Für Links auf dieser Seite erhält familie.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder grünblauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
Phantomeltern: Wenn das Kind tot geboren wird

Phantomeltern: Wenn das Kind tot geboren wird

Triggerwarnung

Etwas, woran die meisten Eltern in Vorfreude nicht zu denken wagen, ist die Angst, dass das eigene Baby tot geboren werden könnte. Die Vorstellung, dass das eigene Kind im Mutterleib versterben könnte, ist unvorstellbar schrecklich. Für alle Eltern, die das betrifft, oder für die, die hilflos dieser schrecklichen Situation im Freundes- oder Familienkreis gegenüberstehen, haben wir unterstützende Tipps zusammengetragen.

Nina Weiß und ihr Partner sind Phantomeltern. Ihre Tochter Kiki ist in der 40. Schwangerschaftswoche verstorben. Es geht ihnen wie vielen Eltern, deren Kinder keiner sieht, weil sie nie außerhalb des Mutterleibs gelebt haben. In der Gesellschaft, das kritisiert Nina Weiß immer wieder, wird über das Thema Totgeburt aber auch die Gefühle der Eltern geschwiegen. Oft ist es auch so, dass Eltern deren Kind verstorben ist von ihrer Umgebung nicht als Eltern angesehen werden. Dabei haben auch sie ein Kind, sie haben es nur leider wieder verloren.

Es ist schon schlimm genug, dass unsere Kinder tot sind, totgeschwiegen sollten sie nicht werden!

Nina Weiß

Sternenkinder und Phantomeltern

Für die verstorbenen Kinder gibt es die Bezeichnung Sternenkind. Damit können sich aber nicht alle identifizieren. Für Nina Weiß war sie beispielsweise nicht passend. "Es hat mich selbst und Kiki irgendwie nicht richtig bezeichnet", erklärt Nina. "Ich dachte dann an meine Oma. Ihr wurde ein Bein amputiert. Da war ich gerade 12 Jahre alt. Sie erzählte mir hier immer wieder, wie sehr ihre große Zeh juckt. Doch der war ja nicht mehr da. Genauso sehe ich uns. Kiki ist nicht mehr da, sie hat sich aber über die 40 Wochen der Schwangerschaft als ein Teil von mir angefühlt. Ihr Verlust schmerzt mich jeden Tag so sehr. Es juckt und brennt. Sie ist aber einfach nicht mehr da. So habe ich den Begriff aus der Medizin `Phantomschmerzen` in `Phantomeltern` getauscht."

Fragen die Phantomeltern beschäftigen

  • Warum?
    Die Frage nach dem Warum ist verständlich. Vermutlich wird es darauf aber gar keine Antwort geben. Es fällt schwer, das zu akzeptieren, aber es hilft euch dabei, zu verarbeiten.
  • Hätte ich?
    Ein "hätte ich mal.." wird bleiben. Hätte ich es merken müssen? Hätte ich eher ins Krankenhaus fahren sollen? Hätte ich auf eine weitere Untersuchung bestehen müssen? Versucht das Hätte-Karussell auch immer mal wieder anzuhalten.
  • Wie geht es mir? Wie geht es dir?
    Redet offen über eure Gedanken und Gefühle
  • Bin ich Schuld?
    Sprecht darüber, wenn ihr euch schuldig am Tod eures Kindes fühlt. Nicht nur mit dem Partner oder der Partnerin, sondern auch mit Ärztinnen, Hebamme oder einem Therapeuten.

Die Frage danach, warum ich nicht bemerkt hatte, dass es meinem kleinen Baby in mir drin nicht gut geht, wird nie beantwortet werden. Warum konnte ich sie nicht beschützen, retten? Ich frage mich oft, ob ich sie getötet habe. Schließlich hat mein Körper ihr nicht mehr genug Versorgung gegeben. Mein Körper hat durch die Präeklampsie alle Giftstoffe ungefiltert an sie gegeben. Wie konnte ich das nicht bemerken? Monatelang bot ihr mein Körper Schutz und Raum zum wachsen und nun nahm er ihr das Leben… Mit diesen Gedanken zu leben, ist eine große Herausforderung

Nina Weiß

Wir sind Mutter und Vater geworden

Phantomeltern sind Eltern, die ein Kind haben, dass aber nicht mehr da ist. Nina Weiß weist darauf hin: "Wir sind Mutter, Vater geworden. Auch offiziell. Aber wir sind gezwungen bis zum Ende unseres Lebens `kinderlos` zu sein. Aber das sind wir nicht. Nicht im Herzen." Wichtig ist es, dass Phantomeltern als Eltern angesehen werden. Es sollte, so Nina, eine "Gleichberechtigung von lebenden und verstorbenen Kindern" geben.

Nina Weiß Phantomeltern
Autorin Nina Weiß

Nina Weiß, die unter "Kiki - Lautlos geboren" auf Facebook zum Austausch aufruft, wünscht sich, dass Eltern von Sternenkindern ihren Nachwuchs nicht verheimlichen. Diese Kinder, auch wenn sie verstorben sind, haben ihre Eltern für immer verändert. Sie haben Liebe empfunden und Sehnsucht nach ihrem Kind, das endet nicht mit einer Totgeburt sondern bleibt für immer. Die verstorbenen Kinder sind für immer ein Teil der Familie.

Tipps für Phantomeltern

  • Teilt eure Gefühle und Gedanken mit Anderen! Ihr müsst das nicht allein durchstehen und ihr habt ein Recht darauf, gehört zu werden.
  • Alle Gefühle sind erlaubt! Ihr dürft stolz auf euch sein. Ihr habt die Geburt geschafft, ihr dürft auch stolz auf euren Körper sein, auch wenn die Trauer unendlich groß ist. Der wilde Mix aus Gefühlen tut weh, aber ihr dürft alles fühlen.
  • Versucht jeden Augenblick intensiv und bewusst zu erleben. Streichelt euren Bauch, auch wenn euer Baby nicht mehr lebt.
  • Ihr müsst nicht immer sofort eine Entscheidung treffen. Erbittet euch Zeit.
  • Lasst Fotos machen. Es gibt in vielen Städten mittlerweile Sternenkindfotograf*innen, die oft ehrenamtlich Fotos eures Babys nach der Geburt anfertigen. Diese Fotos sind für Phantomeltern oft ein ganz besonderer Schatz.
  • Tauscht euch aus. Es gibt mittlerweile viele Gruppen und Vereine für Sternenkindeltern. Vieles ist auch online möglich, wenn ihr nicht die Kraft für ein echtes Treffen habt.

Freut euch über euer Kind, auch wenn es nicht lebend auf die Welt kommt. Trotzdem werdet ihr durch diesen Vorgang der Geburt zu Eltern!

Nina Weiß
PhantomEltern: Die Reise mit unserem Sonntagswunder
PhantomEltern: Die Reise mit unserem Sonntagswunder

Buch für Phantomeltern

In ihrem Buch "Phantomeltern" beschreibt Nina Weiß sehr aufwühlend, wie sie instinktiv spürte, dass ihre Kiki gestorben war. Für sie war vor allem das Wissen um die Trauer ihres Partners und die mangelnde Empathie der Ärztinnen und Ärzte schwer zu ertragen. In dieser besonderen Situation brauchen Eltern aber feinfühlige Ansprechpartner*innen. Natürlich kann man Glück oder Pech haben, an wen man in solch einer schweren Zeit gerät. Aber generell ist es wichtig, dass hier mehr Schulungen erfolgen, damit die sowieso schon belastende Situation nicht noch zu einer Traumatisierung führt.

Wir hatten das Gefühl dem Personal des Klinikums unangenehm zu sein mit unserer Geschichte. Wir hatten den Eindruck, sie waren überfordert. Noch während Kiki tot in meinem Bauch lag, wurden wir gezwungen, über ihre Beerdigung zu entscheiden.

Nina Weiß

Mein Fazit

Schon der Gedanke daran, ein Kind zu verlieren, ist unaussprechlich furchtbar. Aber ich befürchte, eben weil wir alle davor solche Angst haben, traumatisieren wir Eltern, deren Kinder still zur Welt kommen, noch weiter. Weil es uns sprachlos macht, machen wir sie mit sprachlos, geben ihnen keinen Raum für ihre Gefühle. Das darf aber nicht sein.

Mich hat vor allem zum Nachdenken gebracht, dass Nina Weiß im Interview erwähnte, dass Phantomeltern ihre Kinder nicht zeigen können. Wie schlimm sich das anfühlen muss, immer wieder zu betonen, dass man auch Vater oder Mutter geworden ist, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich kann mich dafür einsetzen, dass es nicht verschwiegen wird.

Bildquelle: getty images / iStock / Getty Images Plus/ marako85 Foto Autorin: Nina Weiß

Hat Dir "Phantomeltern: Wenn das Kind tot geboren wird" gefallen? Wir freuen uns, wenn du den Artikel teilst - und natürlich darfst du uns gerne auf Facebook, Pinterest oder Instagram folgen.

Galerien
Lies auch
Teste dich