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Alle Kitas auf? Das sagt eine Erzieherin dazu!

Aus dem Leben

Alle Kitas auf? Das sagt eine Erzieherin dazu!

Die Rückkehr in den Regelbetrieb bei Schulen und Kitas hat begonnen. Und wo schon wir Eltern unsicher sind, da ist die Frage nicht weit: Wie finden eigentlich die pädagogischen Fachkräfte unserer Kinder diese Entscheidung? Wir haben einfach mal nachgefragt.

Die Schulen öffnen spätestens nach den Sommerferien wieder für alle, die Kitas sind bereits früher wieder im normalen Betrieb. Schon für viele Familien ist es eine Gradwanderung, ob sie ihre Kinder zurück in die Einrichtungen schicken. Es gibt eine Schulpflicht, daran lässt sich nicht rütteln. Bei der Rückkehr in die Kita können die Eltern noch selbst entscheiden, allerdings sind auch sie häufig vielen Zwängen unterlegen.

Wie geht es eigentlich den Erzieher*innen?

Nun haben wir auf familie.de schon viel über Eltern und ihre angespannte Situation berichtet, immerhin kennen wir Redakteurinnen das ja aus dem eigenen Alltag. Aber was bis jetzt fehlte, war der Einblick der "anderen" Seite. Wie geht es eigentlich den pädagogischen Fachkräften mit all den Lockerungen? Wir haben Carola dazu befragt. Sie ist pädagogische Fachkraft in einem kleinen Elterninitiativkinderladen in Berlin.

Öffnungen kommen zu früh, sagt eine Fachkraft

Carola sagt, dass die vollständigen Kita- und Schulöffnungen für sie zu früh kommen. Sie ist sich sicher, dass die Pandemie noch längst nicht ausgestanden ist. Sorge macht ihr, auch aufgrund von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass die Verbreitung des Viruses gerade in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen hoch ist.

"Jede*r,", sagt Carola, "der Kinder in Kita und Schule hat, weiß, wie schnell und intensiv sich Krankheiten verbreiten können. Die Öffnungen geschehen ohne wirklichen Plan. Für die Kitas gab es diverse Empfehlungen für die Umsetzung des Gesundheitsschutzes, aber letztendlich war es jedem Träger selbst überlassen, welche Maßnahmen wie umgesetzt werden. Fachkräfte wurden kaum befragt oder gehört. Es gibt keine Hygienekonzepte oder regelmäßige Teststrategien um Gesundheitsschutz für Fachkräfte und Familien zu gewährleisten."

Kitas zu? Nein, aber es braucht einen besseren Plan!

Ist die pädagogische Fachkraft deswegen dafür, Kitas weiterhin geschlossen zu halten? Nein, im Gegenteil! Sie sagt: "Mit sinnvollen Konzepten wie Stundenreduzierung, Testungen und guten Schutzplänen hätte man Einrichtungen viel früher einer breiteren Mehrheit zugänglich machen können." Stattdessen wurde an anderer Stellen gelockert, wurden Restaurants und Geschäfte wieder für alle geöffnet. Familien stehen einfach weniger im Fokus als die Wirtschaft. Carola macht sich auch Sorgen um ihre Gesundheit und um die ihrer Familie.

Kitaöffnung auf Druck der Eltern

Die schnellen Kitaöffnungen sind auf Druck von uns Eltern entstanden. Dabei haben wir das gar nicht unbedingt gewollt. Die wenigsten Eltern wollten, dass Kitas und Schulen ohne Plan öffnen, viel eher wollten wir von der Politik wahrgenommen werden. Wir brauchen Entlastung und flexible Lösungen. Genau das sieht auch die pädagogische Fachkraft.

"Ich hätte ich mir einen gemeinsamen Weg gewünscht, der Eltern entlastet und gleichzeitig den Gesundheitsschutz wahrt. So hätte man übergangsweise kleine Gruppen erhalten können um zu beobachten wie sich das Infektionsgeschehen verhält. Gleichzeitig die Nachbarschaftshilfe etwas früher erlauben und dafür sorgen, dass Arbeitgeber flexibler sind. Mit den schnellen Kitaöffnungen ohne Konzept hat der Berliner Senat dafür gesorgt, dass Fachkräfte sich verheizt und nicht ernst genommen fühlen. Schlimmer noch … als Versuchskaninchen."

Arbeitsempfehlung für die Kita sind nicht umsetzbar

Natürlich gibt es Empfehlungen für die Arbeit in Kitas. Aber diese, so Carola, sind schlicht nicht umsetzbar. "Ich bin als Fachkraft nah am Kind, und das ist auch nicht zu ändern und auch so gewollt. Ich habe täglich mit diversen Sekreten und Körperausscheidungen zu tun, habe viel Körperkontakt zu den Kindern. Wir trösten und kuscheln mit ihnen. Kinder kommen beim Sprechen nah an mich heran und umgedreht. Je mehr Kinder es werden, desto schwieriger wird es, vor allem wenn man sich im Raum aufhält."

Es bleibt mir nichts weiter übrig, als den Familien zu vertrauen, dass sie ihre sozialen Kontakte reduzieren, was natürlich die wenigsten tun.

Carola, pädagogische Fachkraft

"Auch mit Masken arbeiten ist gerade mit jüngeren Kindern keine Option, zumal die Maske zwar die Kinder vielleicht schützt aber nicht die Fachkraft. Von kleinen Kindern zu verlangen, den ganzen Tag eine Maske zu tragen ist nicht möglich."

Pädagogische Fachkraft wünscht sich mehr Wertschätzung

Viele Eltern schätzen die Arbeit von Erziehern und Pädagoginnen. Aber leider nicht alle. Carola sieht da seitens der Politik eine Geringschätzung ihres Berufes. Sie nimmt wahr, dass Ängste und Bedenken der Fachkräfte nicht gehört werden. Deswegen fordert sie, dass es auch für Kitas regelmäßige Tests auf Corona-Infektionen gibt.

"Es wird einfach davon ausgegangen", sagt sie, "dass das jetzt zu wuppen ist. Anders als bei Krankenhauspersonal, Einzelhandel, Therapeuten usw. arbeiten wir komplett ungeschützt am Menschen. Wir haben weder Plexiglasscheiben noch Masken (außer im Kontakt mit den Eltern), unsere Arbeit basiert auf Nähe und Körperkontakt sowie Augenhöhe. Das alles wird nicht gesehen. Unser Beruf wurde urplötzlich zum Risikoberuf, und auch wenn wir es gewohnt sind viele Infekte mit nach Hause zu bringen, ein so schweres oder gar tödliches Virus war noch nicht dabei. Und das hat uns auch in der Ausbildung keine*r gesagt. Wenn wir unsere Ängste äußern, beispielsweise auf Twitter, werden wir beschimpft, wir hätten den Beruf verfehlt und sollten nicht rumjammern. Das finde ich extrem verletzend und geringschätzend."

Die Sicht aufs Kind wird also auch hier völlig außer Acht gelassen. Und es schwingt leider der Beigeschmack mit, dass es in der Kita nur um Aufbewahrung geht und nicht um frühkindliche Bildung und Beziehung.

Carola, pädagogische Fachkraft

Die Arbeit leidet

"Die Arbeit der pädagogischen Fachkräfte leidet. In größeren Kitas musste man vom offenen Konzept wieder in feste Gruppen übergehen. Pädagogisch ein Rückschritt. Oft habe ich gehört, dass Kinder plötzlich zu anderen Fachkräften und fremden Kindern mussten."

Auch an uns Eltern hat die pädagogische Fachkraft eine Bitte. Sie wünscht sich ein Bewusstsein für die Lage in den Kitas. Denn für die, die unsere Kinder durch den Tag begleiten, ist genau das plötzlich ein großes Gesundheitsriskio.

Kitas verstehen Not der Eltern

"Ich wünsche mir", sagt Carola, "ein wenig mehr Wertschätzung und Entgegenkommen. Wir befinden uns in einer noch nie da gewesenen Ausnahmesituation, die nur gemeinsam zu bewältigen ist. Wir Fachkräfte wissen um die Not der Eltern und haben großes Verständnis für ihre Lage. Wir wissen, dass Homeoffice und gleichzeitig kleine Kinder betreuen nicht möglich ist. Und trotzdem möchten wir sagen dürfen, was uns bewegt, was uns Angst macht."

Vielleicht kann aus mehr gegenseitigem Verständnis noch was Gutes für die Zukunft entstehen? Die Berlinerin hat Hoffnung. "Manchmal wünsche ich mir auch ein wenig mehr Rebellion gemeinsam mit uns Fachkräften für bessere Bedingungen in Kitas, für Aufwertung des Berufes und damit mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung."

 

 

Andrea Zschocher
Das sagtAndrea Zschocher:

Meine Meinung

Ich finde die Arbeit der Erzieher*innen extrem wertvoll. Und ich kann Eltern nicht verstehen, die mit einem riesigen Anspruchsdenken um die Ecke kommen und glauben, nur weil ihr Kind diese Kita besucht, muss sich alles um dieses Kind drehen. Kinder lernen doch gerade hier, was es heißt, aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Mich hat in der Vergangenheit erschreckt, wie Eltern und pädagogische Fachkräfte sich in den sozialen Netzwerken gegenseitig angegangen sind. Ich bin immer für Gespräche, weil wir uns oft viel näher sind, als wir denken. Deswegen danke ich Carola auch so sehr für ihre Zeit für dieses Gespräch.

Bildquelle: getty images/ Liderina

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