Schule in Bremen klagt gegen Inklusion

In Deutschland sollen Kinder mit und ohne Behinderung – soweit möglich – grundsätzlich gemeinsam unterrichtet und gefördert werden. In Bremen zieht nun die Direktorin einer Schule vor Gericht, weil sie keine behinderten Schüler an ihrem Gymnasium aufnehmen will.


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Eine Bremer Schulleiterin reicht Klage ein



Schule klagt gegen Inklusion


© iStock
Eigentlich ist das Gymnasium Horn in Bremen eine ganz normale Schule: Etwa 1100 Schüler besuchen dort tagaus tagein den Unterricht und bereiten sich auf das Abitur vor. Auch hat das Gymnasium einiges zu bieten, das es bei Eltern und Schülern besonders beliebt macht: Zusätzlich zum Abitur kann auch das französische Baccaleauréat abgelegt werden, es gibt zahlreiche Austauschprogramme, vielfältige AGs und regelmäßige Exkursionen.

Dennoch ist die Bremer Schule nun durch negative Schlagzeilen bekannt geworden. Die Schulleiterin des Gymnasiums, Christel Kelm, hat eine Klage gegen die Bildungsbehörde eingelegt. Der Grund: Sie möchte verhindern, dass an der Schule eine Inklusionsklasse eingerichtet wird, in welcher sowohl Schüler mit Gymnasialempfehlung als auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden.

Nach Bekanntwerden dieser Klage brach eine Welle der Kritik auf die Direktorin und ihre Schule ein. Verbände, Politiker und Privatpersonen reagierten mit Unverständnis. Gerechtfertigter Weise?
Einmaliges Vorgehen

Da Gespräche zu dem Thema erfolglos verliefen, wurde die Klage im März beim Verwaltungsgericht eingereicht – und stellt damit ein Novum dar. Noch nie hat in Bremen eine Schule gegen die eigene Senatorin, die eigene Bildungsbehörde geklagt. "Uns sind keine weiteren solche Fälle bekannt", sagte Sprecher der Kultusministerkonferenz Torsten Heil dem SPIEGEL.

Kritik an dem Inklusionsmodell gab es schon früher – von Eltern, Politikern und Lehrkräften, aber die Klage der Direktorin verleiht der Diskussion eine neue Dringlichkeit. Denn kommt es zum Prozess, geht es nicht nur um die Zukunft des Bremer Gymnasiums, sondern um die prinzipielle Inklusion von Schülern mit Behinderung an Gymnasien.

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Eklat für die Bildungsbehörde

Mit ihrer Klage gegen die eigene Bildungsbehörde beruft sich Christel Kelm auf das Schulgesetz in Bremen, das besagt, dass der "Unterricht in der Oberschule […] die Neigungen und die Lernfähigkeit der […] Schüler [...] auf unterschiedlichen Anforderungsniveaus [berücksichtigt]". Nach der Ansicht der Rektorin sind genau diese Anforderungsniveaus für Kinder mit schweren geistigen Behinderungen nicht zu erreichen.

Christel Kelm möchte sich nicht weiter zu ihrer Klage äußern und auch die Bildungsbehörde hält sich bedeckt und verweist auf folgendes Statement: "Wir sind der Auffassung, dass die Einrichtung des W&E-Standortes ein zulässiger innerdienstlicher Organisationsakt ist, der auch mit der Schulform des Gymnasiums vereinbar ist. Gymnasien führen zu allen Abschlüssen (§ 20 SchulG) und können auch ein Allgemeines Zeugnis erteilen."
Anrecht auf Unterricht

In Bremen gibt es bereits zwei Gymnasien, in denen in Inklusionsklassen erfolgreich gelehrt und gelernt wird. Doch den Bedarf an Plätzen können diese beiden Schulen kaum decken. Nach der Auflösung eines Großteils der sonderpädagogischen Förderzentren in Bremen wird nun der Ansatz der Inklusion mit Nachdruck verfolgt.

Dabei geht es nicht nur um Kinder mit schweren geistigen Behinderungen, sondern auch um Schüler mit körperlichen Behinderungen oder Kindern aus dem Autismus-Spektrum. Diese Schüler haben genauso das Recht wie andere, einen Schulplatz in ihrer Nähe wahrnehmen zu können.
Nach der Klage hagelt es Kritik

"Den Ausgrenzungen behinderter Menschen in Schulen müssen dringend Grenzen gesetzt werden", sagte Landesbehindertenbeauftragter Joachim Steinbrück dem epd. Der nach deutschem Recht und UN-Behindertenrechtskonvention gültige Auftrag zur Inklusion sei seiner Ansicht nach auch für Gymnasien gültig.

Die Sprecherin von Senatorin Claudia Bogedan, Annette Kemp, erläutert in einem Gespräch mit dem Weser Kurier: „Wir sind der Auffassung, dass die Einrichtung des W+E-Standortes ein zulässiger innerdienstlicher Organisationsakt ist, der auch mit der Schulform des Gymnasiums vereinbar ist und an den Gymnasien Vegesack und Links der Weser erfolgreich praktiziert wird.“

Auch der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft, Matthias Güldner, hält die Inklusion von Menschen mit Behinderung für eine verbindliche Aufgabe für alle Schulen. "Bei der inklusiven Beschulung an Gymnasien geht es auch darum, Kindern mit Förderbedarf eine wohnortnahe Beschulung zu ermöglichen." 


Kritik an Inklusionsklassen

Trotz aller Kritik am Klageweg des Gymnasiums verdeutlicht die Schule damit etwas, was schon vorher immer wieder zur Debatte stand, denn die Inklusionsklassen sind selbst nicht ohne Kritik.

In einer sogenannten W+E-Klasse (das heißt, eine Klasse mit Kindern mit besonderem Förderbedarf "Wahrnehmung und Entwicklung") sollen um die 19 Schüler mit Gymnasialempfehlung und fünf W+E-Kinder zusammen unterrichtet werden. Der Klassenumfang ist also geringer als bei regulären Klassen, doch trotzdem sind dies noch zu viele Schüler, die auf eine Lehrkraft kommen. Natürlich herrscht in Schulklassen immer eine gewisse Heterogenität, doch sitzen in einer Klasse zu viele Schüler mit komplett unterschiedlichen Voraussetzungen, kann die Lehrkraft dies meist gar nicht wirklich abdecken.

Was fehlt, sind Gelder und Ressourcen
– ohne sie kann die Inklusion nicht gelingen, so drei Lehrer aus Kassel, die im Jahre 2014 in einem offenen Brief auf die Missstände beim Thema Inklusion aufmerksam machten. Anfang 2017 hatten auch bereits 52 Städte und Gemeinden gegen das Land Nordrhein-Westfalen geklagt und mehr Geld für die Inklusion gefordert. Doch die Klage scheiterte aus formalen Gründen.

Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Marco Tullner, sagt in einem Gespräch mit dem SPIEGEL: "Förderschulen in Deutschland sind ein hohes Gut, das wir in der Inklusionsdebatte leichtfertig aufs Spiel gesetzt haben." Seiner Meinung nach seien sowohl die Lehrer als auch die Kinder mit der Situation in Inklusionsklassen überfordert.

In der Tat sind es nicht nur die Lehrer, die sich in Inklusionsklassen mit einer schwierigen Situation konfrontiert sehen, auch die Schüler haben zu kämpfen – W+E Schüler sowie reguläre Gymnasiasten. Denn es ist sehr gut möglich, dass in Inklusionsklassen beide Schülerschaften zu kurz kommen.

Erfahrungsgemäß wird es in solchen Klassen immer Ungleichheiten geben. Ein Fünftklässler mag zwar rational verstehen, dass er den Pausendienst machen muss, weil es sein im Rollstuhlsitzender Mitschüler nicht kann, aber das hält ihn nicht davon ab, sich auf der emotionalen Ebene ungerecht behandelt zu sehen. Warum muss ich immer den Aufräumdienst machen und nicht Thomas? Warum zählt bei mir jeder einzelne Rechtschreibfehler und bei Lara nicht? Diese Gedanken drängen sich auf, ohne dass es den Kindern wirklich bewusst ist. Und so kann es schnell passieren, dass in einer Klasse, in der Inklusion groß geschrieben werden sollte, genau das Gegenteil geschieht: Es kommt zu Konflikten. Die Klassengemeinschaft spaltet sich in Grüppchen. Sonderbehandlungen werden "bestraft". Schüler mit Behinderungen werden so oft zu Außenseitern. Fatale Auswirkung auf das Klassenklima, auf die Psyche der Kinder und letztlich auch auf den Lernerfolg sind die Folge.

Ohne Frage, Inklusion ist nicht nur ein wichtiges Thema, sondern eine Notwendigkeit, doch lassen sich die Argumente der Kritiker von Inklusionsklassen nicht von der Hand weisen. Doch ist es nicht damit getan, Kinder mit Gymnasialempfehlung und Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf wild durcheinander zu mischen und in eine Klasse zu pferchen. Denn an oberster Stelle sollte immer das Wohl des Kindes stehen und W+E-Kinder sowie reguläre Schüler verdienen mehr. Mehr Ressourcen. Mehr Betreuung. Mehr Reflexion. Und vor allem mehr Zeit. Inklusionsklassen sind nichts, was sich mit aller Hast übers Knie brechen lässt. Und unsere Kinder haben es verdient, dass sie nicht Opfer von Experimenten werden, sondern einen Start in die Zukunft bekommen, der auf ihre Bedürfnisse angepasst ist.

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von Nicole Metz




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