Ein Baby braucht Rhythmus und Rituale

Entwicklung & Beziehung

Ein Baby braucht Rhythmus und Rituale

Ein Baby braucht noch keine Grenzen und Regeln, sondern einen Rhythmus und Rituale - damit legen Eltern mit der Erziehung den Grundstein für einen guten Start ins Leben

Rituale helfen Babys durch den Alltag

Viele junge Eltern fragen sich: Wann beginnt Erziehung? Ab wann müssen wir Grenzen setzen und Regeln einführen? Konkret heißt das im ersten Lebensjahr zum Beispiel: Wie lernt mein Baby möglichst schnell, alleine ein- und durchzuschlafen, ein „Nein“ zu akzeptieren, sich einen Augenblick zu gedulden? Und wo verlange ich zu viel von ihm? Bis in die 60er Jahre gab es klare Antworten: Ein Baby wurde alle 4 Stunden gestillt oder bekam am besten gleich die Flasche! Möglichst schnell sollte das Baby lernen, durchzuschlafen und trocken zu werden - auch, wenn das nicht ohne Tränen abging. Ein bisschen Schreien schadet nicht, fand man. Ende der 60er Jahre wollten viele Eltern eine Alternative zu diesem Erziehungsstil: Das Baby sollte am Anfang seines Lebens am besten gar keine Einschränkungen erfahren. Heute suchen Eltern den goldenen Mittelweg. „Wir wollen Leon so viel Liebe und Förderung geben, wie er braucht. Er soll seine Persönlichkeit frei entfalten können. Aber uns sind auch Geduld und Rücksichtnahme wichtig. Er soll kein verzogener Tyrann werden, der sich und andere nervt“, sagen die Eltern Kerstin und Knut. Die wissenschaftliche Erforschung der frühkindlichen Entwicklung hat enorme Fortschritte gemacht. Und so weiß man heute viel darüber, was ein Baby wann lernen, verstehen und leisten kann. Und was nicht! „Die körperliche und die geistige Entwicklung sind im ersten Jahr noch ganz eng miteinander verbunden“, sagt Helga Joswig, Professorin für Lern- und Entwicklungspsychologie an der Uni Rostock. „Um bestimmte geistige und soziale Entwicklungsschritte machen zu können, bedarf es der entsprechenden körperlichen Reife.“ Ein Beispiel: Erst wenn sich bestimmte Nervenbahnen zwischen Rückenmark und Gehirn ausgebildet haben, kann ein Baby lernen, seine Blase wirklich selbst zu kontrollieren. Alle ausgeklügelten Erziehungsmaßnahmen, die diesen Prozess beschleunigen sollen, sind nichts weiter als Dressur. „Gerade im ersten Jahr muss man den Begriff ,Erziehung' ganz umfassend verstehen. Sie ist in dieser Phase weniger verbale Belehrung, Weisung und Grenzsetzung, sondern bedeutet vor allem, dem Baby Zuwendung und Sicherheit zu schenken“, sagt Helga Joswig. „Geborgenheitsempfindungen sind ganz entscheidend für Entwicklung von Wahrnehmung und Persönlichkeit.“ Ein Baby kann noch keine Regeln verstehen. Aber das Baby kann sie später leichter lernen, wenn es von Geburt an einen gewissen Rhythmus erlebt. Regelmäßigkeit ist sozusagen die Vorform von Regeln. Die Britin Rachel Waddilove hat lange Jahre als Nanny gearbeitet - unter anderem für die Hollywoodschauspielerin Gwyneth Paltrow - und Bücher über Baby-Pflege geschrieben. Sie rät Eltern zu möglichst viel Routine von Anfang an. „Meine Erfahrung nach 30 Jahren Baby-Pflege ist, dass Babys besser schlafen, essen und zufriedener sind, wenn sie von Geburt an eine geregelte Struktur erleben“, so die dreifache Mutter und Großmutter von 4 Enkeln.

Lernprozess beim Baby durch Lob unterstützen

Lernprozess beim Baby durch Lob unterstützen

Sobald Babys robben oder krabbeln können, verwandeln sie sich in begeisterte Entdecker. Auf ihren Abenteuertouren stoßen sie natürlich immer wieder an Grenzen. Sei es, weil sie selbst in Gefahr geraten oder sie etwas kaputt machen könnten. Auf ein elterliches „Nein“ können sie im ersten Lebensjahr jedoch nur reflexhaft reagieren. Sie hören den Tonfall und den Klang des Wortes - und halten, wenn es gut läuft, inne. Doch bei nächster Gelegenheit werden sie wieder nachschauen wollen, was wohl im Inneren des Blumentopfs zu finden ist. Transferleistungen wie: „Mama hat einmal bei einem Blumentopf Nein gesagt. Also darf ich grundsätzlich nicht in diesem und auch nicht in anderen Blumentöpfen wühlen“, kann ein Baby noch nicht leisten. Wenn es immer wieder auf den Blumentopf zusteuert, dann tut es dies aus Neugier, nicht aber, weil es ungehorsam ist oder um die Eltern zu ärgern. „Strafen sind in solchen Situationen ganz unangebracht. Das Baby kann den Sinn solcher Maßnahmen nicht verstehen. Statt zu einem Lernprozess führen sie nur zu Frustrationen“, so Helga Joswig. Der Forscherdrang eines Babys kollidiert manchmal mit dem Ordnungssinn der Eltern. Aber er ist grundsätzlich etwas sehr Positives, das es zu fördern gilt. „Eltern sollten so viel wie möglich mit Lob arbeiten und richtiges Verhalten positiv bestärken“, sagt die Entwicklungspsychologin.

Regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten fürs Baby

Regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten fürs Baby

„Konsequenz im ersten Lebensjahr heißt vor allen Dingen: möglichst regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten, viele Rituale und eine vertraute Umgebung. Aber bestimmt nicht, einen Säugling schreien zu lassen oder bereits Auszeiten von ihm zu nehmen“, sagt Helga Joswig. Diese Einschätzung bestätigen auch aktuelle Studien an der University of London: Werden weinende Säuglinge in den ersten Lebenswochen beim ersten Laut getröstet, weinen sie in den darauffolgenden Monaten um die Hälfte weniger als Kinder, deren Eltern später reagierten. Ununterbrochen auf dem Arm haben müssen Eltern ihre Babys aber nicht. Die Länge des Körperkontakts hatte keine Auswirkung auf die Schreidauer, stellte das Team um den Kinderpsychologen Ian St. James-Roberts fest. Auf eines können sich Eltern verlassen: Bis etwa zum 8. Lebensmonat schreit ein Baby nie ohne guten Grund. Sie sind dann müde oder hungrig, haben Schmerzen, Ängste oder fühlen sich einsam oder unwohl. Kurzum: Momente, in denen sie elterliche Zuwendung und Trost wirklich brauchen. Babys haben in den ersten Monaten noch keine Zeitvorstellung wie wir und sie wissen nicht, dass die Welt nicht untergeht, wenn sie ein paar Minuten auf Mama oder Papa warten müssen. Erst gegen Ende des ersten Lebensjahres entwickeln sie ein Bewusstsein, dass andere Menschen auf ihre Äußerungen reagieren, und setzen ihr Schreien schon mal „strategisch“ ein. Wenn sie bis dahin eine sichere, vertrauensvolle Beziehung zu ihren Eltern aufgebaut haben, lassen sie sich dann aber schon mit einem freundlichen Ruf aus dem Nachbarzimmer ein wenig vertrösten.

Bedürfnisse des Babys beobachten

Bedürfnisse des Babys beobachten

Ein Rhythmus, der Eltern und Kindern guttut, entsteht am ehesten, wenn Eltern ihr Baby und seine Bedürfnisse aufmerksam beobachten. Schon nach einigen Wochen stellen die meisten Eltern fest, dass ihr Baby so etwas wie Schlaf- und Trinkzeiten entwickelt und zu bestimmten Zeiten besonders wach und aufmerksam ist. Wenn die Eltern ihr Baby darin unterstützen, indem sie zu den entsprechenden Zeiten mit ihm spielen, es hinlegen oder eine Mahlzeit planen, pendelt sich ein immer festerer Tagesablauf ein. Rituale sind dabei eine prima Unterstützung. Aber Eltern sollten am Anfang noch nicht zu viel erwarten. Der Freiburger Psychologe und Schlafexperte Dr. Ulrich Rabenschlag sagt etwa: „In den ersten 3 Monaten gibt es noch keine Regelmäßigkeit, erst ab dem 4. Monat entwickelt sich das Schlafzentrum langsam so weit, dass sich so etwas wie ein Rhythmus zeigt. Aber darauf kann man sich noch gar nicht verlassen, mal schläft das Baby 3 Tage hintereinander um die gleiche Stunde ein, dann wieder nicht. Die Reifung des Schlafzentrums ist genetisch bedingt.“ Konsequente Schlaf-Erziehung bringt am Anfang also wenig, höchstens Frust. Ab etwa dem 4. Monat verlagert sich der Schlaf langsam in die Dunkelheit. Bei dieser „Anpassungsarbeit“ können die Eltern ihr Baby sanft unterstützen, indem sie es zwischen 21 und 23 Uhr zum letzen Mal füttern und wickeln und es dann mit einem Ritual ins Bettchen legen. Es ist aber noch zu früh, um Einschlafen zwingend zu erwarten. Erst ab dem 6. Monat können Kinder langsam feste Schlafenszeiten mitmachen.

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