Weibliche Genitalverstümmelung: Ein grausamer Brauch

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Weibliche Genitalverstümmelung: Ein grausamer Brauch

Weltweit sind über 200 Millionen Frauen Opfer von Verstümmelungspraktiken. Wir klären über die brutale Tradition auf und werfen ein Blick auf Waris Dirie, die mit ihrer Biographie “Wüstenblume” das Thema publik machte. 

Für Mädchen und Frauen in westlichen Ländern ist es kaum vorstellbar, für Menschen aus vielen afrikanischen und asiatischen Ländern ist es leider auch heute noch eine schreckliche Tradition: Jungen Mädchen werden die Geschlechtsorgane auf brutale Weise verstümmelt – in den meisten Fällen ohne Betäubung und unter mangelhaften hygienischen Bedingungen. Die Prozedur findet meist noch vor der Pubertät statt, oft sind die Betroffenen gerade einmal zwischen vier und acht Jahre alt. Laut Desert Flower Foundation, einer Organisation, die sich für betroffene Mädchen einsetzt, wird die Verstümmelung inzwischen auch vermehrt bei Säuglingen durchgeführt, die erst wenige Tage, Wochen oder Monate alt sind. Die Vereinten Nationen stufen das Ritual seit 1992 als Menschenrechtsverletzung ein.

Weibliche Genitalverstümmelung (auch FGM, female genital mutilation) wird vor allem in Nordost-, Ost- und Westafrika praktiziert. Aber auch im Nahen Osten und in Südostasien werden Frauen täglich verstümmelt. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind mindestens 200 Millionen Frauen weltweit davon betroffen. Da die Prozedur aber meist heimlich geschieht, ist von einer großen Dunkelziffer auszugehen. Schätzungen zufolge werden jedes Jahr etwa drei Millionen weitere Mädchen Opfer. In Deutschland leben nach Schätzungen rund 48.000 betroffene Migrantinnen.

Was bedeutet weibliche Genitalverstümmelung?

Bei der Genitalverstümmelung von Frauen gibt es verschiedene Praktiken. Am häufigsten wird die Klitoris ganz oder in Teilen ausgeschnitten, oft werden außerdem die inneren, in manchen Fällen auch die äußeren Schamlippen entfernt. Laut WHO wird bei etwa 15 % der Opfer anschließend die Vagina zugenäht. Dabei bleibt dann nur noch eine winzig kleine Öffnung, damit Urin und Menstruationsblut ablaufen können.  

Die Verstümmelung wird in den meisten Fällen von speziellen Beschneiderinnen oder älteren Frauen durchgeführt, die in den Gegenden ein sehr hohes Ansehen genießen. Manchmal wird der Eingriff auch von traditionellen Geburtshelferinnen oder Heilerinnen vorgenommen, selten jedoch von Ärzten oder Krankenschwestern. Die Verstümmelung findet ohne Betäubung und im Normalfall unter katastrophalen hygienischen Bedingungen statt. Für die Verstümmelung werden oft Rasierklingen, Glasscherben oder Messer verwendet. Ein paar Wochen lang werden den Mädchen danach die Beine zusammengebunden, damit die Wunde abheilen kann.

Grausame, lebenslange Folgen

Der Eingriff hat extreme körperliche und psychische Folgen für die betroffenen Frauen: Die Schmerzen, die sie beim Eingriff ohne Betäubung erleiden müssen, sind unmenschlich und nicht vorstellbar, oft fallen sie dabei in Ohnmacht oder geraten in eine Schockstarre. Durch die katastrophalen Hygienebedingungen beim Verstümmeln kann es zu Entzündungen, Tetanus, Blasenlähmung oder Blutvergiftungen kommen, an denen einige Frauen sterben. Auch verbluten manche Frauen nach dem Eingriff.

Der Eingriff hinterlässt bei den meisten Opfern ein psychisches Trauma, das sie oft ein Leben lang begleitet. Weitere Langzeitfolgen, die die Verstümmelung verursacht, sind der Verlust sexueller Empfindungen, Schmerzen beim Urinieren, während der Menstruation, beim Sitzen oder Gehen.

Gründe für weibliche Genitalverstümmelung

Doch wieso gibt es diesen grausamen Brauch? In vielen Ländern ist es eine uralte Tradition, die vor allem eng mit Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden ist. Vorrangig soll die weibliche sexuelle Lust verhindert werden, denn verstümmelte Frauen haben beim Geschlechtsverkehr enorme Schmerzen, oft müssen sie davor sogar wieder ein Stück aufgeschnitten werden. Die Qualen beim Sex sollen davor „schützen“, dass sie ihren Ehemann betrügen. In manchen afrikanischen Volksgruppen gelten Frauen auch als “unrein”, wenn sie nicht verstümmelt wurden. Damit sind sie wertlos für den Heiratsmarkt.

Die Geschichte von Waris Dirie

 

Nach wie vor ist das Thema in weiten Teilen der Welt tabuisiert. Daher ist es unfassbar wichtig, dass es Menschen gibt, die auf weibliche Genitalverstümmelung aufmerksam machen. Eine Frau, die selbst von der Verstümmelungspraxis betroffen ist und sich in der Öffentlichkeit dagegen stark macht, ist Waris Dirie. Ihre Geschichte, die sie in ihrem 1998 erschienenen Buch “Wüstenblume” sowie im gleichnamigen Film erzählt, ist unvorstellbar: In Somalia geboren, wird Waris als kleines Mädchen verstümmelt. Als sie mit 13 Jahren zwangsverheiratet werden soll, begibt sie sich auf die Flucht: Nach einer langen, beschwerlichen Reise landet sie irgendwann in London. Nach langer Zeit als Dienstmädchen oder Reinigungskraft wird sie schließlich als Model entdeckt – es beginnt eine unglaubliche sowie märchenhafte Karriere. Mit steigender öffentlicher Aufmerksamkeit macht sie nach einer Zeit ihre Geschichte ihrer Genitalverstümmelung publik – und sorgt für eine große, öffentliche Debatte über die grausame Praxis, von der ein Großteil der Menschen auf der Welt nicht einmal geahnt hätte, dass es sie gibt. Von 1997 bis 2003 war sie UN-Sonderbotschafterin gegen die Beschneidung weiblicher Genitalien. Auch heute noch kämpft Waris Dirie mit ihrer Desert Flower Foundation gegen die Genitalverstümmelung.

“Weibliche Genitalverstümmelung geht uns alle an. Sie ist ein Verbrechen, das unter uns in vielen Ländern dieser Welt geschieht. Mit meiner weltweiten Kampagne möchte ich auf dieses Verbrechen aufmerksam machen. Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, FGM endgültig weltweit zu verbannen”, so Dirie.

Quelle: Desert Flower Foundation

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