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Collien Ulmen-Fernandes zeigt den Familienalltag in Corona-Zeiten

TV-Tipp

Collien Ulmen-Fernandes zeigt den Familienalltag in Corona-Zeiten

Die Coronapandemie hat innerhalb kurzer Zeit das komplette gesellschaftliche Leben verändert. Insbesondere jedoch den Alltag in Familien. Um zu zeigen, wie stark wir Eltern wirklich betroffen sind und was der Lockdown über viele Wochen psychisch und physisch auslösen kann, drehte Collien Ulmen-Fernandes mit ZDF neo die Doku "Familien allein zu Haus". Im Telefoninterview erzählte sie uns, was sie dabei über unsere Gesellschaft erfahren hat.

Schauspielerin, Moderatorin und Buchautorin Collien Ulmen-Fernandes (37) liegen brisante gesellschaftliche und familienrelevante Themen am Herzen, wie sie bisher in vielen Dokumentationen bereits gezeigt hat. In der neuen Doku "Familien allein zu Haus", die am morgigen Samstag, 19:30 Uhr in ZDF neo ausgestrahlt wird, spricht sie mit Experten wie Wissenschaftlern und Psychologen darüber, wie sich der Lockdown auf das Miteinander in der Familie auswirken wird.

Dazu hielten drei deutsche Familien über Wochen im Videotagebuch ihre Erlebnisse fest und zeigen offen und ehrlich, wie sie zwischen Kleinkindbetreuung, Homeoffice und Homeschooling hin- und herpendeln, um den verschiedenen Ansprüchen gerecht zu werden. Im Interview hat die Mutter einer achtjährigen Tochter uns verraten, weshalb es sich lohnt, diese Doku zu sehen und was sie selbst dabei über unsere Gesellschaft und deren Schwachstellen gelernt hat.

Familien allein zu Haus
Familie Balint mit ihrer Tochter Emma in der Garderobe der Kita.

In Ihrer neuen ZDF-neo-Doku geben drei Familien einen Einblick in ihren aktuellen Alltag in der Corona-Zeit. Was sind das für Familien und wie erleben sie diese herausfordernde Zeit zu Hause?

Uns war zunächst total wichtig, dass wir sehr unterschiedliche Familien haben. Man wird ja immer gefragt, wie es den Familien geht. Das lässt sich aber pauschal nicht beantworten, denn jeder Familie geht es komplett unterschiedlich. Wir haben eine deutsche Familie, die in Italien lebt und dadurch schon viel länger dieser Einschränkung ausgesetzt ist und auch viel härtere Einschränkungen erlebt. Als sie spazieren gingen, wurden sie von der Polizei angehalten und sofort wieder zurückgeschickt. Beide sind voll berufstätig und die Mutter hatte in der Corona-Zeit bereits einen Burnout. Daher sind beide ziemlich am Limit, da sie neben der Arbeit im Homeoffice noch ein Kleinkind betreuen müssen. Dann haben wir noch eine Familie mit drei Kindern und eine weitere Familie, beide in der Hamburger Ecke. Die Kinder in den Familien repräsentieren alle Altersgruppen, von einem zweijährigen Kleinkind bis zum 15-jährigen Teenager.

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Was sind aktuell die größten Schwierigkeiten für diese Familien im Alltag mit Homeoffice und Kinderbetreuung?

Das lässt sich pauschal nicht sagen, weil es darauf ankommt, in was für einer Situation die Eltern sind. Es gibt Menschen, die in ihrer ökonomischen Existenz bedroht sind und darunter leiden, dass das eigene Unternehmen oder das Unternehmen, für das sie arbeiten vor dem wirtschaftlichen Ruin stehen. Andere Familien wiederum leiden eher unter der räumlichen Enge, in der sie leben. Wenn man keinen Garten oder Balkon hat, oder wie in Italien zeitweise gar nicht raus kann, ist das schwierig. Dazu kommt noch, dass die Spielplätze geschlossen sind und man nicht mal eben im Park picknicken darf. Nur um den Block zu gehen, findet ein Kleinkind nicht so spannend. Wir haben mit dem Hirnforscher Ralph Dawirs gesprochen, der sagt, dass es ganz wichtig ist, allen Kindern, auch den jüngsten, altersgerecht die Situation zu erklären. Man sollte erklären, warum man Oma und Opa nicht sehen kann und wieso man Abstand halten muss.

Nun mussten ja alle Familien mit Schulkindern den Unterricht irgendwie zu Hause weiter führen. Wie gut ist Deutschland in Sachen Homeschooling und Digitalisierung aufgestellt?

Die Sendung hat mir erst so richtig gezeigt, wie rückständig wir in diesen Punkten sind. Wir fragen uns in „Familien allein zu Haus“ daher auch, ob das Virus nicht auch die Lupe über die Gesellschaft hält und dadurch Schwachstellen noch deutlicher sichtbar macht. Eine der Familien muss täglich um eine bestimmte Uhrzeit bei der Schule sein und die Schulaufgaben abholen. Dann hab ich von einer Lehrerin gehört, die morgens bei den Familien vorbeifährt und dreißig ausgedruckte Aufgabenblätter verteilt. Im Interview haben Leute berichtet, sie würden gern Homeoffice machen, können jedoch nicht, weil sie Zuhause kein ausreichendes Internet haben. Sie müssen mit ihrem Kind zu einem benachbarten Parkplatz fahren und Car-Office bzw. Car-Schooling machen und am Ende des Tages wieder zurück fahren. Da spürt man, was wir im Bereich der Digitalisierung verpasst haben.

Was sagen Psychologen zur Auswirkung der aktuellen Situation in den Familien? Wie lange kann das noch so weiter gehen?

Das ist natürlich eine extrem belastende Situation für Familien. Die Scheidungsrate in Wuhan ist nach der Quarantänesituation extrem in die Höhe geschnellt und alle Scheidungstermine waren auf Wochen ausgebucht. Da gibt es Studien aus der Weltraumforschung, die zeigen, dass Menschen, die in einer Isolationssituation sind, wahnsinnig schnell an die Decke gehen. Hierzu sagen die Experten, um dem vorzubeugen, helfen vor allem drei Dinge: Bewegung, ausreichend Zeit für schöne Aktivitäten und Rückzug.

Wer nimmt eigentlich den Großteil der Care-Arbeit auf sich: Ist das gleich aufgeteilt?

Dazu haben wir einen gesamten Themenblock in der Sendung, die Tendenz scheint in die Richtung zu gehen, dass die Last der derzeitigen Situation eher auf den Schultern der Frauen liegt. Viele der systemrelevanten aber sehr schlecht bezahlten Berufe sind in Frauenhand, also in der Altenpflege oder im Einzelhandel. Es gibt dazu zum jetzigen Zeitpunkt natürlich noch keine empirisch fundierten Daten, aber es gibt kleinere Umfragen, die zeigen, dass es eher die Frauen sind, die sich um die Doppelbeanspruchung aus Homeschooling und Homeoffice kümmern. Dazu reden wir mit Stevie Schmiedel von Pinkstinks, die aufgrund der zahlreichen Zuschriften, die dort eingehen, ebenfalls diesen Eindruck hat. Wir haben unsere Familien gebeten, einen Mental-Load-Selbsttest zumachen und mal aufzuschreiben, wer was macht. Tatsächlich erst dadurch haben die Eltern festgestellt, dass die Frau mehr macht. In der italienischen Familie arbeiten beide Vollzeit und doch war es auch da am Ende die Frau, die sich um die Hausarbeit und die Kinderbetreuung gekümmert hat. Zuvor war das den Familien gar nicht bewusst und die Männer haben nach dem Ergebnis Besserung geschworen. Auch unsere Experten betonten, dass es jetzt die Zeit dafür sei, dass man diese Dinge auf den Tisch bringt und nachverhandelt.

Was würde den Familien aktuell am meisten helfen bzw. was fordern sie von der Politik? Auf der einen Seite gibt es ja die Angst vor Neuinfektionen und auf der anderen Seite können die Eltern nicht länger ohne Kinderbetreuung auskommen.

Das ist tatsächlich eine sehr schwierige Situation, weil es einmal Dinge gibt, die aus epidemiologischer Sicht Sinn machen. Da geht die Tendenz ganz klar in die Richtung, dass man die strikten Maßnahmen beibehält. Auf der anderen Seite ist es für Eltern schwierig, sich neben der Arbeit auch noch um die Kinderbetreuung zu kümmern, und den Kindern fehlen die sozialen Kontakte. Es gibt da kein richtig oder falsch, sondern man muss verschiedene Dinge gegeneinander abwägen. Ich denke, wenn die Schulen schrittweise wieder geöffnet werden, sollte man es Familien, die mit Risikopersonen zusammen leben, freistellen, ob ihre Kinder danach wieder am Unterricht teilnehmen oder nicht. Kinder, die mit Risikogruppen wie älteren oder Menschen mit Behinderung zusammen leben, kann man nicht wieder in die Schule schicken. Da ist die Gefahr zu groß, dass sie vielleicht das Virus mit nach Hause bringen.

Wie sieht Homeoffice und Unterricht im Hause Ulmen-Fernandes aktuell aus?

Bei uns zu Hause ist es aktuell leider so, dass wir so viel arbeiten müssen, dass wir kaum zum Homeschooling kommen. Desto jünger die Kinder sind, desto mehr Unterstützung brauchen sie. Der Große sitzt um die von der Schule vorgegebene Zeit vorm Computer in der Konferenzschaltung und erledigt seine Aufgaben von alleine. Bei kleinen Kindern muss man das anleiten und sie animieren, etwas zu machen, sonst passiert nichts, wenn man sie damit allein lässt. Neben der Arbeit, die man selbst hat, ist das dann auch noch sehr arbeitsintensiv. Aber zum Glück ist unsere Tochter in einem Alter, in dem sie sich auch selbst beschäftigen kann und braucht nicht mehr permanente Betreuung. Dadurch können wir uns auch mal in eine Telefonkonferenz zurückziehen, während sie etwas malt oder bastelt.

Gehen Sie sich auch mal richtig auf die Nerven?

Es gab natürlich auch bei uns schon die Situation, in der man etwas gereizter ist, weil man zum Beispiel eine Aufzeichnung hat und Materialien nicht findet, die man braucht. Für uns ist das auch eine beanspruchende Situation. Aber zum Glück bin ich ja aktuell auch immer mal weg. Das ist ganz gut und hält die Beziehung frisch. Das fehlt ja leider vielen Familien in der derzeitigen Situation, ein bisschen Abstand und die Freude danach, den anderen wieder zu sehen.

Haben Sie einen persönlichen Anti-Durchdreh-Tipp an alle Eltern von Kleinkindern und Schulkindern, die jetzt zu Hause sitzen und nicht wissen, wie sie das noch mehrere Wochen durchhalten sollen?

Die Experten, mit denen wir für die Sendung gesprochen haben sagen, dass man sich Tages- und Wochenpläne machen soll. Darin trägt man ein, wann welche Aktivitäten stattfinden, wann ist Fernsehzeit, wann Homeschooling, wann gehen wir raus. Vor allem ist wichtig, dass man die Zeit vor dem Bildschirm kompensiert, indem man die Kinder etwas Physisches machen lässt. Die Kinder sitzen ja durch das Lernen schon viel am Bildschirm und dann kommunizieren sie mit Freunden oder Verwandten auch wieder digital. Danach sollte man dafür sorgen, dass sie sich in irgendeiner Form bewegen. Man könnte zum Beispiel Musik anmachen und mit den Kindern dazu tanzen. Das wäre eine gute Möglichkeit, um die Medienzeit zu kompensieren.

Sie haben ja für ZDF neo schon viele Dokus über Familien- und Elternthemen gemacht. Was treibt Sie dabei an?

Grundsätzlich gibt es wahnsinnig viele Themen, die mich beschäftigen. Ich lese dann alle Studien dazu, weil ich alles darüber wissen möchte. Ich denke, dass es so viele Themen gibt, bei denen es einer noch größeren Aufklärung bedarf und ich freue mich, dass ich all diese spannenden und relevanten Themen mit ZDF neo angehen darf.

Wir bedanken uns für das interessante Gespräch!

Die Sendung ist am Samstag, 25. April 2020, ab 10.00 Uhr in der ZDFmediathek verfügbar und läuft um 19.30 Uhr in ZDF neo.

Bildquelle: ZDF/Oliver Fuchs

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