Abenteuer für Kinder!

Kleinkind

Abenteuer für Kinder!

Spiele in der Natur sind für die gesunde Entwicklung von Kindern unverzichtbar. Warum Risiko Kinder weiterbringt und wieso Bewegung schlau macht.

Primärerfahrungen sammeln ist wichtig.

Für Kinder heute ist es ungleich schwerer als früher, sich selbst und die Natur intensiv zu erleben. Vor allem ihre Chancen auf spontane Spiele in der Natur, deren Ausgang nicht von vornherein abgesichert ist, schwinden. „Je höher die Bevölkerungsdichte einer Gemeinde, desto weniger Möglichkeiten haben Kinder, sich in der Natur aufzuhalten“, bestätigt Dr. Christian Alt, Leiter der Kinderpanel-Studie des Deutschen Jugendinstituts, „dafür nutzen sie weit häufiger institutionelle Angebote.“ Statt aufregender Waldnachmittage sind es nun oft angelegte Barfußpfade oder Hochseil-Erlebnisseminare, die Kindern helfen, die Möglichkeiten ihres Körpers kennenzulernen und Mutproben zu bestehen. Statt natürliche Lebensvorgänge unmittelbar wahrzunehmen, erfahren sie durchs Fernsehprogramm, wie sich Tiere und Pflanzen entwickeln.

Kinder brauchen Abenteuer

Dass Kinder schleichend ihrer Abenteuer beraubt werden, hat viele Ursachen. Natürliche Spielräume wie Brachflächen und wenig befahrene Straßen sucht man heute vielerorts vergebens. Oft bleiben den Kindern nur Spielplätze mit Geräten, die eine von Erwachsenen vorgegebene Funktion erfüllen. Fantasievolles Spiel ist hier nicht vorgesehen. Und schon gar kein unbeobachtetes Abenteuer: Das wachsame Auge der Eltern ist überall, vor allem wegen des Verkehrs. Doch selbst in durchaus kinderfreundlichen Wohngegenden ist es für Eltern nicht immer leicht, ihren Nachwuchs für ausgelassenes Toben an der frischen Luft zu begeistern: Statt draußen auf Entdeckertour zu gehen, erleben Jungen - und zunehmend auch Mädchen - Spannung oft lieber am Bildschirm. Zwar lassen sich längst nicht alle Kinder von Computer und Co. vom freien Spiel mit Freunden abhalten. Doch während die einen in gesundem Maße von multimedialen Angeboten profitieren, kennen andere keine Grenzen. Die akustische und optische Reizüberflutung lässt ihre übrigen Sinne verkümmern - ein schichtenübergreifendes Problem. Und ein gefährlicher Teufelskreis, warnt Thomas Lang, Autor des Ratgebers „Kinder brauchen Abenteuer“: „Je umfangreicher und massiver das Kind diese Sekundärerfahrungen macht, desto geringer werden im Vergleich dazu seine Möglichkeiten, eigene Primärerfahrungen zu sammeln. Nichts in seinem Schatz an alltäglichen Erfahrungen ist nur annähernd dazu angetan, sich mit diesen spektakulären Ereignissen messen zu können.“

Kleine Abenteuer statt Extra-Kicks

Kleine Abenteuer statt Extra-Kicks

Klettern, Rafting, Segeltörns - bei vielen der unzähligen Angebote der Erlebnispädagogik scheint es nach oben keine Grenzen zu geben. Autor Lang ist kritisch: „Natürlich können all diese Aktivitäten ein hohes Maß an Abenteuer beinhalten, jedoch sind sie damit auch meilenweit vom Lebensalltag der Kinder und Jugendlichen entfernt.“ Über derartige „Extra-Kicks“ werde die Spirale, nach der alles immer noch spektakulärer sein müsse, weiter beschleunigt, „dabei haben gerade für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren unzählige Beschäftigungen das Potenzial, zum Abenteuer zu werden.“

Die Nacht erfahren

Es müssen nicht immer ausgeklügelte Kurse mit klarer pädagogischer Zielsetzung sein. Auch Eltern können ihren Kindern zu großen und kleinen Abenteuern verhelfen - und das mit ganz einfachen Mitteln. Oft genügt schon ein Rückblick auf die eigene Kindheit, um passende Ideen zu entwickeln: unter freiem Himmel schlafen und den Geräuschen der Nacht lauschen. Im Sommer Waldbeeren sammeln, im Herbst ein wärmendes Lagerfeuer entzünden, im Winter ein Iglu bauen.

Ein Floß bauen

Einen Abend bei Kerzenschein verbringen, ohne Fernseher und Radio. Auf einem selbst gezimmerten Floß auf den See hinauspaddeln, nach der Schule ein Picknick im Park veranstalten. So simpel solche Aktionen durchzuführen sind, so hoch lassen sie Kinderherzen schlagen! Denn sie finden in ungewohnter Umgebung statt oder heben sich zumindest deutlich vom Alltag ab. Solche Familienunternehmungen bieten Eltern auch immer wieder die Chance, gemeinsam mit ihren Kindern Gefahrenquellen auszuloten. Zündeln oder mit Wasser experimentieren werden diese früher oder später sowieso. Besser also zunächst unter fachkundiger Anleitung.

Die Natur spüren

Wie zu allen Zeiten gilt: Die wahren Abenteuer lauern im Freien! Vor allem der Wald bietet Kindern eine unvergleichliche Bühne für Rollenspiele, Bautätigkeiten und Erkundungen. Die dort erlebte Bewegungsfreiheit und vielfältige Sinneserfahrungen setzen die kindliche Kreativität ganz von selbst in Gang. Wenn Eltern sie zulassen, sind Kinderabenteuer im Wald vorprogrammiert! So wichtig es ist, dass Eltern immer wieder die Voraussetzungen für solch anregende Erlebnisse schaffen: Noch bedeutsamer ist es, dass sie ihrem Kind beizeiten das nötige Vertrauen schenken und sich zurückziehen. Oder waren bei den aufregendsten Erlebnissen Ihrer Kindheit etwa Mama und Papa dabei?

Abenteuer für Kinder - aber bitte ohne Eltern

Meist mit Beginn der Grundschule entwickeln Kinder den Wunsch, die Welt mit Gleichaltrigen zu erkunden. Sie wollen sich stark und mutig fühlen, Geheimnisse teilen, sich frei von äußeren Zielen ein wenig vom Vertrauten lösen. Da haben Eltern nichts verloren! Denn neben allen nützlichen Kompetenzen, die Abenteuer vermitteln, geht es doch vor allem um ein Lebensgefühl, das nur die Kindheit bietet. Dürfen Kinder solche Momente voller Nervenkitzel, Freiheit und Freundschaft erleben, werden diese ihnen noch Jahrzehnte später ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Abenteuer statt Freizeitstress

Abenteuer statt Freizeitstress

Kinder aus sozialschwachen Familien verbringen vor allem deshalb viel Zeit vor Fernseher und PC, weil ihre Eltern kein „besonderes Anregungspotenzial“ bieten können, folgerte kürzlich die 1. World Vision Kinderstudie. Eine Theorie, die auf Sprösslinge aus besser situierten Elternhäusern selten zutreffen dürfte: Viele von ihnen arbeiten einen Terminplan ab, der einem Manager zur Ehre gereichte. Cello-Unterricht, Nachhilfe und Sporttraining in Kombination mit immer größerem Schulstress - statt Fußball auf der Straße ein Leben nach der Uhr. Und auch das ist ein Zeichen unserer Zeit: „Übertriebene Fürsorge hält die Kleinen oft von Erlebnissen fern, die früher als Inbegriff von Kindheit galten“, beobachtet Dr. Gabriele Haug-Schnabel, Leiterin der Kanderner Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen. Auf Bäume klettern? Zu gefährlich! Im Bach schwimmen? Zu kalt! Um jeden Preis wollen besorgte Väter und Mütter ihren Liebling vor Schmerz bewahren - und berauben ihn dadurch wichtiger Erfahrungen.

War früher also doch alles besser?

Nein, nicht alles. Denn in einem verantwortungsvollen Umfeld haben Kinder heute beste Chancen, sich zu entfalten. Selbstständigkeit, gezielte Förderung und Persönlichkeitsentwicklung werden in der Erziehung großgeschrieben. Einerseits. Dass es für Kinder immer schwieriger wird, unmittelbare Erfahrung zu sammeln, ist andererseits keine Lappalie. Denn es haben sich in den letzten Jahrzehnten „nur“ die Lebensumstände verändert - die grundlegenden Bedürfnisse von Kindern nicht. Um Vertrauen in die Welt zu entwickeln, müssen sich Jungen und Mädchen nach wie vor ausprobieren und ihre Grenzen entdecken. Lebenszusammenhänge begreifen sie nicht durch Computerspiele, sondern ausschließlich in der direkten Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, bestätigt Dr. Dieter Breithecker, Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung: „Der ständige Bewegungsdrang der Kinder und ihre Neugier sind ein Motor, um sich und die Welt kennenzulernen. Das hat die Natur clever eingerichtet.“

Risiko bringt Kinder weiter

Vor allem Abenteuer, die „echte“ Unsicherheit in sich bergen, sind für Kinder unentbehrlich, belegt eine britische Studie der Childrens' Society und des englischen Kinder-Spielrates. 500 Kinder unter 15 Jahren nahmen 2004 an der Untersuchung teil. Das Fazit der Wissenschaftler: Bewegungsintensive und herausfordernde Gefahrensituationen treiben die körperliche, geistige und emotionale Entwicklung entscheidend voran.

Gemeinsam durch dick und dünn

Solche Abenteuer decken nicht nur Fähigkeiten, Ängste und Leidenschaften auf. Sie initiieren auch ein Gruppengefühl, dass Kindern wichtige soziale Kompetenzen vermittelt. Indem sie gemeinsam durch dick und dünn gehen, üben kleine Abenteurer selbst gesteckte Ziele zu erreichen, sich zu messen und gleichzeitig einander zu vertrauen. Nicht zuletzt lernen sie frühzeitig den Umgang mit Erfolgen und Tiefschlägen. Breithecker macht auf einen anderen Aspekt aufmerksam: „Kinder werden heute in einem Alter zu Stubenhockern, in dem entscheidende wachstums- und reifungsbedingte Veränderungen ihre Entwicklung prägen. Zum Aufbau von Muskulatur, Knochen, Nerven- und Herz-Kreislauf-System brauchen sie eine tägliche Belastungseinheit von zwei bis drei Stunden. Gerade die ersten zwölf Lebensjahre sind da von großer Bedeutung.“

Warum Kinder Abenteuer brauchen

Warum Kinder Abenteuer brauchen

Selbst Lernstörungen können die Folge von zu wenig Bewegung in der frühen Kindheit sein, berichtet der Sportwissenschaftler, denn „über das Erlernen gezielter Bewegungen werden erste wichtige Strukturen im Hirn angelegt, die einzelne Nervenzellen miteinander verbinden. Das ist eine bedeutsame Voraussetzung für unser Denken.“ Praxie nennen Experten die Fähigkeit, eine Folge von Bewegungen gezielt zu planen und auszuführen. Sie setzt unter anderem das richtige Abschätzen von Entfernungen und Größenverhältnissen voraus. Vor allem das Toben im freien Raum, die Überwindung natürlicher Hindernisse und das Hantieren mit verschiedenen Materialien in der Natur fördert solch eine gute Planungsfähigkeit und Raumorientierung - Kompetenzen, die Kindern nicht nur in der Schule weiterhelfen.

Körperbewusstsein entscheidet auch über Selbstwertgefühl

Das Körperbewusstsein entscheidet nicht zuletzt darüber, ob Kinder ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, so Haug-Schnabel: „Kinder, die ihre körperlichen Grenzen und Fähigkeiten ungestört erfahren können, haben eine gute Vorstellung von ihrem persönlichen Aktionsrahmen: Das bin ich, und das kann ich.“ Umso wichtiger, dass Eltern ihre Kinder bei der mutigen Erprobung ihres Körpers unterstützen, betont die Expertin. „Fall nicht hin!“ - „Das schaffst du nicht!“: Solche Kommentare wirken da eher kontraproduktiv. „Statt sie durch die eigene Angst zu bremsen, sollten Eltern ihren Nachwuchs lieber ermutigen, auch mal was Neues auszuprobieren. Kinder, die früh ernst genommen werden und selbst entscheiden dürfen, leben weniger gefährlich und vor allem reicher an körperlicher Erfahrung.“

Risikokompetenz

Klettern an einem Felsen, Balancieren auf einem Brett, Rennen bis zur Erschöpfung - all das macht nicht nur Spaß, sondern führt auch zu mehr Risikokompetenz, davon ist auch Breithecker überzeugt. Die helfende Hand der Erwachsenen ist da nicht immer eine sinnvolle Stütze: „Wir dürfen nicht ständig alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Die meisten Unfälle geschehen, weil Kinder die Gefahrenquellen nicht selbst erkannt haben. Jede bewältigte Risikosituation, jedes neue Wagnis führt zu einer Erfahrungserweiterung und zur Schärfung der Sinne.“

Bewegung muss man selbst in die Hand nehmen

Dabei macht er auf einen weitverbreiteten Irrtum aufmerksam: „Bewegung ist nicht gleich Sport! Wichtig ist, dass Kinder bis zu ihrem achten Lebensjahr erst einmal vielfältige Erfahrungen mit ihrem Körper machen.“ Nur leider: Bewegungsintensive und spannungsreiche Erlebnisse ergeben sich eben immer seltener von selbst. Abenteuer, die nicht auf dem Bildschirm stattfinden, werden heute oft von Erwachsenen arrangiert, die sich fragen: Wie außergewöhnlich muss ein Ereignis sein, um von Kindern als Abenteuer empfunden zu werden?

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