Kinderpsychiatrie? Kein Grund für Scham!

Gesundheit

Kinderpsychiatrie? Kein Grund für Scham!

Anne hat mehrere psychische Störungen. Mutter Linda erzählt, wie die beiden damit umgehen, wie alles angefangen hat und warum es so wichtig ist, sich Hilfe zu holen. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Es nicht einfach, wenn das eigene Kind anders ist und in unserer Gesellschaft werden psychische Störungen immer noch stigmatisiert. Dieser Erfahrungsbericht ist authentisch und unzensiert. Ein großes "Danke" an Linda* und Anne für die Offenheit und die Möglichkeit, anderen Betroffenen Mut zu machen!

Zweifel an den eigenen Fähigkeiten

Anne war schon immer ein starkes, besonderes Kind. Sie benahm sich oft anders als Mädchen in ihrem Alter und stellte mich vor große Erziehungsprobleme. Ich besuchte gleich dreimal die Elternschule. Und das trotz meiner Ausbildung zur Erzieherin.
Im Kindergarten galt sie als sehr willensstark. Und abends kam es schon mal vor, dass sie Schreianfälle hatte, wobei sie nicht selten ihr Bettzeug zerriss oder Spielzeug durch das Zimmer warf. Der dazu befragte Kinderarzt war der Meinung, das wäre ein Grund zur Freude: "Sie haben eben ein starkes Kind!".
Schnell wurde deutlich, dass Aktivitäten am Tag und Schreien am Abend im Zusammenhang standen. Je mehr die Tochter tagsüber erlebt hatte, desto eher fand abends ein Anfall statt. Oft haben mich Mütter deshalb skeptisch angesehen, wenn sie Anne nach dem Rummel noch mit in die Schwimmhalle nehmen wollten und ich dann ablehnte, weil es zuviel für die Tochter war.
Mit drei Jahren sprach sie besser als viele ihrer fünfjährigen Kollegen. Klar, verständlich und mit korrektem Satzbau. Wenn man sich mit ihr unterhielt, konnte man das richtige Alter schon mal vergessen. Das führte oft zu Überforderungen in anderen Bereichen, in denen sie "normal" weit entwickelt war. Immer wieder musste ich die Umwelt an ihr richtiges Alter erinnern. Bei Erwachsenen hatte sie schnell den Ruf des altklugen Besserwissers weg. Mit vier Jahren verstand sie mühelos Ironie.
Eine weitere Auffälligkeit war ihr Unvermögen, mit sich ändernden Gegebenheiten zu kommen. "Bitte stelle dein Fahrrad heut mal auf die andere Seite." konnte einen heftigen Gefühlsausbruch auslösen. Fand sie ihren zweiten Schuh nicht, tobte sie vor Wut und Empörung. Wie sollte das jemand verstehen? Ich verstand es ja selbst nicht. Deshalb besuchte ich die Elternschule. Wenn das Kind in Ordnung wäre, musste es ja an mir liegen. Die Elternschule war toll. Ich besuchte sie drei Jahre hintereinander. Verändert hat es nichts.

Ohne Ritual und Plan? Schreianfall

Rechte, Pflichten und Regeln waren für Anne schon immer etwas Abstraktes. Erst wenn man sie ordnet und in ein Schema einfügt, werden sie für Anne nachvollziehbar. Also hängen an unseren Schranktüren seit jeher Pläne. Bunte, große, wichtige, kleinere und wechselnde. Alles wird durch Pläne geregelt.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich regelrechte Rituale. Diese Rituale waren vor Beginn der Therapie dermaßen ausgeprägt, dass von dem Moment des Schlafengehens bis zum endgültigen Licht ausknipsen fast 50 Minuten vergingen. Das Laken, die Bettdecke, das Kissen, der Bettvorhang – alles bedurfte gründlichster Aufmerksamkeit. Eine nervenaufreibende Tortur. Alles musste perfekt sein, mehr als perfekt. Selbst mein Tonfall musste jeden Abend gleich sein – sehr schwer, wenn man schon so angespannt ist. Das Laken glattstreichen, das Kissen dreimal schütteln. Das Laken noch einmal glattstreichen, das Kissen drauflegen. Von oben, nicht von der Seite. Dabei entsteht wieder eine Falte im Laken. Glattstreichen. Den Bettvorhang so schieben, dass auf beiden Seiten alles genau gleich aussieht. Hinlegen, wieder aufstehen, alle Falten wieder glattstreichen ... Gab es nur einen Fehler im System, riskierte man einen Schreianfall.

Mehr Offenheit: Anne und ihr Mama machen kein Geheimnis aus den Problemen.

Anne wurde zur Schlafwandlerin, lief nachts durch die Wohnung und wachte irgendwann völlig orientierungslos auf. Vom Schreien bekam sie meist gar nichts mit. Nachbarn klopften drohten damit, dem Jugendamt Meldung zu machen. Mich brachten die fast täglichen Schreianfälle an den Rand des Wahnsinns. Wieder konsultierte ich Ärzte. Die rieten mir, alles locker zu sehen und verschrieben leichte Beruhigungs- und Schlafmittel für das Kind. Die lehnte ich jedoch ab und wir kämpften uns weiter durch die Grundschulzeit. Je länger sie in die Schule ging, desto mehr zeigten sich auch hier Probleme. Die Grundschule wabberte dahin wie eine zähe, langsame Masse. Doch ich war gern bereit, sie testweise auf das Gymnasium zu schicken, denn das war ihr großer Wunsch.

Selbstzweifel und Hilflosigkeit

Leider wurde relativ schnell klar, dass dieser Schulwechsel alles andere als günstig war. Der soziale Druck der Mitschüler überforderte Anne ebenso wie die zweistündige, tägliche Busfahrt. Sie lernte Vokabeln in zwei Minuten, konnte aber keine einzige richtig schreiben. Lehrer beschimpften sie, stellten sie als faul und lernunwillig hin. Ich wusste nicht mehr, in welche Richtung ich gehen sollte: Nach den Lehrern hatte ich ein gleichgültiges, arbeitsscheues Kind, dass einfach besser erzogen werden müsse. Hörte ich auf meine Tochter, wäre die Schule ab dem Moment beendet und alle Träume, die sie für die Zukunft hatte, wären begraben.
Der Druck wurde immer stärker, bis sie eines Tages zum ersten Mal die Schule verweigerte. Sie weinte und wehrte sich, das Grundstück zu verlassen. Anne verweigerte einen Tag nach dem anderen, ich stand in ständigem Kontakt mit Lehrern, besuchte wieder einmal einen anderen Arzt. Jeder versuchte, irgendwie zu helfen - letztendlich waren wir alle hilflos.
* Name von der Redaktion geändert

Hilfe durch die Kinderpsychiater

Nachdem einem weiteren Rezept für ein Schlafmittel, einem Attest für die nächsten zwei Wochen und den Worten "Dann hat sie bestimmt wieder Lust zur Schule." hatte ich genug. Ich fühlte mich nicht ernst genommen und meldete uns in der Kinderpsychiatrie an. Ein furchtbarer Schritt als Mutter - im Nachhinein der Beste, den ich machen konnte!

Von Anfang an wurden viele Störungen vermutet, zur weiteren Diagnostik blieb sie für sieben Monate in stationärer Therapie. Gleichzeitig wurde auch ich mit Gesprächen und Aktionen gestärkt und aufgebaut. Denn meine Kraft war mittlerweile nämlich eher die eines nassen Lappens.
Die Klinik hat uns viel über uns und über unsere Mutter-Tochter-Beziehung beigebracht. Anne lernte Strategien zur Alltagsbewältigung, ich Maßnahmen zur Stress-Deeskalation. Wir haben viel gelacht und auch geweint. Trotzdem machte ich mir jedes Mal, wenn ich die schluchzende Tochter vom Wochenende wieder in die Klinik brachte, viele Vorwürfe: Hätte ich Dinge vorhersehen müssen?, Bin ich Schuld? Wie sehr leidet mein vierjähriger Sohn bereits darunter? Ich zweifelte rund um die Uhr an mir. Am Ende war es so schlimm, dass ich meinen Sohn in zehn Jahren ebenfalls in der Klinik sah. Eine Geduldsprobe, die sieben Monate andauerte.
Dann endlich schossen die Diagnosen wie Hagelkörner auf uns ein: mangelnde Emotionsregulierungen, Zwangsstörungen, Ängste, Legasthenie einhergehend mit einer sehr seltenen Höchstbegabung, Schulverweigerung, Pavor nocturnus in Verbindung mit Schlafwandeln usw.
Eine Diagnose - emotionale Störung - erklärte ihre Schreiattacken. Anne ist ist am Abend emotional so "aufgefüllt", dass sie keine andere Möglichkeit zur Verarbeitung hat als Schreien. Beim Brüllen regeln sich ihre Gefühle wieder auf ein normales Level herunter. Sie schreit, wenn sie sauer ist - aber auch bei Wut oder Trauer. Manchmal sogar, wenn sie sich sehr freut. Ich habe also instinktiv schon immer richtig gehandelt, wenn ich dafür sorgte, dass Anne nicht zu viel Action am Tag hatte.

Für offenen Umgang und Entstigmatisierung!

Anne ist jetzt seit eineinhalb Jahren wieder zu Hause, geht aber wöchentlich zur ambulanten Therapie. Und die neue Schule ist in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen. Vieles hat sich sehr verbessert, anderes wird momentan verstärkt durch die einsetzende Pubertät. Nachdem meine Tochter in der Klinik war, versuchen wir nun, Routinen sofort zu unterbinden, wenn sie sich einschleichen. Sobald wir merken, dass sie mehrmals hintereinander die gleichen Abläufe einfordert, müssen wir das stoppen und diesen Leerraum mit anderen, neuen Handlungen füllen. Aber es ist nicht immer leicht zu unterschieden, wann sich eine liebgewonnene Gewohnheit in ein Ritual und schließlich in einen Zwang verwandelt.
Fels in der Brandung statt nasser Lappen!

Andere Familien, die diese Probleme haben, sind vielleicht irritiert, dass wir damit so offen umgehen - aber für uns ist es ein guter Weg, dem Schreckgespenst "psychische Fehlentwicklung" seinen negativen Touch zu nehmen und ihn als normale Gegebenheit in den Alltag zu integrieren. Alle Klassenkameraden und Freunde wurden von Anne persönlich aufgeklärt und es tut ihrem Anpassungsprozess sehr gut, über ihre Probleme offen zu reden. Sie möchte anderen Kindern und Jugendlichen Mut machen. Und ich versuche, Betroffenen Eltern Kraft und Hilfe anzubieten, die mit ähnlichen Themen zu tun haben. Ich habe eine lange, furchtbare Selbstzweifel-versagungsängstliche-ich-tauge-nicht-als-Mutter-Fahrt hinter mir.
Doch am Ende des Klinikaufenthaltes haben Ärzte und Therapeuten mich gelobt: "Sie haben in ihrer Erziehung wirklich alles richtig gemacht. Wir erleben hier nicht oft, dass Eltern in so schwierigen Situationen und bei dem Dauerstress immer die Kontrolle über sich behalten. Sie haben erzieherisch wertvolle Strategien entwickelt und auch durchgeführt. Behalten sie ihre Konsequenz und ihr Bauchgefühl bei, dann schaffen Sie auch die weiteren Baustellen!" Das war das Beste, was man je zu mir als Mutter gesagt hat - und so wurde aus einem Lappen ein Fels in der Brandung!
Die Ärzte und Therapeuten der Kinder- und Jugendpsychiatrie waren von Anfang an sehr freundlich, kompetent und engagiert. Oft boten sie mir eine Schulter zum Ausweinen an, wenn ich wieder einmal das Gefühl hatte, ich schaffe keinen einzigen, weiteren Tag mehr mit diesem starken, schreienden Kind - dafür danke ich allen Beteiligten! Und ich bin sehr stolz auf meine Tochter, die mit ihren gerade mal 13 Jahren schon so viel erreicht hat!! Sie ist einfach wunderbar ...

Bildquelle:

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