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Christinas Wochenbett­psychose: "In meiner Vorstellung war ich Messias, CEO, Muse & Bundeskanzlerin"

Christinas Wochenbett­psychose: "In meiner Vorstellung war ich Messias, CEO, Muse & Bundeskanzlerin"

Erlebnisbericht

Unsere Kollegin Christina hat eine Wochenbettpsychose erlitten. Genau genommen waren es zuerst eine Psychose, dann eine Manie, dann eine Depression. Sie verbrachte drei Wochen auf der Geschlossenen und möchte mit ihrer Geschichte zur Mental Awareness rund um die Geburt beitragen.

Bis kurz vor der Geburt meines ersten Kindes, hatte ich mir über den Begriff „Wochenbett“ noch nie Gedanken gemacht. Er bezeichnet die erste Zeit nach der Geburt, in denen sich der mütterliche Körper erholt und zurückbildet. Als frischgebackene Mama blutet man weiterhin stark und hat Wehen. Das ist gut, denn das heißt, dass sich die Gebärmutter zurückbildet.

Als „Erstgebärende“ (auch diesen Begriff hatte ich zuvor noch nicht gehört) wusste ich jedoch nicht, wie sich dieses Wochenbett in meinem Körper anfühlen soll. Ich hatte viel Blut verloren und musste an den Eisentropf. War wirklich alles in Ordnung mit mir? Diese Unsicherheit hat mich wahnsinnig gemacht. Dazu kamen der Hormoncocktail der Geburt, Zukunftsängste und Schlafentzug.

All diese Faktoren zusammen haben bei mir eine sogenannte „postpartale“ („nach der Geburt“) psychische Störung ausgelöst. Ich hatte zuerst eine Psychose, dann eine manische Phase und dann eine Depression.

Aber alles der Reihe nach. Vollgepumpt mit dem Hormoncocktail der Schwangerschaft und nach 72 Stunden quasi ohne Schlaf (junge Eltern kennen das) entwickelte ich plötzlich die Wahnvorstellung, ich sei der neue Messias. Ja, richtig gelesen, sowas wie Jesus – nur eben weiblich.

Darum dachte ich in meiner Wochenbettpsychose wirklich, ich sei der neue Messias …

Ich hatte eine Traumschwangerschaft gehabt, gefolgt von einer Geburt, die (fast) genau nach meinem Plan gelaufen war: Ohne PDA und ohne Kaiserschnitt hatte ich nach (zugegeben recht langen) 17 Stunden ein kerngesundes Kind auf die Welt gebracht. Alles war perfekt: mein Mann, das Haus, der kleine Wonneproppen.

Der alles entscheidende Gedanke war: ALLES IST PERFEKT.

Christina

Der alles entscheidende Gedanke war: ALLES IST PERFEKT. Wenn ich jetzt sterben müsste, dann wäre ich bereit zu gehen. Oh nein… Von hier aus ging das durch den Schlafmangel befeuerte Gedankenkarussell los: "Vielleicht muss ich jetzt tatsächlich sterben?" – "Ist bei der Geburt doch etwas schief gelaufen?" – "Wenn ich meinen eigenen Tod jetzt vorhersehen kann, gibt mir Gott doch gerade eine besondere Aufgabe, oder nicht?" – "Ich bin der neue Messias!" – "Zuerst ein Mann als Befreier (Jesus!), dann eine Frau, die gerade ein Kind bekommen hat – total logisch!" Schlafentzug ist nicht umsonst eine Foltermethode. Wie unter Drogen fantasierte ich immer wilder.

Zum Glück hat mein Mann reagiert und unsere Hebamme und den Krankenwagen gerufen (danke!). Die Sanitäter konnten mir überzeugend erklären, dass ich nicht sterben müsse. Die Hilfe, die sie mir anboten, habe ich angenommen und mich einliefern lassen – in die geschlossene Abteilung einer auf psychische Erkrankungen spezialisierten Klinik. Die absolut richtige Entscheidung.

Zufall oder kein Zufall?

Auf der Geschlossenen habe ich – nach einer kurzen manischen Phase („Hurra, als Messias kann ich das Judentum befreien und den Weltfrieden herbeiführen!“) – bald 'herausgefunden', dass ich tatsächlich nicht der neue Jesus bin. Auf diese Erkenntnis reagierte ich dann mit einer Depression: „Da ich nicht der Messias bin, wird aus dem Weltfrieden ja wohl anscheinend erstmal nichts. Außerdem bin ich gerade auf der Geschlossenen und mein Kind wächst ohne mich auf!“.

Da ich nicht der Messias bin, wird aus dem Weltfrieden ja wohl anscheinend erstmal nichts. Außerdem bin ich gerade auf der Geschlossenen und mein Kind wächst ohne mich auf!

Christina

Am Anfang ging in der Klinik das Gedankenkarussell zunächst einmal weiter. Wochenbettpsychose und Manie mischten sich. Wenn man manisch ist, ploppen quasi im Sekundentakt neue Gedanken und Ideen auf und man versucht alles zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. Viele der Ideen sind gut, doch man verzettelt sich immer mehr, sodass andere dem Wirrwarr nicht mehr folgen können.

Denkt man die Idee zu Ende, ist man am Ende immer etwas Großes – in meiner Vorstellung war ich unter anderem Messias, CEO eines Konzerns, Bundeskanzlerin, eine göttliche Muse, Sol und weitere Gottheiten. Einmal dachte ich auch, ich müsse Päpstin werden (Frauen an die Macht!). Da meine verstorbene Großmutter sehr christlich war und sie mein persönlicher Schutzengel ist, klang diese Karriereoption für mich zeitweise sehr verlockend. In diesem Moment glaubte ich, dass es keine Zufälle gebe und das Schicksal mir mitteilen wollte, dass ich etwas Besonderes sei.

In meiner Vorstellung war ich unter anderem Messias, CEO eines Konzerns, Bundeskanzlerin, eine göttliche Muse, Sol und weitere Gottheiten. Einmal dachte ich auch, ich müsse Päpstin werden

Christina

In der Klinik gab es einige Mitpatient*innen, die Ähnliches erlebt hatten. Ich kann mir vorstellen, dass sie gerne anonym bleiben möchten. Dennoch möchte ich ein Danke an alle richten, die mir auf der Geschlossenen begegnet sind: Ich habe dort viele besondere und vor allem hochintelligente Menschen kennengelernt, die gerade einfach eine schwere Zeit durchmachen.

Das Klinikpersonal hat mich mit der richtigen Medikation, Musik und einem offenen Ohr zur rechten Zeit ebenfalls durch meine postpartale Störung begleitet. Danke! Danke auch an meine fantastische Familie, die sich so fantastisch um meinen Sohn gekümmert und meine beste Freundin, die immer für mich da ist. Es hilft einfach ungemein über das Erlebte sprechen – oder schreiben – zu können.

Zum Glück bin ich nicht der Messias!

Heute, einige Wochen nach der Wochenbettpsychose, denke ich mir, „zum Glück bin ich nicht der Messias!“ Denn ich möchte nie so berühmt und unter Druck sein müssen wie Jesus. Der arme Kerl. Mutter sein reicht mir vorerst mal, das ist eine verdammt wichtige Aufgabe. Für zukünftige „große“ Ideen habe ich mir übrigens meinen Ehemann ins Boot geholt: Er darf mir dann ehrlich sagen, ob der Geistesblitz für die Tonne ist oder nicht.

Christina erholt sich gerade von den Erlebnisse nach der Geburt und konzentriert sich darauf Mutter zu sein. Tausende Frauen erleben jedes Jahr in Wochenbettpsychosen Ähnliches wie Christina. Diesen Artikel zu schreiben hat ihr geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. Wir wünschen ihr – und allen anderen Mamas, die gerade mit Psychosen, Postnatalen Depressionen oder anderen mentalen Issues zu kämpfen haben – viel Kraft und ein verständnisvolles Umfeld.

Wie fit ist dein Beckenboden?

Bildquelle: Getty Images/ Jelena Stanojkovic

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