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Ein Mädchen, bitte! – Die Sache mit dem Wunschgeschlecht

Untersuchungen

Ein Mädchen, bitte! – Die Sache mit dem Wunschgeschlecht

Mädchen oder Junge – eine Präferenz haben sicherlich viele werdende Eltern, doch letztendlich lässt sich die Natur da nicht beeinflussen. Oder doch? Künstliche Befruchtung und amerikanische Ärzte machen es möglich, das Wunschgeschlecht zu bekommen.

"Am wichtigsten ist doch, dass es gesund ist", das ist wohl der Satz, der am häufigsten fällt, wenn es um die Frage nach dem Geschlecht des Nachwuchses geht. Der Kern der Aussage stimmt so natürlich auch. Und doch: Ganz insgeheim haben viele von uns doch eine kleine Vorliebe, was das Geschlecht der eigenen Kinder angeht. Sei es, dass man bereits drei Söhne hat und sich deswegen jetzt ein kleines Mädchen wünscht. Sei es, dass man selbst ein junggebliebener Rabauke ist und sich deswegen einen kleinen Abenteurer wünscht. Oft sind es einfach kleine Präferenzen, die im Großen und Ganzen eh unerheblich sind, denn aussuchen kann man sich das Geschlecht des Nachwuchses eben nicht. Bis jetzt – zumindest in Deutschland.

Präimplantationsdiagnostik: Geschlecht nach Wunsch

In den USA und in wenigen anderen Ländern ermöglichen es Ärzte ihren Klienten, bei künstlichen Befruchtungen nach dem Geschlecht auszusieben. Die Planung des Geschlechts erfolgt also in vitro, das heißt mit Hilfe der Reagenzglas-Befruchtung.
Ein kleiner biologischer Einschub: Über das Geschlecht des Nachwuchses bestimmt in jedem Fall das Sperma des Mannes. Die Eizelle der Frau trägt nämlich immer ein X-Chromosom in sich. Je nach dem welche Samenzelle des Mannes die Eizelle befruchtet, verschmelzen Eizelle und Samen entweder zu einer XX- (also einer weiblichen) oder zu einer XY- (also einer männlichen) -Kombination.

Sortiermaschinen für Spermien

Um das Geschlecht des Embryos bei einer künstlichen Befruchtung zu bestimmen, haben Forscher sogenannte Sortiermaschinen für Spermien entwickelt, um das Wunschgeschlecht zu bekommen. Diese Maschinen können Spermien, die ein X-Chromosom tragen, von denen mit einem Y-Chromosom trennen. Das Ergebnis ist recht zuverlässig: Spermien mit weiblichen Erbgut können bereits mit einer Zuverlässigkeit von 93% erkannt und herausgefiltert werden. Männliche Spermien allerdings nur mit einer 73-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Sortierungsmerkmal ist die um 2,8 Prozent höhere DNA-Menge der weiblichen Spermien.

Eine andere und die am weitesten verbreitete Methode greift etwas später im Prozess der In-Vitro-Behandlung ein: Es werden per In-vitro-Fertilisation mehrere Embryonen gezeugt. Danach wird im Vierzell- oder Achtzell-Stadium jedem Embryo eine einzelne Zelle entnommen und genetisch untersucht, wie es auch bei anderen Arten der Präimplantationsdiagnostik der Fall ist, um z.B. Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder Glasknochenkrankheit auszuschließen. Unter dem Neonlicht-Mikroskop kommt dann das Geschlecht des Embryos zum Vorschein: die weiblichen Zellen leuchten rosarot und die männlichen hellblau.

Jeffrey Steinberg, einer der renommiertesten amerikanischen Reproduktionsmediziner und Arzt an den Fertility Institutes in Los Angeles und New York, garantiert seinen Kunden mit Hilfe dieser Methode ein Baby mit dem gewünschten Geschlecht – und macht damit ein Millionen-Geschäft. Pro Jahr sorgt der Mediziner so für rund 420 Babys mit Wunschgeschlecht. "Für viele Patienten gehört es zum Lifestyle, die Familie geschlechtlich auszubalancieren", erzählt der Reproduktionsmediziner der Frankfurter Allgemeinen. Auf Englisch hat dieses "Ausbalancieren" übrigens auch schon einen Namen: family balancing.

Wunschgeschlecht in Deutschland verboten

In Deutschland ist die Trennung menschlicher Spermien nicht erlaubt. Und auch wenn die Präimplantationsdiagnostik (die auch nur in Ausnahmefällen erlaubt ist) schon zu Beginn einer Schwangerschaft, beziehungsweise schon vor dem Einsetzen des Embryos, die Geschlechtsbestimmung möglich machen würde, dürfen Mediziner vor der 12. SSW nicht sagen, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen wird. Bis also die Frist für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch abgelaufen ist, ist die Bekanntgabe des Geschlechts ausdrücklich verboten.

Die negativen Folgen der Geschlechtsselektion

Geschlechtsselektion ist unter anderem in Teilen der USA, in Zypern, in Mexiko, Thailand, der Ukraine und seit 2013 auch in der Schweiz legal. In anderen Ländern wird die Geschlechtsselektion zum Urlaubsziel oder das Geschlecht wird auf illegale Weise bestimmt – wie es in Indien häufig der Fall ist. Seit 1994 ist es dort Medizinern eigentlich untersagt, das Geschlecht eines Fötus der schwangeren Frau zu enthüllen. Trotzdem sind Abtreibungen weiblicher Föten in den letzten Jahren immer häufiger geworden. Genauso wie in China, wo die gezielte Reagenzglas-Befruchtung auf eine Ein-Kind-Politik traf. In beiden Ländern entwickelte sich bereits ein demografisches Ungleichgewicht, denn es sind die weibliche Embryos, die häufiger abgetrieben werden. So herrscht in beiden Ländern ein massiver Frauenmangel.

Dies hat zur Folge, dass sich rapide ein bedeutendes Ungleichgewicht in der Gesellschaft herausbildet. In Indien gibt es heutzutage beispielsweise etwa 50 Millionen mehr Männer als Frauen. Wenn das aktuelle Niveau der Geschlechterselektion bestehen bleibt, werden fast 10 Prozent der indischen Männer im Alter von 50 Jahren bald alleinstehend sein werden.  Außerdem nehmen in Indien schon heute Gewalt, Vergewaltigungen, Kinderehen und sexuelle Belästigungen rasant zu.

Das Unplanbare planbar machen

Angesichts dieser Tatsachen stellt sich die Frage der ethischen Bedeutung der Geschlechtsselektion. Möchte man die Bevorzugung des einen Geschlechtes zu Lasten des anderen wirklich fördern? Noch dazu, wenn es zu gesellschaftspolitischen Konsequenzen wie in China oder Indien führen könnte?

Andererseits, warum sollte das Geschlecht kein Selektionsgrund sein? Was macht überhaupt einen „guten“ Selektionsgrund aus? Ist es gerechtfertigt einem Embryo mit Behinderungen weniger Wert beizumessen als einem gesunden? Müssten wir, wenn wir Geschlechterselektion hinterfragen, nicht auch den generellen Drang zum Perfektionismus hinter der immer ausdifferenzierteren Fortpflanzungsdiagnostik ebenso hinterfragen?

John Steinberg bezeichnet sich übrigens selbst als "Assistent Gottes", der Hand in Hand mit ihm arbeitet. In der Tat ist der Mediziner für viele Familien wohl eine Art Heilbringer, der einen Jungen oder eine Tochter liefert, wenn die Natur nicht mitspielen konnte. Denn wie sehr die betroffenen Eltern wirklich darunter leiden, keinen Sohn oder keine Tochter auf die Welt zu bringen, können nur die Eltern selbst wissen. Wäre es deshalb nicht anmaßend über das Leid dieser Eltern zu urteilen?

Trotzdem: Die Bestimmung des Geschlechts, die Vorselektion des Embryos, dies alles scheint dazu da zu sein, die eigenen Phantasien und Glaubenssätze erlebbar zu machen. „Der Sohn wird sich später mal um uns kümmern und das Geschäft übernehmen, die Tochter wird dagegen weggehen.“ „Mein Mädchen kann ich rosa anziehen und zu meiner besten Freundin machen, für Jungssachen interessiere ich mich nicht.“ Als wäre es möglich, den Lebenslauf des Kindes schon vorherzubestimmen. Das Unkontrollierbare vorhersagbar, gar kontrollierbar zu machen.

Bildquelle: tonefotografia/ Getty Images

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