Verdrängte Schwangerschaft: Schwanger und nichts bemerkt

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Verdrängte Schwangerschaft: Schwanger und nichts bemerkt

„Frau kommt mit unerklärlichen Bauchschmerzen ins Krankenhaus. Eine Stunde später wird sie Mutter.“ Solche Schlagzeilen liest man immer wieder. Und immer wieder denken wir uns: Wie kann es sein, dass man schwanger ist und davon nichts merkt?

Plötzlich sind da diese Bauchschmerzen... (Bild: Thinkstock)

Verdrängte Schwangerschaft oder auch Gravitas suppressalis, so nennen es die Mediziner, wenn Frauen erst im weit fortgeschrittenen Stadium von ihrer eigenen Schwangerschaft erfahren. Im Extremfall sogar erst, wenn das Kind schon dabei ist, auf die Welt zu kommen. Wie kann das sein? Wie können diese Frauen nicht bemerken, dass sie schwanger sind? Wissen sie es insgeheim nicht doch, wollen es gegenüber ihrem Umfeld aber verheimlichen und spielen dann nur die Überraschte? Diese Fälle verheimlichter Schwangerschaften gibt es auch, aber bei einer verdrängten Schwangerschaft ist es tatsächlich so, dass die werdende Mutter nichts von ihren anderen Umständen weiß.

Verdrängte Schwangerschaften - seltene Einzelfälle?

Die bisher größte deutsche Studie zu diesem Thema führte der Berliner Gynäkologe Jens Wessel in den Jahren 1995/1996 durch. Er analysierte die Daten aus 19 Frauenkliniken und vier Hebammenpraxen. Als verdrängte Schwangerschaft definierte er dabei Schwangerschaften, von denen die werdenden Mütter erst nach der 20. SSW erfahren haben. Das war im Zeitraum des untersuchten Jahres immerhin 65 Mal der Fall. Ganze 12 Frauen wurden dabei von der Geburt überrascht, wussten also bis zum Zeitpunkt der Niederkunft nichts von ihrer eigenen Schwangerschaft - eine davon gebar sogar Zwillinge in der 39. SSW.
Eine verdrängte Schwangerschaft ist damit gar nicht so selten: Auf rund 500 Schwangerschaften kommt eine verdrängte; auf rund 2.500 Geburten kommt eine, von der die werdende Mutter bis zuletzt nichts ahnte. Somit ist die Wahrscheinlichkeit einer bis zur Geburt verdrängten Schwangerschaften sogar dreimal größer als die von Drillingen (1 : 7.200).

Schwanger und nichts bemerkt - wie kann das sein?

Eine Schwangerschaft geht normalerweise immer mit fühl- und sichtbaren Veränderungen im Körper einer Frau einher. Mit Schwangerschaftsübelkeit schlagen sich immerhin über 80 Prozent aller Schwangeren herum. Schmerzen und allgemeines Unwohlsein sind weitere typische Schwangerschaftsbeschwerden. Dazu kommen das Ausbleiben der Periode, die Kindsbewegungen und der wachsende Babybauch. Wie können Frauen all diese Signale ignorieren? Vor allem indem sie die Anzeichen unbewusst umdeuten:
Übelkeit und Bauchgrummeln: Wird oft auf eine falsche Ernährung oder beginnende Nahrungsmittelunverträglichkeit zurückgeführt.
Gewichtszunahme: Auch diese wird einfach auf die falsche Ernährung geschoben. Oft sind die Frauen aber im Vorfeld bereits übergewichtig oder haben mit schwankendem Gewicht zu kämpfen, da fallen die paar Kilos mehr auf der Waage nicht sofort auf, vor allem nicht in den Wintermonaten, in denen viele Menschen sowieso ein wenig zulegen.
➤ Periode bleibt aus: „Das kann durch zu viel Stress und Sport schon mal passieren.“ Häufig hatten die betroffenen Frauen aber auch schon vor der Schwangerschaft keine regelmäßige Monatsblutung. Oder aber sie hatten während der Schwangerschaft menstruationsähnliche Blutungen, die sie für ihre Periode gehalten haben. Für dieses Phänomen haben Mediziner aber bisher keine schlüssige Erklärung.
Übrigens: Selbst Ärzte können auf das Phänomen der verdrängten Schwangerschaft hereinfallen, wenn die Patientin eine Schwangerschaft sehr sicher ausschließt und er ihre Symptome anderen Erkrankungen zuordnen kann. In Wessels Studie waren sogar einige betroffene Frauen selbst im medizinischen Bereich tätig.

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Silhouetten-Effekt: Plötzlich wächst der Babybauch

Manche Frauen aber müssen gar keine Schwangerschaftsanzeichen uminterpretieren, sie haben schlichtweg keine. Wie genau das funktioniert, ist rational nicht zu erklären. Man geht davon aus, dass die Psyche hier einen großen Einfluss ausübt: Weil sie eine Schwangerschaft kategorisch ablehnt, sendet sie dem Körper keine Signale, schwanger zu sein, weshalb dieser einfach nicht auf die Schwangerschaft reagiert.
Für diese Theorie sprechen Fälle, in denen schlanken Frauen nach der Erkenntnis der Schwangerschaft innerhalb weniger Tage, ja sogar Stunden ein Babybauch wuchs (Silhouetten-Effekt). Man vermutet, dass die Frauen bis zu diesem Zeitpunkt unbewusst die Bauchmuskeln anspannten, sodass sich das Baby im Bauch nicht drehen konnte. Durch die Erkenntnis über die Schwangerschaft entspannen sich die Muskeln, das Kind kann sich noch mit dem Kopf Richtung Geburtskanal drehen und so den typischen Babybauch formen.

Der Körper ist schwanger, die Psyche aber nicht

Die menschliche Psyche ist zu extremen Verdrängungsleistungen fähig. Sie kann jeden Gedanken an die Realität abwehren, wenn diese zu einem starken emotionalen Konflikt führen würde. Warum sie sich gerade gegen eine Schwangerschaft so wehrt, kann viele Gründe haben. Oft sind es
• unbewusste Ängste,
• falsche Annahmen über die eigene Fruchtbarkeit,
• eine feste Lebensplanung, in der ein (weiteres) Baby keine Rolle spielt,
• emotionale Traumata (z.B. Todesfälle, Trennungen) die gerade überwunden
werden oder
• religiöse Überzeugungen, die dagegen sprechen, schwanger zu sein.
Es gibt also nicht DEN einen Grund, warum Frauen ihre Schwangerschaft verdrängen. So wie es nicht DEN einen Typ Frau gibt, der zu verdrängten Schwangerschaften neigt. Wessels Studie sowie andere Daten zeigen, dass die betroffenen Frauen weder bestimmten Altersgruppen oder Gesellschaftsschichten angehören, noch sich in anderen Bereichen wie Schulbildung oder Familienstand besonders ähneln. Die einzige Charaktereigenschaft, die viele betroffene Frauen teilen, ist eine gewisse Konfliktscheuheit und die Neigung dazu, Sorgen und Nöte in sich „hineinzufressen“, statt sie jemandem anzuvertrauen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Risiken und Folgen eine verdrängte Schwangerschaft für Mutter und Kind mit sich bringt.

Risiken und Folgen einer unbewussten Schwangerschaft

Auch wenn die Gründe für die Verdrängung der Schwangerschaft von Frau zu Frau unterschiedlich sind, eins ist bei allen gleich: sie gehen mit großen Risiken einher.

Jede verdrängte Schwangerschaft ist eine Risikoschwangerschaft

Eines haben alle verdrängten Schwangerschaften gemeinsam: sie sind immer Risikoschwangerschaften. In erster Linie, weil die werdende Mama nichts von ihrem heimlichen Bauchbewohner weiß und dementsprechend keine Rücksicht auf seine Gesundheit nimmt. Vielleicht raucht sie und trinkt Alkohol oder nimmt starke Medikamente ein. Sie lebt ihr Leben einfach normal weiter, ohne die besondere Vorsicht, die Schwangeren geboten ist. Dazu kommt, dass die Schwangerschaft nicht überwacht wird, es keine Vorsorgeuntersuchungen gibt. Nicht zuletzt deshalb sind Babys aus verdrängten Schwangerschaften meist besonders klein, kommen häufig zu früh zur Welt und müssen nach der Geburt oft intensivmedizinisch betreut werden. Hinzu kommen die Fälle, in denen die Mutter von der Geburt ihres Kindes überrascht wird und es zum Teil ohne Vorkenntnisse allein zur Welt bringt. Man möchte sich diese Situation gar nicht vorstellen! Zur gesundheitlichen Gefahr dieser Überraschungsgeburten für Mutter und Kind kommt noch der psychischeSchockzustand der Mutter, der zu dramatischen Situationen führen kann.

Wichtig ist die psychologische Betreuung der Mutter

Sollte eine Frau erst im fortgeschrittenen Stadium von ihrer Schwangerschaft erfahren, geht ihr viel Zeit für die Vorbereitung auf das Baby verloren. Plötzlich ist sie schwanger und kurze Zeit später auch schon Mutter. Die vielen Schwangerschaftswochen, in denen sich eine Frau normalerweise mental und emotional auf die Mutterrolle vorbereitet und schon eine erste Bindung zum Baby aufbaut, bleiben den Betroffenen einer verdrängten Schwangerschaft verwehrt. Dazu kommt der Schock, vom eigenen Zustand nichts gewusst zu haben und vielleicht das schlechte Gewissen, nicht besonders gesund gelebt zu haben. Eventuell will sie auch kein Kind, was einen weiteren riesigen emotionalen Konflikt erzeugt, den sie innerhalb kürzester Zeit verarbeiten muss.
Deshalb ist es wichtig, dass die Frauen umfassend psychologisch und medizinisch betreut werden, vor wie nach der Geburt. Im Fokus der Maßnahmen sollten neben der Gesundheit von Mutter und Kind auch die Unterstützung bei der emotionalen Verarbeitung und beim Bindungsaufbau der beiden stehen.
Auch wenn das alles sehr dramatisch und negativ klingt: In den seltensten Fällen sind Kinder aus verdrängten Schwangerschaften ungewollt. Nur etwa ein Drittel der Babys werden nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Bedenkt man die Umstände und die Tatsache, dass einige Frauen bei der Geburt fast selbst noch Kinder sind, ist das eine recht niedrige Zahl. Meistens sind die Babys den Müttern doch willkommen. Und noch etwas zeigen Wessels Studien und spätere Untersuchungen: Die betroffenen Frauen sind keinesfalls schlechtere Mütter als andere, vor allem nicht, wenn sie die notwendige Unterstützung erhalten.

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