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Kind adoptieren: Die ehrlichen Erfahrungen einer Adoptivmutter

Persönliche Worte

Kind adoptieren: Die ehrlichen Erfahrungen einer Adoptivmutter

Ein Kind adoptieren zu wollen, ist ein ganz persönliche Entscheidung und kann aus sehr vielen Gründen entstehen. Bevor man sich dafür entscheidet, möchte man gern wissen, welche Unterschiede bzw. Herausforderungen es vielleicht im Hinblick auf die Erziehung eines leiblichen Kindes gibt. Hilfreich sind da immer persönliche Erfahrungen von Adoptiveltern. Bei uns erzählt eine Mutter zweier Adoptivkinder offen und ehrlich von ihrer emotionalen Reise und den ersten Schritten hin zum Eltern sein.

Sabines* Ehemann (42 Jahre) wollte schon immer Kinder. Bei Sabine (37 Jahre) kam dieser Wunsch erst mit 25 Jahren so richtig auf. Nach einer längeren Phase des Versuchs natürlich schwanger zu werden und einer anstrengenden und schmerzhaften Kinderwunschtherapie mit mehreren IUIs, einer IVF und einer ICSI, verabschiedeten sie sich vom Wunsch nach einem leiblichen Kind.

Mittlerweile hat Sabine eine glückliche kleine Viererfamilie mit ihrem Mann und ist Mutter von Finn (6 Jahre) und Johannah (4 Jahre). Im Gespräch gibt sie euch einen Einblick, wie es war, ein Kind zu adoptieren und welche Ängste, Fragen und Gefühle sie und ihren Partner dabei begleiteten.

Wann war für euch klar, dass ihr ein Kind adoptieren möchtet und wie habt ihr euch bei diesem Prozess der Entscheidung gefühlt?

Komischer Weise stand von Anfang an meine Entscheidung, dass spätestens nach drei Jahren eine Adoption in Frage kommt. Ein Kind adoptieren war Plan B und gut fürs Gefühl. Die IUI’s (Intrauterine Insemination) waren für mich außergewöhnlich schmerzhaft, die IVF ging in die Hose – da war klar, dass ich mich nicht weiter so quälen will. Wir haben aber nicht direkt von der künstlichen Befruchtung auf die Adoption umgeschaltet. Wir sind zunächst umgezogen und haben uns vom Jugendamt beraten lassen. Die Adoptionsgeschichte war Erfolg versprechend, da wir in einer Großstadt wohnten. Die Erfolgschancen der Adoption waren einfach höher als bei einer erneuten Künstlichen Befruchtung. Wir hatten das Gefühl, es geht voran und wir konnten nebenbei einfach normal leben. Die Entscheidung lag ganz bei mir. Mein Partner hat mich quasi unterstützt und ist meinem Weg gefolgt.

Hattet ihr dabei eigentlich auch psychologische Hilfe bzw. gab es Situationen, wo ihr Gesprächsbedarf hattet?

Als wir die IUI’s hatten, hatte ich lediglich ein paar Gespräche mit dem psychologischen Dienst des Klinikums. Aber so richtig tiefgründige psychologische Unterstützung hatten wir nicht. Im Nachhinein würde ich sagen, wäre eine Unterstützung durch z.B. den Familienservice gut gewesen. Aber damals wussten wir davon nichts und wurden leider vom ersten Jugendamt auch nicht darauf hingewiesen.

Für welche Art der Adoption hattet ihr euch entschieden und wie lagen die Chancen ein Neugeborenes zu bekommen?

Ich hätte gerne eine offene Adoption gehabt. Mein Mann am liebsten so anonym wie möglich, wahrscheinlich hätte er sogar ein Kind aus der Babyklappe genommen. Für mich war aber immer schon wichtig, wie sich die Kinder fühlen und welche emotionalen und psychischen Probleme die anonymen Formen mit sich bringen. In D. (Stadt) hat man uns quasi beigebracht, dass ein loser Kontakt zu den leiblichen Eltern gut für die Kinder ist, damit sie keine Fantasien um ihre leiblichen Eltern entwickeln. Wir haben uns dann für halboffene Adoption entschieden, weil das in der Mitte liegt, mit der Möglichkeit zum Kontakt maximal einmal pro Jahr. Am Ende sind es aber zwei halboffene Adoptionen ohne Kontakt zu den leiblichen Eltern geworden.

Wir haben uns bei beiden Kindern für ein Neugeborenes beworben. Der Grund dahinter bei beiden Kindern war ziemlich eigennützig: Das Kind sollte möglichst wenig Gepäck mitbringen.

Mit einem neugeborenen Baby kann man selbst in die Elternrolle reinwachsen, mit einem älteren Kind müsste man viel mehr Kompetenzen mitbringen. In D. war das auch kein Problem, sondern relativ normal, dass man ein Neugeborenes adoptiert. Das Jugendamt dort hatte andere Ansichten als in J. (Stadt) und vermittelt die Kinder möglichst direkt in die Zielfamilie. Der Altersabstand zwischen Eltern und Kind sollte höchstens 40 Jahre betragen, d.h. Paare, in denen der Altersdurchschnitt über 40 liegt, sollten eher ein älteres Kind adoptieren. Aber das war bei uns ja nicht der Fall, daher gab es da keine große Diskussion. In einer Großstadt gibt es auch genügend Babys, nur die Wartezeit ist variabel von Jahr zu Jahr.

Ihr habt ja zwei Kinder bei zwei unterschiedlichen Jugendämtern adoptiert. Welche Erfahrungen und behördlichen Hürden begegneten euch auf dem Weg dabei?

Im Prinzip gibt es keine einheitlichen Regelungen, sondern jedes Jugendamt arbeitet nach eigenem Ermessen. Die 40-Jahre-Regel halten wohl die meisten ein, aber auch da geht es im Grunde nach dem Ermessen des zugeteilten Sachbearbeiters. In D. hat das Jugendamt relativ viele Mitarbeiter, in J. gibt es nur eine Sachbearbeiterin, die sich dann mit den Mitarbeitern der umliegenden Landkreise kurzschließt. Zudem wurde uns bei der ersten Adoption gesagt, dass die Kinder möglichst direkt in die Zielfamilie vermittelt werden sollten. In J. kam das Kind meist erst zu einer Pflegefamilie bis die 8-Wochen-Frist verstrichen ist. Die leibliche Mutter kann in dieser Zeit noch die Adoption jederzeit ohne Angabe von Gründen und ohne Prüfung widerrufen.

Die Vorbereitungsseminare, um das Kind zu adoptieren, waren auch sehr unterschiedlich. Beim ersten Adoptionsprozess wurden uns viele positive Geschichten erzählt und beim zweiten wurde mehr auf mögliche Probleme eingegangen. Ich glaube, informiert waren wir wirklich gut. Begleitet würde ich jetzt nicht so sagen. Zur Sachbearbeiterin in unserer jetzigen Stadt haben wir ein äußerst gutes Verhältnis. Sie ist immer da bei Problemen und versucht zu helfen. Es wird dort einfach mehr Geld für Adoptivfamilien investiert, es gibt Familienfeste, Weiterbildungen mit hochkarätigen Sprechern wie Bettina Bonus und Adoptivelternstammtische. In der vorherigen Stadt hat man einfach gemerkt, dass sie sich gern kümmern würden, aber die Zeit nicht da ist. Dort gab es auch keine Nachbetreuung.

Die größte Herausforderung war für mich, sich damit abzufinden, dass man vor wildfremden Personen alles offenlegen muss, wie Gehaltsnachweise und Co. Ich verstehe aber, dass man für die Kinder, die schon ein Päckchen mitbringen, eine möglichst stabile Zukunft sucht, daher ist das wohl nötig.

Wie hast du den Weg empfunden, bis klar war, dass ihr auf der Adoptionsliste steht und jetzt jeden Tag die Nachricht kommen kann, dass ein Baby auf euch wartet?

Ich war die ganze Zeit sehr euphorisch. Das war das Komischste und Krasseste in meinem Leben bis dahin. Andererseits gehörte es für uns aber irgendwie auch einfach dazu. Man geht ja in kleinen Schritten – meldet sich für ein Erstgespräch, hat verschiedene Gespräche, geht zu den Seminaren usw. So kann man sich langsam daran gewöhnen.

Seltsam war tatsächlich der Moment, ab dem man nichts mehr tun konnte, weil man anerkannt war. D. hat immer gesagt, sie ziehen den Prozess möglichst lange, damit man dann nicht mehr lange warten muss. Dann fragt man sich allerdings plötzlich, ob man jetzt nochmal schnell Urlaub machen sollte oder lieber nicht … Weiterleben, als wäre nichts … Dabei fühlt man sich etwas paranoid. Man überlegt, was man alles kaufen sollte oder ob das auch noch reicht, wenn das Kind dann da ist. Es gibt auch so praktische Fragen wie „Wie schaffe ich es, dass das Jugendamt mich nicht vergisst, aber ich auch nicht nerve?“ Also schreibt man immer mal eine Karte. Es herrscht da schon eine relativ große Unsicherheit.

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Ab wann war euer Sohn bei euch zu Hause und wie lange hat es gedauert, bis er offiziell (behördlich) auch Teil eurer Familie war?

Von Finn wussten wir ab 14 Tage vor seinem Geburtstermin. Das war eine vergleichsweise lange Vorlaufzeit und wir konnten zumindest auf Arbeit immerhin halbwegs planen, Sachen besorgen und eine Hebamme organisieren. Aufregend war es trotzdem, weil das Jugendamt sagte, dass sie nicht nachfragen, sondern nach der Geburt auf die Info der leiblichen Mutter warten müssten.

Zum Glück hat er seinen Termin eingehalten und wir erfuhren schon vor der Geburt, dass es losging. Das war damals ein Freitag. Doch da konnte sich das Jugendamt noch nicht zu Finn. Also mussten wir bis Montag warten und saßen noch Sonntag gemütlich beim Brunch und dachten an „unser Kind“. Am Montag gegen 9 Uhr kam endlich der Anruf, dass wir ins Krankenhaus kommen sollten. Die nächsten Stunden waren einfach unglaublich und überwältigend.

Weil der Kleine noch ausführlich untersucht werden musste, da die leibliche Mutter keine Vorsorge gemacht hatte, mussten wir noch eine Nacht dableiben und auf der Intensivstation übernachten. Also war er zwei Tage vorher schon ohne uns dort. Da wurde mir das erste Mal klar, wie doof es sein muss, wenn man direkt nach der Geburt seine Familie verliert und trotz des großen Glücks für uns war ich sehr traurig für ihn.

Der Adoptionsprozess hat dann nicht ganz ein Jahr gedauert, bevor wir seine Adoptionsurkunde bekommen hatten. Man hat dann noch ca. einmal im Monat einen Besuch vom oder Kontakt mit dem Jugendamt.

Wann war für euch klar, dass ihr ein zweites Kind aufnehmen möchtet? Habt ihr davor mit Finn darüber gesprochen?

Da wir im Grunde drei Kinder wollten, war es relativ klar, dass wir uns für ein zweites Kind bewerben wollen. Wir wussten nicht, wie es in J. läuft und haben uns relativ schnell nach unserem Umzug beim Jugendamt gemeldet, als Finn anderthalb Jahre alt war. Anfangs haben wir ihm nichts gesagt, aber dann kommt irgendwann die Phase, wo die Kinder sowieso immer von Babys sprechen. Da haben wir ihn schon gefragt, ob er gerne mal ein Geschwisterchen möchte und dass wir mit unserer Sachbearbeiterin sprechen, weil sie dann eins für uns aussucht.

Johannah habt ihr erst im Alter von acht Monaten kennengelernt. Inwieweit verlief bei ihrer Adoption alles anders?

Bevor wir sie kennen lernten, gab es mehrere intensive Gespräche, in denen wir zuerst ihre Geschichte hörten und erst später sahen wir ein Bild von ihr. Das war in vielerlei Hinsicht absolut unerwartet, weil wir so schnell gar nicht mit einem Vorschlag gerechnet hätten und eigentlich ein Neugeborenes wollten.

Johannah war zuerst lange bei ihrer leiblichen Mutter und danach in einer Pflegefamilie. Damit lag sie nicht in meinem engeren Auswahlradius. Mein Partner war aber sofort dafür, sie kennen zu lernen und ich habe lange mit mir gerungen und war fix und fertig. Ich fand es zu früh, weil Finn erst drei Jahre alt war und ich erst zwei Jahre in meiner Firma gearbeitet hatte. Doch die Begleitung des Jugendamts war emotional wesentlich besser. Das Gute war, dass die Sachbearbeiterin genau gespürt hat, was meine Bedenken sind und die richtigen Ratschläge gegeben hat. Letztlich hat sie das Kind auch wirklich gut für uns ausgewählt (oder vielleicht eher Johannah auch eher uns …)

Am anstrengendsten war der Einzug. Wir hatten drei Wochen Anbahnung, in denen wir unseren Resturlaub nehmen und ansonsten arbeiten mussten. Unser Fokus lag darauf, Finn einzubeziehen und wir haben jeden zweiten Besuch mit ihm gemeinsam gemacht. Da er ein totales Mamakind ist, war Johannah am Anfang ganz, ganz viel bei meinem Mann. Er hat es sehr genossen, jetzt auch „ein Kind für sich“ zu haben. Ich war von Finn sehr eingenommen (Entthronung) und habe so gut es ging versucht, mich mit ihr zu beschäftigen.

Sie war sehr angepasst und hatte nur eine ganz tiefe, kaum benutzte Stimme. Beim Einschlafen drehte sie sich einfach um, wollte nicht angefasst werden und ist innerhalb von zwei Minuten eingeschlummert. Das hat mir oft das Herz gebrochen. Wir haben ihr dann nach und nach gezeigt, wie man kuschelt und dass man das genießen kann.

Die Kleine war so glücklich, dass sie einfach dabei sein konnte und jemand sich mit ihr beschäftigt – das hat uns wiederum unglaublich froh gemacht. Da sie einige körperliche Einschränkungen hat, die nach der Geburt nicht schnell genug behandelt wurden, hatten wir viel Stress mit Arztterminen.

Daher konnte ich nicht so schnell eine enge emotionale Bindung aufbauen wie beim ersten Kind, weil ich mich um so viele Dinge gleichzeitig kümmern musste. Ich habe dann immer gehofft, dass das viele Tragen schon dafür sorgt, dass sie sich trotzdem an uns bindet – und da sie so ein toller, wahnsinnig resilienter Mensch ist, hat sie das tatsächlich geschafft. Das war ein großes Glück für uns alle.

Bei mir hat es ein halbes Jahr gedauert, bis ich mir sicher war, dass ich sie nicht wieder hergeben würde. Bis dahin gab es Momente, in denen ich dachte, ich würde sie tatsächlich wieder zurückgeben, wenn jemand das einfordern würde.

Das war wahrscheinlich das härteste Eingeständnis, das ich mir je gemacht habe, denn bei Finn hatte ich niemals auch nur den Hauch dieses Gefühls. Der war schon vor seiner Geburt mein Kind. Aber die Gesamtumstände beim Zweiten waren so hart, dass ich manchmal nicht mehr wusste, warum wir uns das antun.

Gibt es etwas, dass du vorher gern gewusst hättest bzw. gab es Dinge, die dir vorher gar nicht so klar waren? Diese Erfahrungen können anderen potentiellen Adoptiveltern sicherlich helfen.

Unsere jetzige Sachbearbeiterin sagt, dass ein Adoptivkind so anstrengend ist wie zwei leibliche Kinder und bisher scheint sie recht zu haben. Das liegt gar nicht am Kind selbst, sondern an den Voraussetzungen, auf die man keinen Einfluss hat. Bei Finn ist z.B. immer noch etwas unklar, ob Alkohol in der Schwangerschaft einen Einfluss auf ihn hatte oder nicht. Mit Johannah machen wir immer noch regelmäßig Osteophathie, Physiotherapie und Logopädie wegen ihrer muskulären Probleme, die wahrscheinlich einfach schnell und leise direkt nach der Geburt hätten behoben werden müssen.

Nicht bewusst war mir, an wie vielen Stellen die Genetik abgefragt wird (Augenarzt, Ohrenarzt, Allergien …) und dass man nach der Geburt keinen direkten Draht zu anderen Müttern aufbauen kann, weil man nicht dieselben Themen hat und auch in keinem Vorbereitungskurs war.

Stillen ist natürlich eher weniger interessant, oder dass man als Adoptivmutter beim Sport-mit-Baby total fit ist und rennen kann, während alle anderen das nicht können.

Welchen Rat würdest du anderen Eltern geben, die ein Kind adoptieren wollen?

Mein Rat ist, dass man auf jeden Fall zum Jugendamt gehen und sich beraten lassen sollte, wenn man ein Kind möchte. Ich habe oft gehört, dass sich jemand nicht traut, aber da sollte man offen sein und sich anschauen, wie es läuft, bevor man es ablehnt. Aber es ist schon wichtig, sich klarzumachen, dass das Kind eventuell mehr Zeit und Zuwendung braucht als andere Kinder. Man sollte definitiv bereit sein, Abstriche bei der eigenen Arbeitszeit bzw. Karriere zu machen, denn Adoptivkinder brauchen mit höherer Wahrscheinlichkeit viel Nähe- und Bindungserfahrungen, um sich sicher zu fühlen.

Lieben Dank, Sabine, für die persönlichen Einblicke und Erfahrungen!

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*Unsere Interviewpartnerin möchte zum Schutz ihrer Familie anonym bleiben. Ihr Name und die Namen der Kinder sind fiktiv.

Bildquelle: Getty Images/Liderina

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