Für Links auf dieser Seite erhält familie.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder grünblauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
Kitaverband & Elterninitiative: So wollen sie einen zweiten Lockdown verhindern

Kitaverband & Elterninitiative: So wollen sie einen zweiten Lockdown verhindern

An die Politik

Der Corona-Lockdown im Frühjahr hat Eltern an ihre Grenzen gebracht und den Kindern viel abverlangt. Weil ein zweiter Lockdown für Familien kaum zumutbar sei, fordert der Deutsche Kita Verband gemeinsam mit der Initiative Familien in der Krise die Politik zum Handeln auf und formuliert Vorschläge, wie bei einer erneuten Corona-Welle im Herbst vorgegangen werden könnte, um flächendeckende Kitaschließungen zu vermeiden.

Familien in der Krise ist eine Elterninitiative aus Müttern und Vätern, die sich in der Corona Krise gegründet hat, um die Interessen und Probleme von Familien gegenüber der Politik und den Entscheidungsträgern deutlich zu machen. Gemeinsam mit dem Deutschen Kitaverband, dem Bundesverband freier unabhängiger Träger von Kindertagesstätten, hat die Elterninitiative konkrete Vorschläge an die Politik formuliert, durch welche Maßnahmen Kita-Schließungen verhindert werden könnten und was passieren müsste, damit Kinder ihr Recht auf Bildung wahrnehmen und wir Eltern weiter unserem Beruf nachgehen können. Wir haben genauer bei Waltraud Weegmann, der Bundesvorsitzenden des Deutscher Kitaverbandes (DKV) und Judith Bachmann von Familien in der Krise (FidK) nachgefragt, wie es gelingen könnte einen zweiten Lockdown zu verhindern.

Sie fordern anlässlich einer wiederkehrenden zweiten Corona-Welle, dass es nicht wieder zu flächendeckenden reflexartigen Kitaschließungen kommt, wie im Fall Tönnies in Gütersloh. Dazu verweisen sie auf einen Stufenplan. Wie sähe denn dieser Plan genau aus?

Waltraud Weegmann, DKV: „Der Stufenplan sieht vor – je nach Infektionsgeschehen – in sog. Kohorten zu arbeiten. Als Richtschnur für den Stufenplan dienen die Infektionszahlen vor Ort. Demnach führen die Einrichtungen dauerhaft Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen durch. Sind die Infektionszahlen gering, reicht dieses Gesundheits-Monitoring für den Regelbetrieb aus. Erhöhen sich die örtlichen Neuinfektionen, werden die Kinder in kleineren Gruppen von entwicklungsähnlichen Kindern (Kohorten) betreut, um Infektionen rückverfolgen und vermeiden zu können. Erreichen die örtlichen Neuinfektionen einen kritischen Stand, wird die strenge Bezugsbetreuung nötig, um im Falle einer Infektion die Nachverfolgung sichern zu können.
Da in der letzten Zeit in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt wurde, dass Kinder weniger ansteckend sind als Erwachsene, legen wir unser Augenmerk auf die Erwachsenen untereinander und bei ihnen auf die strikte Einhaltung der Abstandsregeln und Hygiene sowie auf das Tragen von Mund-Nasenschutz.“

Ist es denn allen Kinderbetreuungseinrichtungen in Deutschland möglich einen solchen Plan umzusetzen bzw. ist denn das erforderliche Personal da?

Waltraud Weegmann, DKV: „Ja, das ist möglich. Wenn alle Erwachsenen es schaffen, vorsichtig zu sein und sich an die Regelungen zur Verhinderung von Infektionen zu halten, auf alle Fälle. Es fällt auch deutlich weniger Personal aus als zu Anfang gedacht.“

Die Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln in Kitas werden ganz unterschiedlich eingehalten.  Kann es hier für alle Kitas eine einheitliche Lösung überhaupt geben, wo die Kitas ja in ganz unterschiedlicher Hand sind? Das müsste ja auch kontrolliert werden.

Judith Bachmann (FidK): „Dass Kitas in unterschiedlicher Hand sind, hat erst einmal nichts mit verbindlichen einheitlichen Vorgaben und deren Einhaltung zu tun. Restaurants und Geschäfte im Einzelhandel haben auch verschiedene Eigentümer/Betreiber und sind somit „in unterschiedlicher Hand“, dennoch sind die Vorgaben seitens der Politik verbindlich und einheitlich für all diese zu verstehen.“

In Ihrem Positionspapier schlagen Sie außerdem eine „vernünftige Teststrategie“ für alle Bildungseinrichtungen für Mitarbeiter und Kinder vor.  Wie könnte diese denn aussehen? Für uns Eltern wäre es wichtig, zu wissen, wie man schnell und unbürokratisch sich und das Kind testen lassen kann. Sitzen wir dann alle in überfüllten Wartezimmern und Testzentren, wo wir uns wiederum der Infektionsgefahr aussetzen?

Waltraud Weegmann, DKV: „Die Testung von vermutlich Erkrankten und die konsequente Nachverfolgung von Personen, die sich möglicherweise infiziert haben, gehören zu den Empfehlungen des Robert Koch-Institut. Ohnehin werden die Testkapazitäten in Deutschland nicht ausgeschöpft und sollten jetzt schwerpunktmäßig zum Schutz der Bildungseinrichtungen eingesetzt werden.

Für Mitarbeiter*innen und Kinder mit Symptomen werden sofortige Schnelltests benötigt. Diese müssen in Testzentren an 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, abgenommen werden. Das Ergebnis sollte innerhalb von max. vier Stunden zur Verfügung stehen. Die Testung muss ohne vorherige Rücksprache mit dem Arzt erfolgen können. Im Falle eines positiven Ergebnisses könnten weitere Testungen und weitere Maßnahmen erfolgen, wie beispielsweise Teil-Quarantäne oder Teil-Schließungen.
Insbesondere im Herbst, wenn die üblichen Erkältungskrankheiten wieder verstärkt auftreten, helfen Tests, möglichen Bedenken Herr zu werden. Das Ziel muss bleiben, vorsorgliche Schließungen von Kitas und Schulen unbedingt zu vermeiden. Das Recht auf Bildung kann nicht wieder eingeschränkt werden.“

Aktuell sind ja bereits die Wartezimmer voll, weil in manchen Bundesländern oder Kommunen Kinder bereits mit Schnupfen wieder nach Hause geschickt oder nur mit einem Attest zurück kommen durften. Sie schlagen hier eine deutschlandweite Gesamtstrategie vor, die definiert, nach welchen Symptomen bzw. Dauer ein Kind nach einer Krankheit wieder in die Kita darf. Kann diese denn auch in allen Kindertagesstätten

Judith Bachmann (FidK): „Hierzu wünschen wir uns Regelungen, wie sie einige Bundesländer schon beschlossen haben. Kinderschnupfen, wie z.B. eine laufende Nase und/oder gelegentliches Niesen dürfen nicht zum Ausschluss aus der Betreuung führen. Ebenso wenig wie bekannte chronische Erkrankungen, Allergien, Neurodermitis u.ä. Kinder mit Durchfall und/oder Fieber sowie Kinder mit Husten mit Auswurf, gehören selbstverständlich nicht in die Betreuung. Dies war jedoch auch schon vor Corona der Fall. Kurz gesagt sollen Kinder ab sofort wieder zu den gleichen Bedingungen wie in nicht-pandemischen Zeiten betreut werden.“

Als Eltern haben wir nur eine bestimmte Anzahl an „Kind-krank-Tagen“, die wir bei Lohnfortzahlung zu Hause bleiben dürfen. Müsste es hier nicht auch eine Pandemie-bedingte Neuregelung geben, wenn es erforderlich ist, dass ich mit meinem Kind mehrere Wochen zu Hause bleibe?

Judith Bachmann (FidK): „Unser Ziel ist es, dass die Kinder zu den gleichen Bedingungen betreut werden, wie zu nicht-pandemischen Zeiten. Sollte dies nicht möglich sein, wäre eine Erhöhung der Kind-krank-Tage mit entsprechendem Kinderkrankengeld eine Möglichkeit, die entstehende Belastung abzumildern. Jedoch sollten die Kind-krank-Tage nicht zwischen den Elternteilen übertragbar sein und es zusätzliche Tage nur dann geben, wenn beide Elternteile ihre bisher üblichen Kind-krank-Tage bereits ausgeschöpft haben. Eine Ausnahme hiervon wäre bei Alleinerziehenden umzusetzen. Gleichzeitig darf die Gewährung von zusätzlichen Kind-krank-Tagen nicht an die gleichen Bedingungen geknüpft sein wie das Corona-Elterngeld. Denn Homeoffice ist mit Kinderbetreuung nicht vereinbar, was inzwischen zweifelsfrei jedem klar sein muss. Die parallel zur Lohnarbeit im Homeoffice erfolgende Kinderbetreuung führt zu enormen psychischen und emotionalen Belastungen sowohl für Eltern als auch für Kinder, welche nicht weiterhin ignoriert, bzw. in Kauf genommen werden dürfen.

Ebenso muss für etwaige Quarantäne-Zeiten eine Kompensation des Verdienstausfalls gewährleistet werden. In beiden Fällen bedarf es einem besonderen Kündigungsschutz für Eltern, denn verständlicherweise sind Arbeitgeber nicht begeistert, wenn ihre Arbeitnehmer*innen häufig ausfallen, weil sie ihre Kinder betreuen müssen und dadurch wiederholt Probleme bei den Betriebsabläufen entstehen. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass Eltern gekündigt werden und somit die wirtschaftliche Grundlage der Familien ins Wanken gerät.“

Was fordern Sie jetzt als ersten Schritt konkret von der Politik, bevor im Herbst die Infektionszahlen vermutlich wieder steigen könnten? Wie müsste die Politik die Kitas unterstützen bzw. was wäre nötig, damit Kitas weiter geöffnet bleiben könnten?

Waltraud Weegmann, DKV: „Bei allen Entscheidungen muss das Kindeswohl im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Kindern und Eltern können wir keinen zweiten Kita-Lockdown zumuten. Für die Entwicklung der Kinder, bildungsökonomisch und gesamtgesellschaftlich sind weitere Schließungen der Bildungseinrichtungen Gift.

Vieles deutet aktuell darauf hin, dass sich Kinder seltener als Erwachsene mit dem Coronavirus anstecken. Wie Studien zeigen, stecken infizierte Kinder so gut wie gar nicht andere Kinder noch Erwachsene an. Zusätzlich erkranken sie im Falle einer Infektion seltener. Und wenn, dann ist der Verlauf meistens mild. Die Rolle der Erwachsenen bei der Verbreitung des Coronavirus muss also stärker in den Fokus rücken, denn das Ansteckungsrisiko geht von Erwachsenen aus, die verreisen, sich auf Hochzeiten oder in Gottesdiensten versammeln.“

Judith Bachmann (FidK):„Als einer der ersten Schritte muss nun dringend die Rehabilitation der Kinder erfolgen. Die Stigmatisierung von Kindern als Pandemietreiber und Virenschleudern muss eingestellt, bzw. dieser entschieden entgegengewirkt werden. Inzwischen liegen sowohl in Deutschland als auch in europäischen Nachbarländern diverse Studien vor, die darauf hinweisen, dass Kinder nicht Treiber der Pandemie sind und die Schließung von Kitas und Schulen in dieser Form nicht notwendig waren. Auch der eingeschränkte Regelbetrieb in Kitas sowie der Regelbetrieb der Schulen in den beiden Wochen vor den Sommerferien haben nicht dazu geführt, dass sich Hot-Spots in Kitas und Schulen gebildet haben. Dies sollte die Politik dringend in ihre Kommunikation und Entscheidungsfindung mit einbeziehen. Weiterhin muss die Umsetzung der Schutzmaßnahmen in der Wirtschaft, so wie im privaten und sonstigen öffentlichen Bereich (fernab von Kitas und Schulen) deutlich stärker kontrolliert und Verstöße hart sanktioniert werden.

Es kann nicht sein, dass verantwortungs- und rücksichtsloses Verhalten Erwachsener erneut zu Lasten von Kita- und Schulkindern sowie deren Eltern geht, die im Falle erneuter Einschränkungen oder gar Schließungen die Leidtragenden wären.  Prominente Beispiele hierfür sind die Infektionsherde Tönnies, größere religiöse und private Veranstaltungen, ausuferndes Partyverhalten, usw. Als Vorbereitung auf den Regelbetrieb muss nun die verbleibende Zeit genutzt werden, um Richtlinien und Konzepte zu entwickeln, wie auch unter wieder ansteigenden Infektionsraten ein Regelbetrieb in den Kitas aufrechterhalten werden kann.“

16 Alltagsprobleme, mit denen sich wirklich nur Eltern rumschlagen ...

16 Alltagsprobleme, mit denen sich wirklich nur Eltern rumschlagen ...
Bilderstrecke starten (17 Bilder)

Vielen Dank für Ihre Stellungnahme!

Jetzt ist die Politik gefragt!

Der Lockdown hat Familien auf äußerste belastet. Nun fragen wir uns alle, wie es im Herbst weiter gehen soll, wenn die Infektionszahlen steigen. Schon jetzt müssen Schulkinder Mundschutz tragen und gehen wieder in die Schulen, die gar nicht auf die neue Situation vorbereitet sind. Daher ist es jetzt umso wichtiger, eine Lösung für Kitas und Schulen zu finden und ich hoffe, die politischen Entscheider setzen sich rechtzeitig mit der Problematik auseinander und nehmen die obigen Vorschläge ernst. Die Arbeit des Kitaverbands und der Elterninitiative ist unfassbar wichtig, denn sie brechen eine Lanze für all jene, die sonst von der Politik vergessen werden, aber unsere Gesellschaft erst tragen: Die Eltern und die Kinder.

Bildquelle: Getty Images/FatCamera
Galerien
Lies auch
Teste dich