststrand beinahe das Wasser. Einfach schauen und genießen.

Mehr als Sand und Meer

Mehr als Sand und Meer

Doch nicht nur Strand und Meer locken mit atemberaubenden Aussichten: Auch die flachen Küstengewässer zwischen Festland und Halbinsel, die Bodden, sind immer wieder einen Ausflug wert. Die schönste Art, einen Bodden trockenen Fußes zu überqueren, ist dabei ohne Frage die Fahrt mit einem echten Zeesboot.
Mit solchen Segelschiffen wurde früher in der Region gefischt. Auch heute ziehen diese Holzschiffe mit ihren fünf rotbraunen Segeln noch alle Blicke auf sich, wenn sie majestätisch über das Wasser gleiten. Schöner geht's nicht. Vineta, die versunkene Stadt
Unser Zeesboot, mit dem wir über den Bodden wollen, heißt „Irmchen“ und gehört Detlev Möhr. Er hat das Boot in aufwendiger Detailarbeit selbst restauriert. Vom Zingster Hafen geht die Fahrt unter vollen Segeln bis nach Barth, vorbei an den Boddeninseln Kirr und Oie. Da bleibt Zeit für spannende Geschichten. Zum Beispiel über das Leben der Fischer. Schon Zehnjährige mussten damals mit ihren Großvätern vom Zeesboot aus Aale fischen, erzählt Detlev Möhr. „Die haben auch hier an Bord geschlafen.“ Mayline und Lennert sind begeistert. „Wie abenteuerlich!“ In Wirklichkeit aber ganz hartes Brot.
Noch wundersamer wird's ein Stückchen weiter, kurz vor dem Städtchen Barth: Hier soll nämlich die sagenumwobene Stadt „Vineta“ versunken sein. Sie ist mit all ihrer Pracht und Herrlichkeit ein Opfer des Meeres geworden.
Ui, wie unheimlich… „Vielleicht segeln wir jetzt gerade über den Kirchturm von Vineta weg?“, sagt Lennert aufgeregt und reißt bedeutungsvoll die Augen auf: „Hört ihr auch die Glocken?“ Ich bin mir da nicht so sicher, ob wir es nicht mit klassischem Seemannsgarn zu tun haben.
Aber er fällt auf fruchtbaren Boden: Heute Abend soll Vineta wieder auferstehen… Nicht im Barther Bodden, sondern am Strand von Zingst. Wieder und wieder werden zwei kleine Bewohner von den sanften Ostseewellen an den Strand gespült.
Und schon höre ich sie rufen: „Papaaa, guck maaal!“ Ich werde mich dann ganz entspannt zurücklehnen und das Wunder von Vineta genießen, wenn es aus feuchtem Sand wiederersteht. Welch ein Glück, dass ich in „KB 490“ in der allerersten
Reihe sitze. Fotos: Karin Harms

Galerien

Lies auch

Teste dich