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Zurück zur Normalität: Für alle außer uns, die 12 Mio vergessenen Familien!

Alles wie immer

Zurück zur Normalität: Für alle außer uns, die 12 Mio vergessenen Familien!

Das Leben draußen nimmt wieder Fahrt auf. Die Parks sind voll mit Menschen, Freizeitparks, Freibäder, Restaurants öffnen und die Hotels bereiten sich auf die Reisewelle vor. Kommt es euch auch so vor, als sei Corona vorbei – als hätte es den Lockdown und die Abstandsregeln gar nicht gegeben? Nein? Dann seid ihr wahrscheinlich Eltern!

Für Familien ändert sich nichts

Arbeitnehmer*innen gehen wieder ins Büro, der Einzelhandel ist geöffnet. Alles super, oder? Ja, aber nur für alle Menschen, die keine Kinder haben! Denn für uns Familien hat sich nichts bis ganz wenig geändert.

Unsere Kinder dürfen, je nach Kommune oder Bundesland wieder stundenweise in die Kita oder Schule. Nicht jeden Tag versteht sich. Nicht alle Kinder, natürlich nicht. Wo kämen wir denn da hin, wenn bei der Rückkehr zur Normalität auch an jede Randgruppe (sprich: Familien) gedacht werden würde?! Die dürfen gern weiterhin bis zur Erschöpfung homeworken, homeschoolen und homebetreuen. Hat ja bis jetzt so gut funktioniert, hat sich ja kaum jemand beschwert.

Elternstimmen verstummen

Die vereinzelt laut gewordenen Stimmen, die über ihren Alltag berichteten, die es sogar wagten, ihre ungewollt erbrachten Lehrer*innendienste in Rechnung zu stellen, die wurden relativ schnell niedergebrüllt. Es sind die immer gleichen Vorwürfe: Kinder sind eine Lebensentscheidung, das hätte man wissen müssen, blablabla ...

Die Eltern, die trotz Corona-Chaos die Energie aufbrachten, auf die Situation von Familien aufmerksam zu machen, denen geht bei all dem Dauerbeschuss die Puste aus. Ich kann das bestätigen, mit jeder neuen Kolumne explodieren meine Postfächer mit Belehrungen und Anfeindungen.

Eltern haben keine Lobby

Wir Eltern hatten keine Lobby als es um Rettungsschirme für Betroffene der Corona-Krise ging, und natürlich haben wir auch jetzt niemanden, der für uns kämpft. Warum eigentlich?! Es gibt Unterstützung für Fluggesellschaften, Autobauer und Unternehmen, die Rekorddividenden an ihre Aktionäre ausschütten. Wen interessieren da schon die rund 12 (!!!) Millionen Familien, die nach wie vor sehen müssen, wie sie zurechtkommen?

Corona trennt die Gesellschaft

Ehrlich gesagt sollten die alle interessieren! Denn es vollzieht sich gerade eine Trennung in der Gesellschaft. Es gibt uns – und es gibt die anderen. Wir Familien stehen denen gegenüber, die Zeit und Muße haben, Sprachen zu lernen, neue Hobbys entdecken, Sport machen können. Dafür haben wir keine Zeit. Wir rotieren zwischen Kinderbetreuung, Videokonferenz und Erledigungen.

Während sie (seht ihr, auch in meinem Kopf gibt es diese Trennung) mit Online-Kursen an sich arbeiten und sich fortbilden, sinken wir abends vollkommen erschöpft mit Schokolade und Wein aufs Sofa und weinen vor Verzweiflung ins Kissen. Für uns gibt es keine Perspektive, schrittweise Schul- und Kita-Öffnungen sind kaum eine Erleichterung, weil sie nur an wenigen Tagen für wenige Stunden eine Entlastung bieten. Und einen Plan, einen Silberstreif am Horizont für die Zeit nach den Sommerferien gibt offenbar auch nirgends.

Wir bleiben stark für unsere Kinder, die von der Gesamtsituation maximal überfordert sind. Für sie halten wir Routinen aufrecht, auch wenn wir schreien wollen, dass doch sowieso alles egal ist. Weil wir uns manchmal so hoffnungslos fühlen.

Wir wollen auch die Hoffnung auf Normalität

Wie sollen wir weitermachen? Klar wollen wir auch Teil der neuen alten Normalität sein, wollen mal durch die Geschäfte laufen, Freund*innen treffen, den interessanten Ted-Talk gucken. Aber wir sind die vergessenen Eltern. Wir machen das meiste nicht, weil zwischen Hausaufgabenbetreuung, Arbeitszeit und Haushaltsführung keine Zeit dafür bleibt. Und weil ein Restaurantbesuch mit Kindern schon in Prä-Coronazeiten selten ein Spaziergang war. Also gibt es weiter Abendbrot am heimischen Tisch, manche gönnen sich den Luxus mal einen Lieferdienst in Anspruch zu nehmen. Yeah!

Eltern halten durch

Es ist nicht wichtig, aber wir Eltern sind sicher nicht die, die am Ende der Krise mit gestählten Körpern und neuen Sprachtalenten vor euch stehen. Wir hatten keine Zeit uns fortzubilden und die Krise als Chance zu begreifen. Stattdessen hoffen wird, dass unsere Partnerschaften nicht am Stress und den ständigen Absprachen über Zuständigkeit zerbrechen.

Wir geben für unsere Kinder das beste, wir entschuldigen uns, wenn wir sie aus eigener Überforderung anmotzen und unfair behandeln. Denn ja, diese Belastung, die wir seit fast drei Monaten aushalten, die hat uns dünnhäutig und unfair werden lassen.

Familien tragen die Hauptlast

Haben sich die anderen mal gefragt, wer eigentlich die Hauptlast in diesen Corona-Zeiten trägt? Das sind ganz sicher auch wir Eltern. Die Millionen Familien, die alles, wirklich alles machen, damit es weiterläuft wie bisher. Wir arbeiten nicht alle in Krankenhäusern, Altenheimen, Supermärkten, wir sind nicht alle systemrelevant. (An dieser Stelle bringe ich einmal mehr meine Bewunderung für alle zum Ausdruck, die schon immer, aber besonders in den letzten Monaten, alles für alle anderen getan haben. Mehr als Applaus und Aufmerksamkeit kann ich nicht spenden, leider!)

Aber wir geben in unseren Jobs 100%, wir kümmern uns um unsere Kinder zu 100% und wir machen Abstriche bei uns selbst. Keine Erholung, keine Pause, kein "alles wie immer" für uns.

Lösungen sind individuell

Was Familien helfen würde, ist sehr individuell. Weil jede Familie individuell ist. Aber ich denke, dass Anerkennen unserer Leistung in den letzten Monaten, das wäre ein erster Schritt. Manchen Eltern würde eine finanzielle Unterstützung helfen. Die aktuell verfügbare finanzielle Entlastung in Corona-Zeiten hat allerdings soviel Hürden, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass sie für viele Familien überhaupt infrage kommt.

Andere Familien bräuchten (Wo)menpower, also jemanden, der die Kinderbetreuung übernimmt, während die Eltern arbeiten. Alleinerziehende brauchen vielleicht andere Unterstützung als getrennt Erziehende. Es wird nicht 12 Millionen Lösungen für 12 Millionen Familien geben. Aber jeder Lösungsansatz mehr zeigt uns Eltern, dass die Politik die Trennung in "wir" und "die" verhindern möchte. Aktuell sieht es aber weiterhin so aus, als besteht daran kein Interesse. Und solange heißt es für die einen "Yeah, endlich wieder das Leben genießen" und für uns Familien, wie seit fast drei Monaten: Durchhalten, wird schon werden. Und ein Ende ist nicht in Sicht! Oder habt ihr von schlüssigen Modellen für Ferienbetreuungen und das neue Schuljahr gehört?

Erzählt uns von euren Erfahrungen

Wir wollen wissen: Was würde euch in der aktuellen Situation am meisten helfen? Was braucht ihr? Was wünscht ihr euch? Und was lief in den letzten Wochen richtig gut? Schreibt uns eine Mail an!

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Mein Fazit

Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich etwas abgestumpft. Jeder Tag ist ein bisschen gleich, jeden Abend sitze ich bis 23:00 Uhr vor meinem Computer und arbeite.

Ich funktioniere, aber so habe ich mir mein Familienleben noch vor wenigen Wochen nicht vorgestellt. Von meinen drei Kitakinder dürfen zwei in die Kita, der Jüngste ist weiterhin bei uns Eltern. Mein Wunsch war nie, dass die Kita ganz schnell wieder aufmacht, denn ich sorge mich nach wie vor um die Ansteckung (auch wenn ich für den Sommer etwas optimistisch bin).

Bald kommen die Sommerferien, dann sind wir wieder alle daheim zusammen. Wie soll es dann weitergehen?

Immerhin, wenn mein Mann und ich dann mit Schokolade (ich trinke keinen Alkohol) auf der Couch sitzen, dann lachen wir ziemlich viel miteinander. Das kann sicher auch nicht jedes Paar nach den herausfordernden Wochen von sich behaupten. Wir Eltern brauchen eine Perspektive, der Druck muss herausgenommen werden.

Und da will ich endlich mehr als Lippenbekenntnisse von Politiker*innen, die in Talkshows immer nur dann über Eltern sprechen, wenn sie direkt darauf angesprochen werden (oder selbst Eltern von kleineren Kindern sind.)

Bildquelle: getty images / AleksandarNakic

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