Kinder und Freundschaft

Entwicklung & Erziehung

Kinder und Freundschaft

Warum Beziehungen zu Gleichaltrigen so förderlich für die Entwicklung sind, woran Eltern falsche Freunde erkennen und wieso das Internet nicht unbedingt einsam macht.

In einer Freundschaft begegnet man sich auf Augenhöhe, wörtlich und mehr noch im übertragenen Sinn. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern sind zwar alle Beteiligten "gleichwürdig", wie der dänische Familientherapeut Jesper Juul immer wieder betont, aber eben nicht gleichberechtigt. Das wäre nur möglich, wenn das Kind in der Lage wäre, die Einsicht eines Erwachsenen zu entwickeln und Pflichten und Verantwortung genau wie seine Eltern zu übernehmen. Eltern und Kinder also können keine Freunde sein. Umso wichtiger ist es, dass Kinder außerhalb der Familie die Möglichkeit haben, Freundschaft zu erlernen und zu erleben.

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Erste Freundschaften

Ab dem dritten Lebensjahr bekommen Freundschaft und die Beziehungen zu anderen Kindern eine immer größere Bedeutung. Freunde sind während der ganzen Kindheit die Quelle höchster Freuden und tiefster Frustrationen, sagt der amerikanische Sozialpsychologe Zick Rubin. In den ersten Jahren sind Verfügbarkeit und "Spielkompetenz" aber noch wichtiger als die Persönlichkeit des Spielkameraden. Als Freund werden in dieser Zeit oft auch noch alle bezeichnet, die nett sind: Mama, der Postbote, oder gar der Hund des Nachbarn.

Eltern beeinflussen Freundschaft ihrer Kinder

Die Anbahnung von Freundschaften außerhalb der Kita ist zudem noch fast vollständig vom Terminkalender der Eltern abhängig. Und manchmal ist es so, dass zwei Kinder sich anfreunden möchten, die Eltern sich aber unsympathisch finden und die Sache blockieren.

Oder der umgekehrte Fall: Die Eltern mögen sich und versuchen, ihre Kinder "zu verkuppeln", weil es doch so schön passt. "Manchmal klappt das, aber nicht immer", hat Erzieherin Astrid Wagner beobachtet, die seit über 17 Jahren in einer Hamburger Kita mit Kindern arbeitet.
Die Freundschaften ihrer Kinder liegen Eltern heute fast immer sehr am Herzen. "Wir erleben sogar häufiger, dass Eltern in diesem Punkt fast etwas überbesorgt sind. Da ist ein Kind gerade mal eingewöhnt und die Eltern fragen schon beunruhigt nach, warum ihr Kind noch keinen festen Freund gefunden hat. Oder Eltern nehmen die Einladungen zu Kindergeburtstagen als wichtigsten Gradmesser für die Beliebtheit ihres Kindes. In den allermeisten Fällen sind Sorgen unnötig. Jedes Kind hat eben sein eigenes Tempo, die Freundschaften aufzunehmen, die zu ihm passen", beruhigt die Hamburger Erzieherin.

Spiegel und Ergänzung

Im Grundschulalter entwickelt sich Freundschaft nicht mehr so spontan und dauert auch länger an. Kinder sind zunehmend in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen, und das verändert auch die Qualität ihrer Freundschaft. Sie tauschen Süßigkeiten und Sticker aus, teilen nun aber auch Gefühle und Geheimnisse. Von einem Freund wird nicht nur Unterstützung bei den Hausaufgaben, sondern auch bei Streit oder anderen Problemen erwartet.
Ab der Vorpubertät zählen bei einer Freundschaft dann immer stärker ähnliche Überzeugungen, Werte und gemeinsame Interessen. Besonders Mädchen wünschen sich tiefes Verstehen und exklusive Intimität in der Freundschaft.

"Darf ich mitspielen?" Je entspannter und lockerer ein Kind ist, desto leichter gelingen Freundschaften.

Die Wissenschaft unterscheidet zwei Arten von Freundschaft. Einmal die "Spiegelfreundschaft", in der sich zwei ähnliche Kinder finden, sich gegenseitig anspornen und auch miteinander rivalisieren. Und die "ergänzende Freundschaft": Da treffen sich ungleiche Kinder, oft unterschiedlichen Alters, die verschiedene Rollen einnehmen. Sie geben sich, was der andere nicht hat. Ein älteres Kind umsorgt zum Beispiel ein jüngeres. Oder ein Kind, das sprachlich schon sehr weit ist, kann wenig mit seinen Altersgenossen anfangen und wendet sich deshalb den Größeren zu.

Falsche Freundschaft

Und ja, es gibt sie, die falschen Freunde. Aber man sollte genau hinschauen, bevor man sich Sorgen macht oder gar in eine Freundschaft eingreift. Denn der wohlerzogene Klassenkamerad mit dem Einserzeugnis kann ein schlechterer Freund sein als der schluffige Nachbarsjunge, der nicht den Mund aufbekommt, wenn man ihn etwas fragt. "Eine gute Freundschaft macht aus, dass das Kind von seinem Freund weder untergebuttert, aber auch nicht zum bewunderten 'King' hochstilisiert wird. Kinder fühlen sich in einer Beziehung wohl, wenn sie sein können, wie sie sind", sagt die Hamburger Psychologin Dr. Angelika Faas.
Alarmzeichen für schlechte Gesellschaft sind: Das Kind kommt oft übellaunig oder niedergeschlagen nach Hause und erzählt nichts. Oder es klagt: "Immer muss ich machen, was XY sagt." Das alles können Signale für Eltern sein, etwas genauer hinzuhören und freundlich nachzufragen, was denn los ist. Vielleicht wird euer Kind ausgenutzt oder von seinem Kameraden nach dem Gummiband-Prinzip (einen Tag bester Kumpel, am nächsten kalte Schulter) gedeckelt.
Untersagen sollte man den Umgang trotzdem nur im Extremfall. Denn das gehört auch zum Großwerden dazu, dass ein Kind lernt, sich aus eigenen Stücken aus einer unschönen Freundschaft zu lösen. "Kinder, die zu Hause genügend Rückhalt haben, sind in der Regel auch stark genug, diesen Schritt zu tun", sagt die Psychologin Angelika Faas.

Interview mit Prof. Heinz-Hermann Krüger

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Heinz-Hermann Krüger von der Uni Halle-Wittenberg untersucht Kinder und ihre Beziehung zu Gleichaltrigen. Wir haben ihn getroffen.

Sind elterliche Befürchtungen, dass Freunde einen schlechten Einfluss haben könnten, berechtigt?
Prof. Heinz-Hermann Krüger: Je nach Schulform unterscheidet sich der Einfluss der Freunde. Auf Gymnasien wirkt er eher stabilisierend und leistungsförderlich, auf Hauptschulen kann die sogenannte Peergruppe Gewalt oder Leistungsunwillen zusätzlich unterstützen. Das sind aber nur Tendenzen. Und man sollte nicht vergessen: Peers sind nie die einzige Ursache für Gewalt oder destruktives Verhalten. Man muss das als Dreigestirn verstehen: Familie, Schule, Freunde. Probleme werden häufiger aus der Familie in die Schule und den Freundeskreis hineingetragen als umgekehrt.
Positiv ausgedrückt heißt das: Eltern, die ihren Kinder ein stabiles und liebesvolles Zuhause geben, müssen nicht befürchten, dass ihr Nachwuchs "Risiko-Freundschaften" eingeht?
Richtig. Eine leistungsstarke Gymnasiastin, die sich mit einem Drogenabhängigen anfreundet – so etwas ist eine absolute Ausnahme. Wir haben beobachtet: Gleich zu gleich gesellt sich gern. Kinder gehen Freundschaften mit Kindern ein, die aus einem ähnlichen Milieu kommen, die einen ähnlichen Bildungshintergrund und Lebensstil haben. Bevor Eltern sich zu große Sorgen machen, sollten sie an den positiven Einfluss denken, den Freunde viel häufiger haben. Sie sind Tröster, Unterstützer und helfen, die eigene Identität zu finden.
Ist die Schule ein großes Thema?

Eigentlich nicht. Bis zum Alter von 15 Jahren wird das Thema Schule vor allem in der Familie ausgehandelt. Unter Freunden gibt es zwar eine pragmatische Unterstützung beim "Schülerjob", zum Beispiel Hausaufgaben abschreiben und Hilfe bei Referaten. Aber das dient vor allem dazu, die Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen, um sich den wirklich wichtigen Dingen zuwenden zu können.
Und was ist das?
Naja, das andere Geschlecht, Mode, Shoppen, Hamburger essen, Musik. Man muss hier aber zwischen formellen und informellen Peergruppen unterscheiden. Kinder haben heute wöchentlich bis zu vier organisierte Nachmittagsaktivitäten, wo sie Freunde in einem festen Rahmen treffen. Dort ist dann vor allem das gemeinsam ausgeübte Hobby Thema.Können Jungen und Mädchen befreundet sein?
Anscheinend nicht. Zumindest bis sie etwa 13 Jahre alt sind, bleiben Jungen und Mädchen am liebsten unter sich. Und ich war bei unseren Studien überrascht, fast etwas erschüttert, wie lebendig klassische Rollenvorstellungen immer noch sind. Die Mädchen unterhalten sich über Mode und kochen zusammen, die Jungs reden über Fußball.

Freundschaft über das Internet: Geht das?

Ganztagsschulen, Sport- oder Ballettunterricht am Nachmittag: Heute ist es für Kinder immer schwerer geworden, selbsständig Freundschaften zu schließen. Kann das Internet dabei helfen, die Situation wieder zu entschärfen?

Freundschaft als "Entwicklungshelfer"

Heute weiß man: Freunde sind neben der Familie der wichtigste Entwicklungsmotor eines Kindes. Sie sind die "heimlichen Erzieher", wie der Münchner Pädagoge Hubert Wißkirchen es formuliert. Wenn Kinder versuchen, sich in einer Freundschaft auf Regeln zu einigen, lernen sie dabei mehr, als wenn ein Erwachsener von vornherein alles bestimmt: argumentieren, zuhören, frei sprechen und formulieren und im Team eine Lösung finden. Die klaren, ungeschönten Rückmeldungen, die Kinder in einer Freundschaft bekommen, helfen ihnen, ein realistisches Selbstbild zu entwickeln. Nirgendwo kann man so gut beobachten, spiegeln und vergleichen wie im Kreise Gleichaltriger.
Und ein guter Freund unterstützt bereits durch seine bloße Anwesenheit. Britische Forscher ließen Testpersonen auf einer Bergtour schätzen, wie steil der Weg ist. Das Ergebnis: Sie hielten die Steigung für zehn bis 20 Prozent geringer, wenn ihr bester Freund dabei war oder sie an ihn dachten. Kinderfreundschaften sind zudem das große Übungsfeld für spätere Beziehungen. Kinder erproben in einer Freundschaft, wie man mit Nähe und Trennung, Streit und großen Gefühlen umgehen kann.
In den etwa 7000 kleinen und großen Konflikten mit Gleichaltrigen, die ein Kind nach Schätzungen von Entwicklungspsychologen jährlich durchzustehen hat, üben sie, sich zu vertragen und Regeln auszuhandeln. Sie lernen, mit Anerkennung oder Ablehnung umzugehen, Rücksicht zu nehmen, sich in andere einzufühlen und sich in der Gruppe zu behaupten.

Problem: selbstständig eine Freundschaft knüpfen

Aber in unserer Welt ist es für Kinder schwieriger geworden, selbstständig
eine Freundschaft anzubahnen und zu pflegen. Kita und Schule sind weiterhin die Orte, an denen Kinder sich treffen und im gemeinsamen Alltag zusammenwachsen können. Aber frei das Miteinander zu gestalten, ist heute seltener möglich als früher, in der Stadt ist es noch schwieriger als in ländlichen Gegenden. Kinder besuchen Ganztagsschulen oder gehen in den Hort. Oft sind die Nachmittage mit festen Terminen wie Sporttraining oder Musikunterricht geblockt. Das gemeinsame Spiel findet häufiger daheim unter elterlicher Aufsicht statt. Der Philosoph und "Kinder an die frische Luft"- Aktivist Andreas Weber sagt: "Früher verboten Eltern ihren Sprösslingen, drinnen herumzutoben. Heute untersagen sie ihnen, vor die Tür zu gehen."

Freundschaft aus dem Netz

Auch das Internet hat das Freundschaftsverhalten verändert: Ab dem Grundschulalter surfen Kinder im Netz. Finden sie dort tatsächlich neue Freunde oder führen sie nur bereits bestehende Freundschaften fort? "Beides", sagt die Kölner Sozialpsychologin Dr. Catarina Katzer, die seit Jahren zum Thema Kinder und Jugendliche im Internet forscht. "47 Prozent der Kinder, die wir befragt haben, sagten, sie hätten im Chatroom tatsächlich ganz neue Freunde kennengelernt. Aber das nachmittägliche Chatten ist auch eine Fortsetzung der vormittäglichen Beziehungspflege auf dem Schulhof."
Im Internet hat der Begriff "Freundschaft" eine andere Bedeutung. "Ohne Frage kommt es hier zu Bekanntschaften, die keinerlei Verbindlichkeit besitzen", sagt Katzer. "Aber man sollte die Bedeutung und die Tiefe dieses Austausches auch nicht unterschätzen. Nur weil er virtuell ist, ist er nicht gleich oberflächlich. Im Internet gibt es ebenso Gruppenprozesse und Cliquenbildung wie im realen Leben."
Aber die Expertin für Cybermobbing warnt auch: "Das Medium bietet die Möglichkeit, sich zu verstellen und ein anderes Aussehen oder Alter vorzutäuschen. Kinder wissen nie sicher, ob ihr Gegenüber wirklich elf oder nicht doch 31 Jahre alt ist." Eltern sollten auf diese Gefahr nicht mit Verboten, sondern mit Dialog und Aufklärung reagieren. Dafür müssen sie sich allerdings für das Medium interessieren. Wer sich etwa von seinen Kindern die Chatrooms erklären lässt, versteht auch besser die Begeisterung dafür. Chatten hinter verschlossenen Türen sollte es aber nicht geben. Geheimnisse zu haben, gehört zwar zu einer guten Freundschaft dazu – die sind aber im realen Leben immer noch am besten aufgehoben.

Und wenn eine Freundschaft zerbricht?

Realitisch sein: Bis ins Grundschulalter sind Freundschaften oft wechselhaft und zeitlich begrenzt. Das ist normal. Spielkompetenz und Verfügbarkeit sind in dieser Zeit noch wichtiger als Loyalität und Treue. Und: Kinder wollen neue Erfahrungen machen. Deshalb wenden sie sich immer wieder anderen Kindern zu, die ihnen neue Impulse geben. Was Erwachsenen vielleicht hartherzig erscheint, ist Teil der Entwicklung.
Trost spenden: Trotzdem, das Ende einer Freundschaft kann richtig schmerzen. Eltern trösten, indem sie Verständnis für Trauer und Zorn zeigen und den Kummer ernst nehmen, ohne einen Schuldigen zu suchen. So helfen sie, dass Kinder ihre Enttäuschung bewältigen und sich wieder in neue Freundschaften wagen.

Bildquelle: Thinkstock,Thikstock

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