Enuresis: Bettnässen bei Kindern

Kleinkind

Enuresis: Bettnässen bei Kindern

Wenn sich Kinder im Alter von fünf Jahren oder älter regelmäßig im Schlaf einnässen, spricht man im medizinischen Sinne von "Enuresis" (griech. für einnässen). Bettnässen zählt zu den häufigsten Störungen im Kindesalter und wird als Erkrankung eingestuft.

Enuresis: Zahlen und Fakten

Enuresis oder auch "Bettnässen" gehört nach Asthma zu den häufigsten Kinderkrankheiten. Laut Studien nässen ungefähr 15 Prozent der 5-Jährigen und 10 Prozent der 7-Jährigen nachts ein. Auch ein Prozent der Jugendlichen und Erwachsenen leidet an Enuresis. Bettnässen betrifft ungefähr doppelt so viele Jungen wie Mädchen.

Das Thema Bettnässen zählt leider nach wie vor zu den Tabuthemen.

Wann spricht man von Bettnässen?

Im Alter von zwei bis drei Jahren lernen Kinder, ihren Stuhlgang zu kontrollieren. Beim Trocken werden erlangen Kinder die Fähigkeit, ihren Harndrang zu spüren, die Toilette zu benutzen und sich letztlich nicht mehr einzunässen. Die meisten Kinder werden im Alter von drei bis vier Jahren komplett trocken.
Viele Kinder schaffen es in diesem Alter zwar tagsüber trocken zu bleiben, nässen aber nachts nach wie vor das Bett ein. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das Bettnässen eine Erkrankung, die behandelt werden muss. Die Internationale Gesellschaft für kindliche Kontinenz (ICCS) hat folgende Kriterien aufgestellt, nach welchen Enuresis bei einem Kind diagnostiziert werden kann:
• Das Kind ist fünf Jahre alt oder älter.
• Das Bettnässen passiert mindestens zwei Mal im Monat.
• Organische Grunderkrankungen wie Diabetes oder Harnwegsentzündungen,
sowie andere medizinische Ursachen können ausgeschlossen werden.

Primäre und sekundäre Enuresis

Unterschieden werden zwei Arten von Bettnässen: die primäre und die sekundäre Enuresis.
Kinder mit einer primären Enuresis waren noch nie für längere Zeit trocken. Die meisten Kinder mit primärer Enuresis werden mit zirka fünf Jahren trocken und nässen nur nachts ein. Folgende Symptome kennzeichnen die primäre Enuresis:
• Das Kind schläft sehr tief und lässt sich schwer aufwecken.
• Das nächtliche Einnässen passiert häufig, oftmals mit großen Mengen Urin.
• Das Einnässen findet nicht am Tag statt.
• Das Kind war vor der Enuresis nie länger als sechs Monate trocken.
• Nur in seltenen Fällen wird die Enuresis von psychischen Symptomen
begleitet.
• Es gibt keinen Hinweis auf organische Missbildungen oder einen
Harnwegsinfekt.
Als sekundäre Enuresis wird das Bettnässen nach einer trockenen Phase, die mindestens sechs Wochen angedauert hat, bezeichnet. Oftmals sind urologische oder psychische Ursachen der Grund für eine sekundäre Enuresis. Häufige Ursachen für eine sekundäre Enuresis sind einschneidende Verluste, wie die Trennung oder Scheidung der Eltern, Todesfälle innerhalb der Familie, die Geburt eines neuen Familienmitglieds oder die Vernachlässigung durch die Eltern. Stress, zum Beispiel in der Schule, kann ebenfalls Auslöser für wiederkehrendes Bettnässen sein.

Ursachen und Therapiemöglichkeiten bei Enuresis

Eine häufige Ursache für das Bettnässen ist die familiäre Veranlagung. In vielen Familien sind mehrere Geschwister, sowie nahe Verwandte wie die Eltern oder Großeltern vom Bettnässen betroffen. Bei primärer Enuresis liegt in vielen Fällen eine genetisch bedingte Reifungsstörung vor, die unter anderem die Kontrolle der Blasenfunktion verzögert.
Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es einen Zusammenhang zwischen Bettnässen und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung). Leidet ein Kind an ADHS, so hat es Schwierigkeiten, bestimmte Reize, wie eben auch den Blasenreiz, im Gehirn richtig zu verarbeiten. Unter Kindern mit ADHS gibt es laut Studien dreimal so viele Fälle, die an Enuresis leiden als bei Gleichaltrigen ohne ADHS.

Ein Mangel an ADH, dem antidiuretischen Hormon, auch Antiwasserlasshormon genannt, ist oftmals der Grund für eine primäre Enuresis. Normalerweise schüttet der Körper nachts verstärkt ADH aus, was wiederum bewirkt, dass der Körper weniger Urin produziert. Bei vielen Bettnässer-Kindern ist die ADH-Produktion gestört. Oftmals schlafen diese Kinder besonders tief und sind nur schwer weckbar.
Als mögliche Ursache für Bettnässen muss auch falsches Trinkverhalten genannt werden. Kinder sollten über den Tag verteilt ausgewogen trinken. Bei Kindern, die zu wenig trinken, kann sich das Wachstum der Blasenkapazität verzögern. Eltern sollten vor allem darauf achten, dass ihre Kinder besonders nachmittags und abends keine oder nur geringe Menge an gezuckerten und koffeinhaltigen Getränken zu sich nehmen.
Psychosoziale Probleme und schwierige familiäre Beziehungen sind nur in seltenen Fällen die Ursache für Bettnässen. Psychische Probleme lösen meistens eine sekundäre Enuresis aus.

Bettnässen: Was können Eltern tun?

Für Eltern ist es wichtig, das Thema Bettnässen nicht zu tabuisieren und mit ihrem Kind offen darüber zu sprechen. Außerdem sollten sie sich darüber im Klaren ein, dass Nicht- oder Falschbehandlung zu chronischer Enuresis führen kann. Dem Kind muss bewusst sein, dass es sich für das Bettnässen nicht schämen muss. Etwa die Hälfte aller Kinder kann die Enuresis in einem Zeitraum von zirka drei Jahren ohne medizinische Unterstützung bewältigen.
Wenn das Problem des Bettnässens länger anhält, sollten Betroffene einen Arzt konsultieren. Je früher man mit einer medizinischen Behandlung und einer vom Arzt vorgeschlagenen Therapie beginnt, desto besser und schneller kann dem Kind geholfen werden.

Therapieformen bei Bettnässen

Verhaltens-/Alarmtherapie
Therapie: Tragen einer Klingelhose oder Einsatz einer Alarmmatratze.
Wirkung/Einsatz: Sobald das Kind nachts einnässt, wird über einen Feuchtigkeitssensor ein lautes akustisches Signal ausgelöst. Durch diese Weckfunktion soll das Kind lernen, auf die Blasenfüllung zu reagieren und die Blase zu konditionieren.
Dauer und Erfolg: Die Klingelhose sollte etwa 16 Wochen eingesetzt werden. Erste Erfolge können sich innerhalb von acht bis zu zwölf Wochen einstellen.
Fazit: Die Klingelhose kann zu einem erfolgreichen Ergebnis führen. Allerdings bedeutet sie durch die ständige Störung der Nachtruhe auch eine starke Belastung für Kind und Eltern.
Kalender führen
Therapie: Führen eines Kalenders, in dem Symbole für trockene und nasse Nächte eingetragen werden.
Wirkung/Einsatz: Trockene Nächte werden mit einer Sonne markiert, nasse Nächte mit einer Wolke, um das Bewusstsein des Kindes für die Blase zu trainieren.
Dauer und Erfolg: Der Miktionskalender sollte unterstützend zu einer weiteren Therapie eingesetzt werden. Die Dauer ist nicht prognostizierbar. Auch der Erfolg ist nicht eindeutig messbar, da der Miktionskalender meist als zusätzliche Maßnahme eingesetzt wird.
Fazit: Der Kalender ist eine gute Methode für das Kind, um (wieder) die Blasenfunktion zu steuern. Er ist aber nur in Kombination mit einer weiteren Therapie zu empfehlen.
➤ Medikamentöse Behandlung
Therapie: Behandlung mit synthetischen Analogen der körpereigenen Substanz ADH (Desmopressin).
Wirkung/Einsatz: Der Wirkstoff Desmopressin ersetzt ADH, das den Wasserhaushalt im Körper kontrolliert und die Harnmenge reguliert.
Dauer und Erfolg: Das Medikament sollte in Absprache mit einem Arzt circa 12 Wochen eingenommen werden. Die Wirkung setzt häufig mit der ersten Tablette ein.
Fazit: Der Einsatz von Medikamenten mit dem Wirkstoff Desmopressin verspricht eine erfolgreiche Behandlung des Bettnässens. Sie werden solange eingenommen, bis der Körper selbst das fehlende ADH produziert. Die Therapie besteht aus drei Phasen: Der Aufbau-, der Erhaltungs- und der Ausschleichphase. Nach einigen Wochen wird bei circa 96 Prozent der Patienten eine endgültige Trockenheit erzielt. Das Therapieschema ist leicht in der Handhabung und völlig kindergerecht.
Psychologische Maßnahmen
Therapie: Psycho- oder Ergotherapie
Wirkung/Einsatz: Stärkung des Selbstbewusstseins der Betroffenen, indem offen über das Bettnässen mit dem Kind gesprochen, gemeinsam eine Therapie ausgewählt und ein entspannter Umgang mit der Problematik praktiziert wird. Motivation und Belohnung des Kindes, statt Drohungen und Bestrafungen, sind hier ausschlaggebend.
Dauer und Erfolg: Die Unterstützung des Kindes ist von hoher Bedeutung und dauert so lange an, bis das Bettnässen Vergangenheit ist. Familiärer Zuspruch und Unterstützung helfen jedem betroffenen Kind - ohne Folgeschäden - das nächtliche Bettnässen schon bald in den Griff zu kriegen.
Fazit: Eltern und betroffene Kinder müssen sich ausreichend informieren und aufklären lassen. Die Initiative Trockene Nacht - Guter Tag bietet hierbei ihre Unterstützung an und hilft auch bei der Arztsuche.
Hinweis: Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung. Für Hilfe sollten sich Eltern zunächst an den Kinderarzt wenden.(tat)

"Das ist doch Absicht!" - Die häufigsten Bettnässer-Mythen

Ein Interview mit Dr. Daniela Marschall-Kehrel, niedergelassene Ärztin für Urologie und Expertin für Einnässen (Enuresis).

„Mein Kind macht mit Absicht ins Bett“

Das ist ein Aberglaube. Nächtliches Bettnässen ist eine Entwicklungsstörung und trifft nur auf Kinder zu, die mindestens fünf Jahre alt sind und wenigstens zweimal pro Monat nachts einnässen.
Man unterscheidet die primäre monosymptomatische Enuresis von der sekundären Enuresis nocturna. Erstere bezeichnet das nächtliche Einnässen während des Schlafes bei gesunden Kindern im Alter ab fünf Jahren, die mindestens zwei nasse Nächte pro Monat haben und noch nie länger als sechs Monate trocken gewesen sind. Die sekundäre Enuresis nocturna ist durch erneutes Einnässen nach einer Trockenphase von mehr als sechs Monaten gekennzeichnet. Diese Form ist oftmals auf psychische Probleme des Kindes, zum Beispiel bei einer Scheidung der Eltern oder bei der Geburt eines Geschwisterkindes, zurückzuführen.

„Ich reduziere die Trinkmenge ab 14.00 Uhr, damit mein Kind nicht einnässt“

Das kann gefährlich werden und führt nicht zum erwünschten Ziel. Ganz im Gegenteil: Es ist für die Nierenfunktion ebenso wie die Herz-Kreislauf- und Hirnfunktion wichtig, dass ein Kind tagsüber ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt. Eine regelmäßige Flüssigkeitszufuhr über den gesamten Tag ist erforderlich für eine normale Nierentätigkeit. Erst eine Stunde vor dem Schlafengehen sollte nichts mehr getrunken werden.
Empfehlenswerte Getränke sind Wasser und Tee. Cola, Fanta und Säfte in größeren Mengen sollten aufgrund des Zuckergehaltes vermieden werden.

„Wenn das Bett wieder nass ist, bestrafe ich mein Kind“

Bitte nicht! Sie sollten Ihrem Kind niemals unterstellen, dass es mit Absicht ins Bett nässt. Bettnässen ist eine Entwicklungsstörung, von der mehr als 640.000 Kinder in Deutschland betroffen sind. Was ihr Kind jetzt braucht, ist professionelle Hilfe und Unterstützung.
Lassen Sie sich gut beraten: zum Beispiel von der Initiative Trockene Nacht - Guter Tag. Sie gibt allgemeine Informationen zum Thema Bettnässen und hilft Ihnen, auch bei der Arztsuche. Denken Sie immer daran: Sie sind nicht allein mit diesem Problem, und es gibt eine Lösung. Es gibt verschiedene Therapien, die helfen, Ihre Kleinen bald wieder trocken schlafen zu lassen.

„Um nicht täglich das Bett neu zu beziehen und Bettzeug zu waschen, ziehe ich meinem Kind Windeln an“

Das Tragen von Windeln hilft das Bett trocken zu halten und ist als Hilfsmittel erlaubt, führt jedoch zu keiner Lösung des Problems. Gerade in einem Alter ab fünf Jahren möchte kein Kind mehr in Windeln schlafen - das war die Babyzeit, die Vergangenheit. Peinlich könnte es vor allem dann werden, wenn es mal bei Freunden übernachtet oder ein Ferienlager besucht.
Suchen Sie einen Arzt auf, der nach der Untersuchung die richtige Therapie auswählt. In den häufigsten Fällen liegt eine Urinüberproduktion vor. Bei einem gesunden Menschen wird nachts die Urinbildung reguliert, indem der Körper das Antiwasserlasshormon ADH produziert. ADH verringert die Urinmenge. Bei den meisten nächtlichen Bettnässern ist diese Produktion gestört bzw. noch nicht voll entwickelt. Der ADH-Spiegel ist somit zu gering, die kindliche Blase kann die große Urinmenge nicht halten und leert sich dann unwillkürlich im Laufe der Nacht.
Hier können zum Beispiel Minirin-Tabletten mit dem Wirkstoff Desmopressin eingesetzt werden, die in der Regel sofort wirken. Über 13 Millionen Kinder wurden bisher weltweit erfolgreich therapiert. Weitere Behandlungsmöglichkeiten sind die Urotherapie (Empfehlung zu Trink-, Wasserlass- und Darmregulation) oder das Tragen einer Klingelhose, die wie ein Weckapparat funktioniert, sobald erste Tröpfchen in die Hose gehen.

„Damit mein Kind lernt, endlich nicht mehr ins Bett zu machen, muss es seine Bettwäsche jeden Tag selbst reinigen“

Das ist wie eine Strafarbeit.Damit unterstellen Sie Ihrem Kind, dass es mit Absicht ins Bett macht und bestrafen es dafür. Dieses Verhalten kann schnell zu einem Teufelskreis führen. Denn Angst vor den Eltern können weitere Konflikte in der Familie hervorrufen und das Selbstbewusstsein des Kindes schwächen. Die Kinder ziehen sich zurück und fühlen sich als Außenseiter, Störenfried und letztendlich einfach ungeliebt.
Diese Verhaltensweisen können dann auch außerhalb des Familienkreises auftreten. Sowohl im Freundeskreis als auch in der Schule. Das geminderte Selbstwertgefühl, die Angst vor Übernachtungen und die Panik, dass irgendjemand das Bettnässen bemerkt oder darüber erzählt, belasten das Kind zunehmend.
Bitte beachten Sie: Mangelndes Selbstbewusstsein und auffälliges Verhalten ist keineswegs Ursache, sondern vielmehr Resultat kindlichen Bettnässens. Eine professionelle Beratung, ein Besuch beim Arzt und eine frühzeitige Therapie können den Kindern diesen Teufelskreis ersparen.

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