Für mehr Abstand: Ihr wollt so tun als wäre nichts? Schämt euch!

Corona-Kolumne

Für mehr Abstand: Ihr wollt so tun als wäre nichts? Schämt euch!

In Zeiten von Corona kann der Abstand zwischen Menschen Leben retten. Leider halten sich viele nicht daran. Am Anfang fand ich das merkwürdig, inzwischen bin ich super sauer. Was ist so schwer daran, sich im Alltag aus dem Weg zu gehen?

In diesen Tagen musste ich zum Impfen. Ich gehöre, wie viele andere, zu einer Risikogruppe und weil die letzte Impfung zu weit zurückliegt, habe ich mich dafür entschieden. Einen Termin zu finden war nicht leicht, denn die Arzthelferinnen wollten sicher stellen, dass niemand sonst in der Praxis ist, um ein mögliches Infektionsrisiko zu minimieren.

Kein Abstand in Zeiten von Corona

Ich machte mich zu Fuß auf den Weg in die Praxis, denn die öffentlichen Verkehrsmittel will ich in Zeiten von Corona lieber meiden. Da hier in Berlin die Ansage gilt, dass man nur noch zur Arbeit, zum Einkaufen und eben zum Arzt rausgehen soll, ging ich davon aus, dass die Fußwege leer sein würden. Doch weit gefehlt. Ja, wir können und dürfen und sollen auch spazieren gehen. Aber nicht in großen Gruppen und immer mit genügend Abstand. Für den musste aber ausschließlich ICH sorgen, die, die mit mir auf der Straße waren, rückten kein Stück von ihrem Weg ab.

Merkwürdiger Arztbesuch

Beim Arzt war es sehr ruhig, die Helferinnen waren durch eine Scheibe von mir getrennt, alle trugen Mundschutz. Zwischen dem Arzt und mir herrschte größtmöglicher Abstand, wir sahen uns nicht an, starrten beide in Richtung Fenster. Ein Gespräch so zu führen ist wirklich merkwürdig. Die Impfung selbst wurde eher so mit dem ausgestreckten Arm gesetzt, genau habe ich es nicht gesehen, ich sollte ja geradeaus und nicht auf meinen Arm schauen. Dieser Moment zeigte mir schon auch, wie schwierig ein Kontaktverbot für Menschen ist. Wir sind einfach soziale Wesen. Ich fühlte mich total unwohl und war gleichzeitig froh, dass hier ganz klar auf Abstand geachtet wurde.

Familieneinkauf bei rationiertem Angebot

Weil ich wegen des Arztbesuches schon unterwegs war, kam mir auch die Aufgabe zu, unseren Familieneinkauf zu erledigen. Mein Mann und ich wechseln uns ab, versuchen unnötige Gänge in den Supermarkt zu vermeiden. Allerdings wurden in unserem Drogerie- und Supermarkt Mengenangaben eingeführt, wie viele Lebensmittel jeder einkaufen darf. Nun sind wir eine fünfköpfige Familie mit drei recht hungrigen Kindern, wir brauchen 1,5 Packungen Nudeln für ein Mittagessen. Und wir durften in den letzten Tagen nur 2 Pakete kaufen. Gleiches gilt für alle Dinge des täglichen Bedarfs, diverse Hamsterkäufe anderer hatten zu leeren Warenlagern geführt.

Ich komme mir bei meinen Einkäufen vor wie eine Verbrecherin, wenn ich wieder und wieder die gleichen Waren des täglichen Bedarfs einkaufen muss. Aber wir verbrauchen sie einfach so schnell. Was für andere wie Hamstern aussieht, ist für uns der ganz normale Wocheneinkauf. Der im Moment nicht mehr möglich ist.

Angst vor Corona

Weder mein Mann noch ich gehen gern in den Supermarkt. Ja, ich habe Angst, dass sich eine*r von uns ansteckt und wir dann hier bald zu fünft in häuslicher Quarantäne sitzen. Oder, dass einer von uns beiden schwer erkrankt. Was wird dann aus den Kindern? Wer soll sich kümmern, wenn wir Eltern mit schwereren Symptomen zu kämpfen haben? Ich will gar nicht in Richtung eines Krankenhausaufenthaltes denken, aber nach allem was ich so gelesen habe, sind auch leichtere Verläufe nicht immer ein Spaziergang. Mit drei agilen Kindern, die, weil sie noch so klein sind, Beschäftigung und Zuspruch von uns Eltern brauchen, wäre eine Erkrankung ein großes Problem.

Also versuchen mein Mann und ich schnell zu sein, nichts unnötig anzufassen, Abstand zu halten. Und Abstand halten, was eine ganz furchtbar simple Anordnung ist, das schaffen die wenigsten. Da helfen keine auf den Boden aufgeklebten Linien, keine Warnung, keine Bitte. Die Menschen rücken nah an mich heran, bitte ich um Abstand, werden im besten Fall die Augen verdreht. Im schlimmsten Fall werde ich beleidigt, wird mir gesagt, dass ich es sowieso nicht verdient hätte zu leben, wenn ich nicht stark genug bin, Corona zu besiegen. Eine Frau hatte auf meine Bitte um Abstand mit "nähnänänänä" reagiert, da musste ich wenigstens lachen. Auch wenn sie das nicht freundlich meinte.

Notwendige Einkäufe?

Während ich so im Supermarkt stand und tatsächlich versuchte, den Menschen zu erklären, wieso das mit dem Sicherheitsabstand kein Spaß ist, schaute ich auch danach, was die anderen denn so einkaufen. In meinem Korb befanden sich zwei Packungen Milch, eine Packung Mehl (wir sind dazu übergegangen die Nudeln selbst herzustellen), ein Glas Pesto, eine Butter, zwei Packungen Käse, zehn Äpfel, ein Paket Milchreis, ein Glas Apfelmus. Vor mir lag eine Packung Gummibärchen auf dem Band. Der Kunde davor kaufte zwei Flaschen Wein. Die "nänänänänä"-Frau hinter mir hatte eine Packung Schokoeis in der Hand. Und ich frage mich: Sind das all die Einkäufe, die dringend notwendig sind, und wegen denen man weiterhin unbedingt aus dem Haus gehen sollte?

Warum ist das mit dem Abstand in Zeiten von Corona halten so schwer?

Es strengt mich an, dass es für so viele Menschen weiterhin nicht möglich ist, auf Abstand zu gehen. Dabei könnte das Leben retten. Vielleicht ihres, vielleicht meines, vielleicht das von Älteren. Meine Kinder haben nach nur einem Gespräch verstanden, wie wichtig es ist, Abstand zu halten. Wir wohnen mitten in Berlin, in einer kleinen Wohnung. Ich kann sie dort nicht wochenlang einsperren. Aber wir haben keinen Balkon, im Hinterhof stehen die Mülltonnen und Fahrräder, wir haben keinen Park in der Nähe. Also müssen wir raus, wenigstens eine kleine Runde um den Block. Und sie achten sehr gut darauf, dass sie genug Abstand zu anderen Menschen halten, zu ihrem und zu deren Schutz.

Fass die Kinder nicht an!

Ich hüpfe mit meinen drei Kindern durchs Gebüsch, damit sie wenigstens ein bisschen das Gefühl von Freiheit und Abenteuer und Natur haben. Die Spielplätze in unserem Bezirk werden nach wie vor gut genutzt, da sitzen Eltern weiterhin gemeinsam auf Bänken und stecken die Nase in die Sonne. Ich dagegen spiele Fangen mit ihnen auf der Straße, immer dann, wenn nicht wieder jemand unseren Weg kreuzt. Ich werde wütend, wenn jemand versucht meinem Einjährigen über den Kopf zu streicheln. Und ich verzweifel langsam, weil ich nicht verstehe, wieso so viele immer noch so tun, als müssten sie ihr Leben gar nicht ändern.

So viel wird doch eigentlich, zumindest wenn man sich draußen aufhält, gar nicht verlangt. Abstand halten, lieber zu viel als zu wenig. Ich habe mich jedenfalls gut aus sicherer Entfernung mit einer älteren Dame darüber unterhalten, dass die Kinder das mit dem Abstand Halten toll machen, und, dass es Angst macht zu sehen, wie egoistisch viele leider immer noch sind. Denn Abstand Halten bedeutet ja nicht, keinen Anteil mehr am Leben anderer zu nehmen. Es heißt nur, andere Menschen so sehr wertzuschätzen, dass man nicht zur Verbreiterung eines Virus beitragen möchte.

Ist Berlin die Ausnahme?

Vielleicht ist mein Bezirk hier in Berlin die absolute Ausnahme. Vielleicht macht ihr alle die Erfahrung, dass jede*r sich an die Regeln hält, dass man solidarisch ist, aufeinander aufpasst und Abstand hält. Ich wünsche mir das sehr. Denn den Gedanken, dass es überall so ist wie hier, den kann ich nicht gut ertragen.

Bildquelle: getty images / Omar Osman

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